© Filmfest München / Volker Rebhan
Nachruf

Die Filmakademie trauert um Alexander Kluge

Ein Nachruf von Alfred Holighaus

„Meine Liebe zum Film ist nicht zu trennen von den Erfahrungen, die es in der Wirklichkeit gibt.“
Alexander Kluge

Am 25. März 2026 hat er tatsächlich stattgefunden, der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Alexander Kluge, der Filmemacher und Rechtsanwalt, der Philosoph und TV-Überlister, der Schriftsteller und Filmpolitiker, der schlaue Schalk der künstlerischen Soziologie und Liebhaber der gepflegten Assoziation, nahm seine Gegenwart und somit auch seine Gegenwärtigkeit und vor allem sein Gewärtig-Sein aus der Zeit und ließ diese und uns damit übrig. Das hat weh getan.

Aber Alexander Kluge, der Godfather des Neuen Deutschen Films, der Lehrer und gelehrige Schüler des selbstbewussten, aber auch selbstkritischen Erzählens auf Zelluloid und – ja, auch besonders hinreißend – auf Papier und vor der wie zufällig hingestellten Fernsehkamera, wäre nicht Alexander Kluge (gewesen), hätte er uns nicht gleichzeitig ganz viel Trost und Linderung hinterlassen. Seine Filme – vom „Abschied von gestern“ über „Der starke Ferdinand“ zur „Patriotin“ und weit darüber hinaus -, seine Bücher – ganz weit vorne „Bestandsaufnahme: Utopie Film“ und ganz weit oben die lebenswichtige „Chronik der Gefühle“ -, seine unglaublichen Interviews, die so viel über seine kreative Neugierde einerseits und die kreative Unbändigkeit seiner Gesprächsparter:innen andererseits erzählt haben. Das gibt es noch. Das hat er in der übrigen Zeit platziert, als riesigen Schatz an Bildern, Texten, Gedanken, Pointen, Initiativen und Streichen, dessen Gold glänzt und der jederzeit neu gehoben werden kann.
Dass dabei auch die Linderung einmal Schmerz verursachen kann, liegt in der Natur seines künstlerischen und intellektuellen Habitats.

Alexander Kluge war Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie und deren Ehrenpreisträger im Jahr 2008, er war das Gesicht und sicherlich auch ein Großteil vom Hirn des Oberhausener Manifests von 1962, er war einer der Initiatoren des Kuratoriums junger deutscher Film und damit Vordenker der Filmförderung. Er war Professor an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und hat dort mit Edgar Reitz die Abteilung für Filmgestaltung aufgebaut. Er lehrte auch an der Universität von Frankfurt am Main, wo sich ja auch das ihm vertraute Institut für Sozialforschung von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer befand und er im Jahr 2012 noch einmal eine Poetik-Vorlesung zu seinem Lieblingsthema „Erzählen“ hielt.
Zum 90. Geburtstag von Alexander Kluge schrieb der Autor und Feuilletonist Claudius Seidl für die Filmakademie einen Geburtstagsgruß und führte auch ein bemerkenswertes Gespräch mit ihm im Rahmen des Filmfests München. In dem Text kam Seidl auf einen bedeutenden Punkt der Arbeit und des Wesens von Alexander Kluge: „Wenn er Texte schrieb, Filme inszenierte, seiner wunderbaren und wundersamen Fernsehshows produzierte, dann ging es im Grund immer um die Wahrheitsfindung. Und der ungeheure ästhetische Reiz liegt darin, dass diese Wahrheitsfindung niemals zu Ende ist, weil sich Alexander Kluge von niemandem dazu zwingen lässt, ein Urteil zu sprechen. Das Urteil wäre ja das Ende der Kunst.“

Das Ende der Kunst wäre auch das Ende der Gegenwart – und der Zukunft. Der Weggang von Alexander Kluge aus seiner Gegenwart öffnet den Blick auf eine, auf unsere Gegenwart, die das Ende der Aufklärung, der Kunstfreiheit, der Lust am Denken, der Freude am Erzählen und der ständigen Neuentdeckung des Zustandes der Menschheit und vor allem der Menschlichkeit beinhalten könnte.
Das ist die schlechte Nachricht vom Tod Alexander Kluges.
Aber, lieber Alexander Kluge, wir haben Sie und die Nachricht verstanden.

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Alexander Kluge und Claudius Seidl über die nächsten 90 Jahre Filmgeschichte · Filmfest München 2022
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Themen: Nachruf