Die Deutsche Filmakademie trauert um Jörg Jeshel

Jörg Jeshel wurde 1943 in Berlin geboren, in den Krieg hinein, was auf keine einfache Kindheit schließen lässt. Von seinem Leben hat er nur selten erzählt. Er lachte gerne und redete nicht viel. Wenn er redete, konnten seine Sätze scharf und treffend sein. Er war ein zurückhaltender, manchmal schüchterner Mann. Sein Gesicht jungenhaft. Ich konnte nie glauben, dass er 20 Jahre älter ist als ich.

Wir lernten uns 2002 kennen, da hatte er schon eine ganze Karriere hinter sich. Jörg lernte an Staatlichen Schule für Optik und Fototechnik in Berlin, in der Zeit vor den Filmakademien. Die Bilder, die er mit der Filmkamera machte, konnten immer für sich stehen, jedes einzelne. Ich werde nie das Gesicht von Traudl Herrhausen vergessen, in „Black Box BRD“ von Andres Veiel, gedreht 2001. Ein Gesicht, halb im Schatten, aus dem die Augen funkelten: ein Kunstwerk.

Die Liste der Filme, die er gemacht hat, ist lang. Es sind Spielfilme darunter und Fernsehserien, vor allem aber Dokumentarfilme, in denen sein Können besonders glänzen konnte. Er hat 1981 einen Klassiker des ethnologischen Films gedreht, „Schamanen im blinden Land“, für den er mit Michael Opitz Ende der 70er Jahre auf anstrengende Expeditionen in den Himalaya stieg, um für viele Monate unter den Menschen dort zu leben. Als ich den Film zum ersten Mal sah, waren es Jörgs Bilder – ruhig und intensiv, nah und fern zugleich – die mich in den Bann schlugen: Bilder einer fremden Welt, fern von Kitsch und Romantik, von roher Schönheit.

„Kopfleuchten“, den er mit Mischka Popp und Thomas Bergmann drehte, schloss fast zwanzig Jahre später daran an: eine Expedition in die Köpfe von Menschen, die die Welt mit anderen Augen sehen als wir, die wir uns für Normal halten. Wieder schaffte es Jörg, das Andere mit seinen Bildern so zu zeigen, dass es anders bleiben konnte – und wir, die Zuschauerinnen und Zuschauer, dem Anderen, der Fremde, doch ein wenig näherkamen.

Zusammen haben wir im Sommer und Winter 2002 / 2003 eine Reihe für das Fernsehen gedreht, „Schwarzwaldhaus 1902“. Jörg war immer noch ein junger Abenteurer, auch mit fast 60 Jahren. Für mich war es der erste Film als Regisseur. Ich stand verloren zwischen den Kulissen. Jörg fragte mich, wohin er die Kamera stellen sollte, und ich sagte: weiß ich doch auch nicht. Er grummelte und fing an zu drehen. Noch heute staune ich über die Bilder, die er damals gemacht hat – die Tiefe, die Nähe zu den Menschen, die Natur mit ihrer Schönheit und Grausamkeit. Er hat mich und den Film gerettet.

Wir arbeiteten nur noch einmal zusammen, für „Abenteuer Gutshaus“, wieder eine Expedition in eine andere Welt. Aber Jörg blieb unserer Firma, der zero one film, immer eng verbunden. Für Markus Imhoof drehte er “More than Honey“ und zuletzt mit Andres Veiel „Beuys“. Mit Brigitte Kramer, seiner Frau und Lebensgefährtin über vierzig Jahre lang, machte er Filme über Künstlerinnen und Künstler, über Sasha Waltz oder Ulrike Ottinger. Gemeinsam mit Brigitte, von der er wegen der vielen Filme oft für Monate getrennt war, hatte Jörg ein Grundstück in Brandenburg, wohin er sich zurückziehen konnte. Als man sich im Mai dort wieder aufhalten durfte, fuhren sie in den Garten. Jörg habe sich, sagt Brigitte, über die Farben gefreut, über die Pflanzen, die Blüten, die Natur. Dann fiel ihm das Atmen schwer. Er fiel ins Koma. Am 4. Juni 2020 starb Jörg im Alter von 76 Jahren im Krankenhaus Neuruppin.

Ich habe Jörg mehr zu verdanken, als ich ihm zurückgeben konnte. Sein Tod hinterlässt eine große Lücke. Wir vermissen ihn als Mitstreiter, als Kameramann, als Verbündeten. Vor allem aber vermissen wir ihn als Freund und Gefährten.

Seine Bilder bleiben.

Ein Nachruf von Volker Heise.