© Roman Babirad
Nachruf

Wir trauern um unser Gründungsmitglied Mario Adorf

Am 8. April ist der große deutsche Schauspieler und unser Gründungsmitglied Mario Adorf in Paris verstorben. Er hat den deutschen Film der letzten 60 Jahre in allen Phasen nachhaltig geprägt, ohne sich in welcher Weise auch immer vereinnahmen zu lassen. Das war auch der Grund für seinen gleichzeitigen internationalen Erfolg. Er war sich selbst immer selbstverständlich – und wurde vielleicht darum vom Publikum immer verstanden. Und geliebt.

Sein Freund Volker Schlöndorff nimmt für die Filmakademie Abschied von einem Star mit Aura und ohne Allüren:

Ich war noch sehr jung, Mario ein paar Jährchen älter als wir uns kennengelernt haben. Es war bei einem Abendessen im Hause von Senta Berger und Michael Verhoeven, irgendwann Mitte der siebziger Jahre, Mario Adorf eroberte Margarethe von Trotta und mich an diesem Abend vor allem mit der Art und Weise, wie er Anekdoten erzählte: jede einzelne knapp, scharf formuliert und poliert wie eine kleine Shownummer, wie ein „Kabinettstückchen“ eben. Für diese Kunst war ich umso empfänglicher, als ich sie selbst schlecht beherrschte.

Auf der Heimfahrt von diesem Abend haben Margarethe und ich beschämt festgestellt, daß wir bisher auf Grund blöder Vorurteile an einer ganzen Generation wunderbarer deutscher Schauspieler vorbei gearbeitet hatten. Das sollte sich schnell ändern. Gerade hatte Heinrich Böll uns die Korrekturfahnen seines neuen Romans „Die Verlorene Ehre der Katharina Blum“ geschickt. Der Kölner Kommissar Beizmenne war Mario Adorf von der Erscheinung wie von der Sprache her auf den Leib geschrieben.

In der „Blechtrommel“ war Mario Adorf Matzerath, der „rheinische Koch, der seine Gefühle im Kochen von Suppen ausdrückte“, Angela Winkler seine Frau Agnes, der „armen Mutter“ des kleinen Oskar. Von den ersten Probetagen an bestand grosses Vertrauen, beinahe eine Art Komplizität zwischen Mario und mir. Hatte ich Probleme mit anderen Darstellern oder mit dem Kameramann, war er es mit dem ich mich aussprach. Leider konnte ich ihm meinerseits bei einem Problem nicht helfen, dem Umgang mit unserem 10 jährigen Hauptdarsteller David Bennent. „Wir sind doch alle nur Wasserträger für den kleinen Oskar“, das hatte Mario früh erkannt. So war der Roman geschrieben, so fokussierte der Film noch mehr und vor allem so behandelte ich David am Set.

Zur Abrundung seines Charakters fehlte im Schnitt dann leider eine wesentliche Szene, wie so viele andere auch, die damals leider wegen Überlänge schliesslich entfallen mussten. Der Mitläufer Matzerath stellt sich auf einmal gegen die Nazis, als sein kleiner Sohn abgeholt werden soll. Einer der Hauptgründe nach 30 Jahren nochmal auf den Film zurückzukommen und einen director’s cut zu machen, war endlich diese Szenen hinzuzufügen und damit Marios Charakter gerecht zu werden.

Egal welche Rolle Adorf spielt, einen Kindermörder, einen Mafioso, einen Kommissar, einen Suppenkoch oder einen Rotlichtboss – er muss unbedingt ‚ankommen‘. Das war etwas Zwanghaftes, es war stärker als er. Es ist aber auch seine Stärke. Denn nur deshalb hat er ein Leben lang, von seiner ersten Rolle in „Nachts wenn der Teufel kam“ bis zu unserer letzten Zusammenarbeit, den „Enigma Variationen“, so an seinen Mitteln gearbeitet, denn jede Geste, jeder Blick, jede Intonation, jede Pause und Pointe mussten sitzen wie die Handgriffe eines Trapezkünstlers. Diese „Mittel“ eben, die in angelsächsischen Ländern, wo der Schauspieler ‚so tut als ob‘ (Sir Laurence Olivers ‚I just pretend‘), hoch geschätzt werden, bei uns aber, wo man es gerne existenzieller hat, als „blosse Mittel“ kritisiert werden.

Doch neben den Mitteln seiner Kunst war es Marios Persönlichkeit, die seine Rollen prägte. Es ist das Gesicht des Darstellers Mario Adorf, das uns berührt. ‚Wieviele Seiten müsste ich schreiben, hat Max Frisch mir einmal gesagt, um eine Ahnung davon zu geben, was ein Gesicht in Großaufnahme in wenigen Sekunden ausdrücken kann?‘ Filme werden mit Schauspielern gemacht, aber jeder Film ist auch ein Dokument über Schauspieler. Neunzig und mehr Lebensjahre waren in der Landschaft dieses Gesichtes aufgehoben, unendlich viele Rollen und ebensoviel eigenes Leben haben diese Züge geprägt, spiegelten sich in diesen Augen so, dass wie bei allen großen Stars Kunst und gelebtes Leben nahtlos ineinander übergingen.

(Dieser Text erschien zunächst in der Süddeutschen Zeitung)

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