Matthias Helwig, Martin Hagemann, Hanna Dobslaw, Verena von Stackelberg, Kim Ludolf Koch, Maria Köpf, Anne Leppin · © Florian Liedel

„Ich bin dein Kino“ – Martin Hagemann mit einem Beitrag zum Panel beim Lola Festival 2021

„Wenn man sich die derzeit stattfindenden Diskussionen und Beiträge zum deutschen Kinofilm und -markt anschaut, scheint die Dringlichkeit erkannt worden zu sein, diese Probleme, die zu lange nicht ernsthaft angegangen worden sind, endlich zu lösen.“

Nun wird nach vorne geschaut und erstmal miteinander geredet. Der Bond ist gestartet, die Filmpreise vergeben und es verbreitet sich Hoffnung neben den Sorgen einer Filmbranche, die auf der einen Seite kaum weiß, wie sie die nie dagewesene Auftragslage stemmen soll, auf der anderen Seite aber noch spekuliert, ob die Zukunft des bewegten Bildes nun eher auf den kleineren ‚Screens‘ oder doch auch wieder auf der großen Leinwand leuchtet. Mit vielen Fragen zur Zukunft des Kinos beschäftigte sich jüngst ein Panel mit dem Titel „Ich bin Dein Kino“ der Deutschen Filmakademie mit Kinobetreiber:innen zum Auftakt des Filmpreises (welches der Autor dieser Zeilen moderieren durfte), der Filmkongress der AGKINO und in der letzten Woche auch eine große Runde aus fast 30 Verbänden, zu der die BKM eingeladen hatte.

Während auf der Seite der Produktion angesichts der „Auftragsflut“ durch die Streamer und TV-Anstalten nun nicht mehr nur der Fachkräftemangel in allen Gewerken, sondern auch über zu wenige Autor:innen, Regisseur:innen und gute „Writers Rooms“ geklagt wird, taucht in den Diskussionen um das Kino wieder verstärkt der Begriff der „Filmflut“ oder etwas milder ausgedrückt der des „Filmstaus“ auf. In Blickpunkt Film sprach Marc Mensch vor kurzem von seinem Déjà-vu angesichts der verschiedenen filmpolitischen Themen und Positionen auf dem Filmkongress. Erfreulicherweise lässt sich feststellen, dass die aktuellen Debatten über die alten Themen von einem aufmerksamen und unideologischen Ton geprägt sind. Und das ist neu.

Es ist allen, die am Kino hängen, bewusst, dass es kein Zurück zu den alten Verhältnissen geben kann. Die Jahrzehnte alte, meist sehr lukrative Verwertungskette vom Kino über das physische Home Entertainment bis zum TV ist an ihrem Ende angelangt. Damit sind die Möglichkeiten zur Re-Finanzierung auf Seiten der Verleiher und deren Bereitschaft in die Risikofinanzierung von Kinofilmen zu gehen, geringer geworden – auch weil das Recoupment durch die Lizenzierung an TV und Plattformen keine relevanten Ausmaße hat, es sei denn, diese Lizensierungen sind durch Output Deals vor der Produktion abgesichert. Damit werden für Produzent:innen und Kreative die Auftragsangebote von Seiten dieser neuen ‚player‘ immer interessanter, während die Studios in Hollywood den Kampf um das Publikum mit eigenen Plattformen aufgenommen haben und für diese planen – oft auch ohne das Kino. Auch die Interessen der TV-Anbieter richten sich immer mehr nach den Bedürfnissen ihrer Mediatheken. Eine Kinofilm Kofinanzierung mit der Möglichkeit der Auswertung 18 Monate nach Kinostart ist da nicht mehr interessant. Diese Entwicklungen des Marktes haben jetzt schon drastische Auswirkungen auf die Finanzierung und Verwertung kommender Kinofilme und damit auf das Kino selbst. Auswirkungen, welche zu Recht als Bedrohung empfunden werden, aber auch als Chance gesehen werden sollten. Nun, da das Kino „alleine“ in Konkurrenz mit den anderen Anbietern steht, müssen „alte“ Themen dringend angegangen und gelöst werden, müssen Kreative, Produzent:innen, Verleiher:innen, Weltvertriebe, die Kinos und die Politik an einem Strang ziehen, wenn es um den europäischen und deutschen Kinofilm und die Kinos geht.

Kim Ludolf Koch von der Cineplex Gruppe brachte dies auf dem Panel der Deutschen Filmakademie auf den Punkt, als er darauf hinwies, dass in Deutschland die Kinos nur 40% der Bevölkerung erreichen, während diese Reichweite in vielen anderen europäischen Ländern fast doppelt so hoch sei. Um eine höhere Reichweite erreichen zu können, wurden auf dem Panel vor allem von Verena von Stackelberg, der Betreiberin des Wolf Kinos in Berlin, stärkere Bemühungen um die Filmbildung, und die Einführung eines subventionierten Kino-, bzw. Kulturtickets für Schülerinnen und Schüler angemahnt, um die nächste Generation der Kinogänger nicht zu verlieren. Alle Kinobetreiber:innen stimmten diesen Forderungen zu; mit den Resultaten solcher Maßnahmen darf aber sicher erst mittelfristig gerechnet werden. Kurzfristig könnte eine unabhängigere Programmierung und Disposition der Kinos zu einer besseren Reichweite und einer stärkeren Publikumsbindung an das jeweilige Kino beitragen. Immer häufiger wird öffentlich darauf hingewiesen, dass die Theater vor Ort am besten wüssten, mit welchen Fassungen und zu welchen Zeiten ihre Säle mit welchen Filmen bespielt werden müssten, um ein optimales Programm für ihr lokales Publikum anbieten zu können. Hanna Dobslaw, die in Berlin-Wedding das Alhambra leitet, appellierte in diesem Zusammenhang an die Filmbranche, das Schubladen-Denken zwischen Kunst und Kommerz zu beenden. So wie die Programmkinos den Bond spielen würden, wären die größeren Häuser daran interessiert, ihr Programm zu diversifizieren und mehr deutsches und europäisches Arthouse Programm anzubieten, so wie dies z.B. in Frankreich sehr erfolgreich in den größten Multiplexen praktiziert würde. Mit dem Cineplex in Neufahrn nannte Koch ein in diesem Sinne gut funktionierendes Beispiel aus seiner Gruppe.

Um das eigene Kinopublikum an neue Programme heranzuführen und über ein diverseres Gesamtprogramm stärker binden zu können, bedürfe es aber – darauf wies Matthias Helwig von den Breitwand Kinos in Gauting, Starnberg und Seefeld hin – größerer Bemühungen im Bereich der Werbung und des Marketings. Kinos, die Filme ohne große Marketingetats spielen, sind immer mehr selbst vor Ort gefordert, da viele dieser Filme über lokale Veranstaltungen und Initiativen beworben werden müssen. Die diesbezügliche Forderung nach einer größeren Herausbringungsförderung für Verleiher, aber auch für die Kinos, wird derzeit in allen Diskussionen erhoben.

Womit der Kreis sich schließt und man angesichts der sich andeutenden Verschiebungen der Förderung in Richtung Entwicklung und Herausbringung davon ausgehen muss, dass es in Zukunft neben weniger Minimumgarantien der Verleiher und weniger Koproduktionsbeiträgen der Sender auch weniger Produktionsförderung für Kinofilme geben könnte. Und damit spitzt sich die ebenfalls schon lange unbeantwortete Frage nach der Aufsplitterung der Förderungen und deren Auswahlmechanismen und -kriterien auf regionaler und nationaler Ebene zu. Wäre es richtig, zu einer Trennung zwischen der Förderung künstlerisch orientierter Filme auf der einen Seite und einer vorrangig auf ökonomische Erfolge zielenden Förderung auf der anderen Seite zurückzukehren, so wie es sie an den größeren Standorten bis in die Mitte der 90er Jahre gab? Wie können in Deutschland Filme mit höheren Budgets finanziert werden, die die Konkurrenz mit Filmen aus anderen europäischen Ländern, aber auch den Vergleich mit Produkten der Streamer und TV-Anstalten nicht scheuen brauchen. Denn nur dann geht das „Talent“, welches solche Filme entwickeln und herstellen kann, dem Kino nicht verloren. Und wie kann neben dieser schon nicht leichten Aufgabe gewährleistet werden, dass eine dringend nötige erzählerische und ästhetische Innovation im deutschen Kinofilm stattfindet, so dass sich seine Chancen beim heimischen Publikum, auf Filmfestivals und auf ausländischen Märkten verbessern können und wie findet daneben noch der filmische Nachwuchs mit seinen Filmen schneller den Weg ins Kino und zum Publikum?

Wenn man sich die derzeit stattfindenden Diskussionen und Beiträge zum deutschen Kinofilm und -markt anschaut, scheint die Dringlichkeit erkannt worden zu sein, diese Probleme, die zu lange nicht ernsthaft angegangen worden sind, endlich zu lösen. Das wird nur in einem Aufbruch mit allen gemeinsam gehen und wird auch nur dann positive Resultate zeitigen, wenn das Ziel, das Publikum stärker für das Kino zu interessieren, von allen als vorrangig angesehen wird. Dazu bedarf es sicher größerer finanzieller Mittel und es wäre an der Zeit zur Finanzierung der größeren Produktionen und ihrer Herausbringung zu Tax-incentive Modellen zurückzukehren, die diesmal – anders als in den 90er und 00er Jahren – zum Wohle des deutschen und europäischen Kinofilms und damit der deutschen Kinos eingerichtet werden müssen, bevor die Förderintensität weiter in Richtung 100% steigt.

Die gemeinsame Erkenntnis darüber, dass der Aufbruch des Kinos nun angesichts der übermächtig erscheinenden Konkurrenz nur mit den unterschiedlichsten, aber gleichermaßen relevanten, anregenden, aufregenden, fordernden und unterhaltsamen Kinofilmen gelingen kann, scheint die Branche bei aller Sorge zusammen zu führen. Sich gemeinsam auf Filme zu konzentrieren, die das Publikum aus unterschiedlichsten, gleichermaßen guten Gründen NUR IM KINO sehen möchte, darum wird es gehen.