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Peer Steinbrück | THE DEER HUNTER

„Ich hatte immer eine Skepsis gegenüber Kriegsfilmen“, eröffnet Peer Steinbrück den ersten Abend der neuen Reihe MEIN FILM. Auf Einladung der Deutschen Filmakademie zeigen prominente Vertreter aus Politik und Gesellschaft einen für sie bedeutenden Film – einen Film, der sie bewegt hat oder der ihnen von besonderer, möglicherweise zeitloser Wichtigkeit erscheint.

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Zweifellos ist Michael Ciminos THE DEER HUNTER ein solcher Film. Meryl Streep, Robert DeNiro und der junge Christopher Walken zeigen in einer beklemmenden Darstellung, wie der Vietnamkrieg in die amerikanische Gesellschaft einbricht. Aus der epischen, beinahe sechzigminütigen Eingangssequenz entwickelt der Film in drei Stunden eine Anordnung über den Verlust der Unschuld im Krieg.

Aber es geht um mehr. Steinbrück weist in seiner intensiven, stets unsentimentalen Einführung vor Beginn der Vorstellung nachdrücklich darauf hin, dass Michael Cimino vor allem die aus den Ereignissen resultierende Beziehungslosigkeit der Charaktere zum Thema macht. Insofern sei THE DEER HUNTER eben kein Kriegsfilm: Der Krieg selbst werde kaum gezeigt. Das anhaltende Trauma – und damit das Trauma einer ganzen Gesellschaft, ganzer Generationen – sei es, das schleichend um sich greift. Der Film mache nicht die Schlacht zum Thema: Cimino erzähle von den USA, nicht von Vietnam, und er erzähle vom Einfluss des Krieges auf sein Land.

„Am Vorabend ihrer Abreise nach Vietnam feiern Michael und Nick die Hochzeit ihres Freundes Steven. Es ist zugleich eine Abschiedsfeier, die Stimmung ist ausgelassen und zuversichtlich. In Vietnam geraten die Freunde allerdings bald in die Gefangenschaft der Vietcong. Sie werden in Tigerkäfigen im Fluss gehalten, stehen dort bis zum Mund im Wasser und werden nur befreit, um mit ihren Aufsehern ‚Russisch Roulette‘ zu spielen. Die Vietnamesen wetten darauf, bei der wievielten Betätigung des Abzugs eine Kugel im Lauf steckt und der Gefangene stirbt. Durch eine tollkühne Tat gelingt den dreien die Flucht: Michael richtet die Waffe zunächst viermal gegen sich selbst – doch der Lauf bleibt leer. Nun sind die Chancen auf eine Kugel sehr hoch, und tatsächlich kann er mit dem nächsten Schuss einen seiner Widersacher töten. Im dritten Akt schließlich sehen wir Michael, körperlich unversehrt, an den psychischen Folgen seiner Kriegserfahrungen nahezu zerbrechen. Er fliegt erneut nach Vietnam, um den dort zurückgelassenen Freund zu finden. Doch Nick ist ebenfalls traumatisiert: In einem Casino in Saigon spielt er Russisch Roulette gegen sich selbst. Er erkennt Michael nicht, der schließlich aus Verzweiflung selbst eine Runde mit ihm spielt. Dieses eine Mal allerdings liegt die Kugel im Lauf, und als Nick gerade beginnt, seinen Freund zu erkennen, erschießt er sich.“

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Die Rezeptionsgeschichte von THE DEER HUNTER ist zweigeteilt. Zunächst löste der Film einen Skandal aus. Julie Christie, die 1979 der Jury der Berlinale vorstand, sah wie viele andere in dem Film eine Kriegsverherrlichung. Der Journalist Peter Scholl-Latour wies darauf hin, dass es im Vietnamkrieg nie zu den im Film gezeigten Vorgängen gekommen sei; mithin es sich hier um die kolonialistische Darstellung eines antikolonialistischen Befreiungskampfs handele.

Doch gegen alle Widerstände änderte sich die Rezeption binnen eines Jahres. Der Film wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet, unter anderem für die beste Regie. Mitte der achtziger Jahre gelang THE DEER HUNTER gar der Sprung in die Top-100 des amerikanischen Filminstituts und zählt seitdem zu den wichtigsten Filmen der Geschichte.

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Noch immer? Auch über dreißig Jahre nach der Entstehung des Films habe ich das Kino beeindruckt und bewegt verlassen. Die Generation Steinbrück ist die erste seit vier Generationen, die ein Leben lang verschont von Kriegen blieb. Es ist bereits die Generation meines Vaters. Die Bindungsunfähigkeit der Hauptfiguren aus THE DEER HUNTER steht stellvertretend für die Konflikte dieser vergangenen Jahrzehnte; in Deutschland weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinausgehend bis in heutige Familienbeziehungen. Die Prägung durch den Umgang mit den Traumata der Vergangenheit wirkt lange fort. Dass wir in unserer Zeit so nachdrücklich daran erinnert werden, wenn uns die Bilder dieses Films begegnen, sollte Mahnung genug sein: Auch die Beteiligungen an Kriegen im Irak, in Afghanistan und an anderen Orten bringt hervor, wovon Michael Cimino in seinem Film erzählt. Die Wirkung betrifft nicht nur die direkt Beteiligten, sondern auch diejenigen, die mit den Heimkehrenden leben. Dass es dabei, ausgehend von der kleinsten gesellschaftlichen Einheit – der Familie – übergreifend um alle geht, das machen Peer Steinbrück und der von ihm ausgewählte Film unmissverständlich klar.

(Text und Video: Malte Kreutzfeldt)

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