Die Filmakademie trauert um Ehrenmitglied Georg Stefan Troller
Ein Nachruf von Rainer Rother
Hochbetagt – das traf auf ihn nicht recht zu, auch nicht, als er schon weit in seinen neunziger Jahren war. Denn da war seine Stimme: kaum gealtert, so sonor und oft mit diesem ironischen Unterton, wie früher, als er den Fernsehjournalismus in der Bundesrepublik Deutschland revolutionierte. Und dann sein wacher Geist: nicht die Spur gealtert, fix und präsent wie je, reaktionsschnell im Gespräch, pointiert und pointenreich auch. Das war zu erfahren etwa in seinen Lesungen in der Deutschen Kinemathek, der er sein Arbeitsarchiv überlassen hatte, und bei jedem anderen seiner öffentlichen Auftritte. Troller, der als Sechzehnjähriger nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland in die Emigration fliehen musste, als Soldat der US Army zurückkehrte – „Der Krieg war zu Ende und gewonnen“, notierte er, nämlich für die Menschheit – erscheint auf den ersten Blick als unwahrscheinliche Wahl für den bedeutendsten TV-Journalisten des westdeutschen Fernsehens – der er ohne Zweifel war. Mit seinem „Pariser Journal“ oder seinen „Personenbeschreibungen“, das allein waren 120 Beiträge, setzte er nicht nur Maßstäbe, er etablierte einen völlig neuen Ton, bestätigt in all den folgenden Dokumentationen und Interviews. 1.700 Gespräche sollen es geworden sein, über 200 Filme dazu. Die Reportagen und Interviews sind legendär, der Ton durchaus subjektiv geprägt, die Perspektive: voller Neugier. Er ging an seine Themen, an die Personen nicht mit einer abzuhakenden Liste heran, ihn interessierte, was das Gegenüber ihm offenbaren würde, hoffte auf Überraschungsmomente durch Fragen jenseits der Routine. So erhielt er das Unerwartbare: Reaktionen von Menschen, nicht von publicitygeschulten und auf Standardantworten getrimmten Stars oder Politikern.
Jede Auswahl an Namensnennungen dieser Filme wäre verkürzend und ungerecht. Nur so viel: jede und jeder brachte eine lohnende neue Erfahrung für das Publikum: Trollers Verdienst, nicht so sehr jenes seines Gegenübers. Das war die Folge dessen, was man seine Methode nennen könnte, offen sein und bleiben, Begegnungen ohne Vorurteil ermöglichen. Die Partner zeigten sich entsprechend gelegentlich frappiert, wurden aber eingenommen vom ernsten und beharrlichen Interesse Trollers, an ihnen, den Menschen. „Menschenfresser“ hat Thomas Brasch ihn in seinem Gespräch mit Troller genannt, ein unvergesslicher Moment: „Sie sind der Kellner, das Publikum sind die Gäste – und ich bin das Schnitzel“. Troller reagiert: „Ich will nur, dass Sie nach sich selbst schmecken.“ Die Replik: „Sagte der Menschenfresser.“ Zwei begegnen sich und am Ende ist deutlich, sie respektieren sich.
Troller, der die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau erlebte, dem 19 Angehörige im Holocaust ermordet wurden, war von stupender Produktivität, der Star des westdeutschen dokumentarischen Fernsehens. Doch verbarg er seinem Publikum gegenüber lange seine jüdische Identität. Erst sollte es ihn akzeptieren, möglichst lieben, bevor es davon erfuhr. Ein Beispiel für den Selbstschutz des Mannes, der seine durch die Fluchterfahrung prägende Menschenscheu schließlich in der Neugier auf andere Menschen überwand. So nahm er die Zuschreibung von Thomas Brasch schließlich an: „Wir sind alle Menschenfresser“, leben vom Austausch mit anderen. Die Erfahrungen seines Lebens hat er in vielen seiner Bücher vermittelt und nicht zuletzt in der wunderbaren Film-Trilogie „Wohin und zurück“ (1981-86), die sein Freund Axel Corti nach seinen Drehbüchern realisierte. Der letzte Teil heißt „Welcome in Vienna“, der Titel ist also falsch, aber das traf es. „Welcome to Vienna“: diese Erfahrung fehlte ihm, der nach dem Kriegsende nach Wien hatte zurückkehren wollen, doch fühlte er sich dort fremd, als Fremder vor allem behandelt. So musste er, der die deutsche Sprache so liebte und ebenso bereicherte, einen neuen Ort finden. Nach dem Studium in den USA ging er 1949 mit einem Stipendium an die Sorbonne. In Paris lebte er seither: ein großer Filmemacher, Dokumentarist, Schriftsteller, ein Zeitzeuge. Ein Jahrhundertmensch, der 103 Jahre lang voll jugendlicher Neugier blieb und einer Welt, die ihm so viel genommen hatte, so vieles gegeben hat.