© Mathias Bothor

Wir trauern um Gründungsmitglied Hark Bohm

Die Deutsche Filmakademie verabschiedet sich von Regisseur Hark Bohm, der am 14. November im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Als Gründungs- und Ehrenmitglied sowie als Initiator der Werkstattgespräche hat er nicht nur das Filmschaffen in Deutschland sondern auch die Akademie maßgeblich geprägt.

Ein Nachruf von Fatih Akin

Es heißt, Vollblutfilmemacher sind Egoisten. Ihre ganze Welt dreht sich nur um den Film, an dem sie gerade arbeiten. Jeden Augenblick. Selbst im Schlaf. Zeit für Familie oder soziales Engagement sind Luxus. Wer seine Zeit für diese Dinge opfert, kann kein Vollblutfilmer sein, denn sie teilen nicht. Aber Hark Bohm hat stets geteilt …

Vor zehn Jahren, Hark war 75, fing unsere Zusammenarbeit an: zunächst am Drehbuch zu „Tschick“, dann „Aus dem Nichts“. Für Monate steckten wir jeden Tag die Köpfe zusammen, schrieben, verwarfen, stritten und versöhnten uns. Er schmiss alles, was er wusste, in diesen Film. Und er wusste soviel! Dabei war es leicht Hark zu unterschätzen, denn für einen Vollblutfilmemacher hatte er, wie ich damals dachte, auf zu vielen Hochzeiten getanzt: Er hatte gerade „Moritz lieber Moritz“ fertiggestellt und drehte „Im Herzen des Hurrican“, als er 1979 den Filmstandort Hamburg aus der Taufe hob: Zuvor gab es immer wieder mal Filme aus Hamburg, aber nur, wenn die nötigen Kulissen gebraucht wurden. Eine hanseatische Filmkultur gab es nicht, bis Hark Bohm das Hamburger Filmbüro mitgründete. Es war bundesweit die erste Filmförderung ihrer Art. Damit hat Hark Bohm das gesamtdeutsche Filmschaffen mitreformiert. Das Hamburger Modell war eine Blaupause für alle anderen regionalen Filmförderungen, ohne die es heute den deutschen Film in seiner Form nicht geben würde. 1993, zwischen seinen Filmen „Herzlich Willkommen“ und „Für immer und immer“ gründete er das Filmstudium an der Universität Hamburg. Sein kokett formuliertes „If you can do it, you do it! If you can´t do it, you teach it!“ stimmte für ihn selbst auf keinen Fall.

Hark hat all diese Dinge nicht getan, weil seine Karriere ins Stocken geriet, oder weil ihm nichts mehr eingefallen ist – er hatte Zeit seines Lebens immer einen Film im Kopf. Hark hat diese Dinge getan, weil er das Medium Film wirklich geliebt und gelebt hat – bis zum letzten Atemzug. Er hat sein Wissen und seine Expertise geteilt, weil er sich der Kunstform vollkommen verschrieben, ja eine Verantwortung ihr gegenüber empfunden hat. Ein Vollblutfilmer, der eben kein Egoist war! Der Vollblutfamilienmensch war. Von ihm konnte ich lernen, dass diese Dinge zusammen gehen können.

Als er „Amrum“ machen wollte, sollte das sein letzter Film werden. Er war schon in den 80ern und wollte diesen einen Film noch unbedingt machen. Ich half ihm, weil die körperlichen Kräfte ihn verließen. Nie die geistigen. Er machte den Film. Er erlebte die gefeierte Premiere. Wieder in Cannes wie bei „Aus dem Nichts“, diesmal jedoch aus der Ferne. Er hat den Erfolg an der Kinokasse miterleben dürfen. Auch in diesem Film ist sein einzigartiges Close-Up auf die Leinwand gebannt. Er steht am Meer und es ist seine letzte Einstellung. Welch ein würdevoller Abschied. Der Abschied eines Vollblutfilmemachers, der uns allen fehlen wird.