© Florian Liedel

Filmakademie trauert um Rosa von Praunheim

Am 17. Dezember ist der Regisseur, Autor und Aktivist Rosa von Praunheim im Alter von 83 Jahren in Berlin verstorben.

Als Pionier des queeren Kinos und zentrale Stimme der Neuen Deutschen Filmbewegung setzte er bereits mit frühen Filmen wie „Die Bettwurst“ (1970) und „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) Maßstäbe für ein politisches, radikales und persönliches Kino. Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Unsere Leichen leben noch“ (1981), „Ein Virus kennt keine Moral“ (1986) und „Der Einstein des Sex“ (1999). In „Meine Mütter – Spurensuche in Riga“ (2007) und „Praunheim Memories“ (2014) widmete er sich seiner eigenen Biografie. Für „Tally Brown, New York“ erhielt er 1979 das Filmband in Silber. Für sein Lebenswerk wurde er unter anderem mit der Berlinale Kamera, dem Special Teddy Award, dem FIRST STEPS Ehrenpreis sowie dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Erst Ende November kam sein letzter Film „Satanische Sau“ in die Kinos.

Regisseurin und Filmakademie-Mitglied Julia von Heinz verabschiedet sich in einem letzten Brief auf ganz persönliche Weise:

Liebster Rosa,
noch am Freitag hast du geheiratet. In pinker Ballonseide, umgeben von deiner Wahlfamilie, hast du Olli das Ja-Wort gegeben und diesen wundervollen Anlass bis spät in die Nacht gefeiert. Du sahst bei deiner Hochzeit jünger aus als wir alle. Am Vortag noch war die Rohschnittabnahme deines letzten Filmes, in der Woche zuvor eine Kinopremiere, und gestern erst erzähltest du mir von den vier Filmideen, die du deinem Redakteur nächste Woche vorstellen wirst.

Seit ich dich vor 20 Jahren kennenlernte, hast du stets mindestens fünf Filmideen im Kopf, immer wird ein Film gerade geschnitten, einer hat Premiere und der nächste ist schon in Planung. Du bist immer rege, neugierig und frei von Urteilen, wenn du Menschen gegenüber trittst, als Regisseur und als Freund. Alles darf sein, niemand wird nach seinem Status und nach seiner Wichtigkeit beurteilt. Und immer gehört dein Herz den Suchenden, denen, die mühsam um ihren Platz kämpfen, denen, die am Rand stehen. Du hast nichts mehr geliebt und gefördert, als diese Suche, das Zweifeln – und das Glück, das Unglück in Kreativität und Kampfgeist zu verwandeln. Das hast du von uns allen immer verlangt: dass wir nicht aufgeben und nicht jammern, sondern machen. Machen war dein wichtigster Ratschlag. Schreiben, malen, filmen, anstatt zu warten und über die letzte Absage zu trauern. Aufstehen und mit Freunden etwas inszenieren, einen Handyfilm über die Familie drehen, Gedichte schreiben und veröffentlichen! Hauptsache weitermachen.

Was machst du jetzt? Drehst du weiter deinen langen langen Lebensfilm, der aus weit über 100 Filmen besteht und so ein langes langes Porträt unserer Zeit ergibt?

Du bist 1942 in einem Gefängnis in Riga geboren worden mitten im Krieg. Und hast daran gelitten, dass der Krieg auch jetzt wieder näher zu kommen schien. Du hast in den 80 Jahren dazwischen das erfüllteste und sinnvollste Leben gehabt, das ein Künstler leben kann. Du hast die emanzipatorischen Bewegungen, die diese Jahrzehnte prägten, als filmische Stimme begleitet, dokumentiert und oft genug selbst angeführt.

Was können wir tun, um deine Stimme weiter zu hören?

Es ist noch zu frisch. Noch höre ich dich. Du sagst mir, was ich machen soll. Fortführen, was ich bei dir erlebt habe: junge Leute fördern und dabei ganz schonungslos und ehrlich sein! Alte Menschen lieben und niemals alleine lassen, wenn sie einsam sind. Ganz viele Bücher lesen. Selbst welche schreiben und jeden Tag Tagebuch! Nach New York ziehen. Freundschaften pflegen und den Partner mit Liebe überschütten. Rosa, noch höre ich dich. Du hast mich 20 Jahre lang fast täglich angerufen. Mir zu jedem Drehtag ein Gedicht geschrieben. Dreimal mein Leben gerettet. Und mich in so viel Liebe gehüllt, dass ich weitermachen und weiterkämpfen kann, so wie du es immer gewollt hast.
Deine Julia