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Jan Ole Gerster::bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises
Thomas Kufus, Lucki Stipetic, Werner Herzog mit Rainer Rother und Alfred Holighaus::beim Warm Up zum Deutschen Filmpreis
Tom Berkmann, Jan Ole Gerster, Friederike Kempter, Christopher Colaco, Florian Menzel, Philipp Schaeper und Tom Schilling::beim Warm Up zum Deutschen Filmpreis

LOLA Visionen 2012

Vier Abende in der Astor Film Lounge

Das Erstaunlichste vorweg: Obwohl die Gesprächsrunden der LOLA VISIONEN seit 2006 die unterschiedlichsten Menschen und Arbeitsansätze zusammenbringen, gelingen Jahr um Jahr aufs Neue interessante und unterhaltsame Abende rund um den Film und seine Entstehung.
Seien es Einblicke in die Methodik, Hintergründe zu spezifischen Filmen oder einfach Anekdoten aus der Arbeit – im Vorfeld des Deutschen Filmpreises hat diese Veranstaltung mittlerweile einen festen Platz im Kalender der filminteressierten Öffentlichkeit. Wir haben die VISIONEN daher auf vier Abende erweitert und laden neben den nominierten Regisseuren nun auch die Schnittmeister, die Tongestalter und – endlich! – auch die Schauspieler zum öffentlichen Werkstattgespräch.

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Regie

Neben den nominierten Regisseuren der Spielfilme – Tim Fehlbaum (HELL), Christian Petzold (BARBARA), David Wnendt (KRIEGERIN) – waren auch die Dokumentarfilmer Corinna Belz (GERHARD RICHTER PAINTING), Angelina Maccarone (CHARLOTTE RAMPLING – THE LOOK) und Peter Dörfler (THE BIG EDEN) eingeladen; außerdem Johannes Schmid (WINTERTOCHTER) sowie Cooky Ziesche, die den Regisseur Andreas Dresen vertrat. Cooky Ziesche ist selber in der Kategorie Drehbuch nominiert; ihr gemeinsamer Film HALT AUF FREIER STRECKE wurde bei der Verleihung als Bester Film ausgezeichnet.

Die Podiumsteilnehmer der LOLA VISIONEN Regie

Mit der diesjährigen Auswahl rückten sehr ernste Themen ins Zentrum – die Suche nach Identität, das Älterwerden, Krankheit und Tod. Diese Themen sind bei HALT AUF FREIER STRECKE zum bestimmenden Plot verwoben. Sie sind aber auch und in besonderem Maße bei CHARLOTTE RAMPLING – THE LOOK und bei GERHARD RICHTER – PAINTING spürbar. Die Begegnung der Generationen in WINTERTOCHTER, die Fragen nach Zugehörigkeit und Identität in KRIEGERIN: Wenn es noch eines Beweises für die Auseinandersetzung mit den großen Themen der Gesellschaft und der aktuellen Bezüge bedurft hätte, im Filmjahr 2012 konnte man ihn leicht finden.

Einen Schwerpunkt im Gespräch bilden vor allem die Dokumentarfilme. Mit Gerhard Richter wurde der wichtigste deutsche Maler der Gegenwart portraitiert, dessen Werke seit Jahrzehnten zu den bestimmenden Leitmotiven der bildenden Kunst gehören. Beinahe zurückhaltend spricht Corinna Belz über die ersten Begegnungen mit dem Künstler; darüber, wie sie ihre Arbeitsweise und Fragetechnik langsam umstellen musste, um für den wortlosen Schöpfungsprozess der Bilder eine eigene Filmsprache zu entwickeln.

Die „besondere Verantwortung für das Bild“ formulierte schon Detlev Buck in einer der ersten VISIONEN (2007). Im Falle eines dokumentarischen Portraits kommt dieser Verantwortung noch eine neue Dimension hinzu: Ein solcher Film bestimmt das Bild, das sich die Öffentlichkeit vom Portraitierten macht. Verständlich, dass sich alle drei – neben Gerhard Richter auch Rolf Eden und Charlotte Rampling – das Recht der Endabnahme vorbehielten. Allerdings erwähnt Angelina Maccarone beinahe nebenbei, dass sie sich aus diesem Grund zu Beginn der Produktion gefragt habe, ob sie drei Jahre Arbeits– und Lebenszeit in ein solch risikobehaftetes Werk investieren soll. In gewissem Sinne müsse die Lust auf die Beschäftigung mit dem Portraitierten also unabhängig vom Film bleiben, sagt Maccarone.
Diese Sorgen hat sich Peter Dörfler sicher nicht gemacht, und seine Einschätzung von Rolf Eden („es ist ganz einfach, jemanden wie ihn zu einem Filmportrait zu bewegen, da er sowieso nichts lieber tut, als sich im Fernsehen anzusehen“) hat bei der Abnahme des Films auch zugetroffen: Mit einem „sehr schön, immer wieder, immer gern“ gab der siebenfache Vater den Film frei.

Das „innere Motiv“ der Filme allerdings liegt jenseits des Portraits. Die widersprüchliche Lebensgeschichte von Rolf Eden ist ein schönes Beispiel dafür: Der offensichtlichen Leichtigkeit des Seins stehen Kriegserfahrungen und mühsame Aufbaujahre gegenüber.

Christian Petzold (BARBARA), Tim Fehlbaum (HELL) und Peter Dörfler (THE BIG EDEN)

Der zweite große Schwerpunkt des Abends gehört der Entstehungsgeschichte von HALT AUF FREIER STRECKE. Andreas Dresen hat mit diesem Film ein eindrückliches Kammerspiel geschaffen; und einige von ihm eingesetze Stilmittel sind denen des Dokumentarfilms nicht unähnlich: Die Kameraführung, der Schnitt (auf den Jörg Hauschild dann an einem der folgenden Abende zu sprechen kommt) und, im Besonderen, die Besetzung: Neben Milan Peschel und Steffi Kühnert spielen hauptsächlich Laiendarsteller mit, die allerdings in besonderer Weise mit dem Thema des Films verbunden sind: Die Darstellerin der Tochter hat ihre Mutter selbst durch Krebs verloren; die Palliativmedizinerin Anwar ist tatsächlich in der Krebstherapie tätig und muss, so Cooky Ziesche, etwa zwei bis dreimal pro Woche Gespräche wie die im Film gezeigten führen.

Das verleiht dem Film eine beklemmende Authentizität, und es ist eine interessante Herangehensweise an das Thema. Beinahe ein Crossover, eine Art "Dokufiktion". Cooky Ziesche erzählt auch sehr eindrücklich davon, dass ein solches Projekt nicht ohne eine nachhaltige Beschäftigung mit dem Thema "Tod", einem zwingenden eigenen Interesse daran möglich wäre. Und Milan Peschel, der für seine Darstellung in diesem Film mit der LOLA ausgezeichnet wurde, spricht am Abend der VISONEN SCHAUSPIEL auch darüber, dass ihn die Arbeit der Projektentwicklung ebenso wie die Szenen mit der Ärztin vor Herausforderungen gestellt habe, die ihm in seiner bisherigen schauspielerischen Arbeit selten widerfahren sind.

Die meisten der nominierten Filme sind also äußerst persönliche Auseinandersetzungen an der Grenze zwischen Fiktion und Realität. Das wird durch Christian Petzolds BARBARA und David Wnendts KRIEGERIN nur bestätigt. Petzold lässt seine Hauptfigur in das Land und die Zeit seiner Kindheit reisen, und dies buchstäblich: Zu Beginn des Films steht (wie so oft bei Petzold) eine Art Reise, und wir sehen immer wieder auch die Wege der Figur. Bei Petzold sind diese Wege ja auch immer die Lebensadern und Nervenzellen des Films. BARBARA zeigt das in seltener Dichte und Genauigkeit, immer auch in großer Stille (was wiederum am Abend der VISIONEN TONGESTALTUNG eine große Rolle spielt).

Auch die Arbeit an Wnendts KRIEGERIN geht auf eine Reise zurück. Der Autorenfilmer, der für sein Buch mit dem diesjährigen Filmpreis ausgezeichnet wurde, ist zu Beginn der Neunziger Jahre von Berlin in die umliegende Provinz gefahren und hat dabei sein Thema – Frauen in der Neonazi-Szene – beinahe zufällig gefunden. Seine Figuren folgen realen Vorbildern. Alina Levshin (auch sie mit dem diesjährigen Filmpreis ausgezeichnet), berichtet während der VISIONEN SCHAUSPIEL auch von ihrer eigenen Vorbereitung, die wiederum Recherche und die intensive Beschäftigung mit der Realität erforderte; dabei ebenfalls von einer Reise, bei der sie eine der Frauen getroffen hat und befragen konnte.

Video: Die LOLA VISIONEN Regie auf vierundzwanzig.de.

Tongestaltung

Die Podiumsteilnehmer der LOLA VISIONEN Tongestaltung mit dem Moderator Peter R. Adam

In deutlich kleinerer Runde begegnen sich die nominierten Tongestalter: Andreas Mücke-Nysitzka, Manfred Banach, Martin Steyer und Dominik Weber sprechen über Petzolds BARBARA und Roland Emmerichs ANONYMUS – zwei Filme, die unterschiedlicher kaum sein können. Mit Peter R. Adam moderiert zudem ein erfahrener Tonmeister, der in den letzten Jahren allerdings eher durch seine Arbeit als Cutter auf sich aufmerksam machte: von GOOD BYE, LENIN bis ANONYMUS verantwortet er den Schnitt einer Vielzahl deutscher Filme der jüngeren Vergangenheit.
Bereits in der Eröffnung des Abends entwickelt Peter Adam eine interessante Variante der Begriffsunterscheidung Stummfilm – Tonfilm: Wirklichen Stummfilm habe es nie gegeben. Bereits die ersten Filme seien durch Livemusik unterlegt gewesen, und die Sehnsucht nach dem Reduzierten, Handgemachten fände sich einer Renaissance wie in THE ARTIST, der bei der diesjährigen OSCAR®–Verleihung der strahlende Sieger war. Die Tongestaltung findet erst seit wenigen Jahren eine Würdigung bei Deutschen Filmpreis (erstaunlicherweise, denn kein Film kommt ohne differenzierte audiovisuelle Konzepte aus).


Der Abend gehört neben Gesprächen über die Möglichkeiten und Grenzen der Technik aber vor allem den Erzählungen aus den Dreharbeiten. Seien es die speziellen Aufnahmetechniken, die Andreas Mücke-Nysitzka für die Dialogaufnahmen auf dem Fahrrad bei BARBARA entwickelt hat, oder die ins Unermessliche anwachsende Liste an Neben- und Störgeräuschen, die es am Set zu bewältigen gilt: Diese VISIONEN waren ein humorvoller Einblick in die Sorgen und Nöte hinter den Kulissen. Unvergesslich die Beschreibung Manfred Banachs über den Auftritt von Vanessa Redgrave während ANONYMUS; prägnant und in perfektem Timing die Beschreibung Peter Adams über die Tongestaltung der Geschosse.

Video: Die LOLA VISIONEN Tongestaltung auf vierundzwanzig.de.

Schnitt

Die Podiumsteilnehmer der LOLA VISIONEN Schnitt mit der Moderatorin Kyra Scheurer

So selbstverständlich es im Grunde sein müsste, so überraschend ist es immer wieder: Die Charaktere eines Films sehen sich innerfilmisch, gleichzeitig ist dieser Kosmos aber nicht in sich geschlossen, sondern wird durch den Betrachter geöffnet und legitimiert. Dieser außerfilmische Blick des Zuschauers wird zunächst über die Perspektive der Kamera bestimmt – während der Postproduktionsphase dann aber in entscheidendem Maße durch den Schnitt. Bettina Böhler (BARBARA) verwendet zu Beginn einer Szene gern eine Naheinstellung. Der Zuschauer verknüpft seine Wahrnehmung zuerst mit der Figur, erst später dann mit der Situation oder dem Ort, an dem sich diese Figur befindet. Und immer geht es auch um Verdichtung; um die Reduktion von Dialog oder das Herausarbeiten eines Handlungsstranges. Peter R. Adam (ANONYMUS) ergänzt, dass sogar das eigentliche Thema eines Films im Schnitt konzentriert herausgearbeitet wird. Bei einem hochkomplexen Plot wie im Fall ANONYMUS besteht eine besondere Herausforderung in der Exposition und dem ersten Akt. Zudem sind dem Zuschauer die Rahmenbedingungen eines historischen Films oft nicht geläufig. Schon das Drehbuch sei sehr kompliziert zu lesen gewesen, sagt Adam. Der fertige Film zeigt in den ersten zwanzig Minuten eine verwirrende Menge an Informationen, Charakteren und Handlungssträngen. Danach wird man mit einem für Roland Emmerich untypischen Film belohnt: Eine character–driven story, die neben der Frage, wer Shakespeare war, in Wahrheit das Verhältnis eines in der Öffentlichkeit stehenden Staatsmannes zu seinem kreativen Innenleben untersucht, das aufgrund der Umstände in seiner eigentlichen Identität nicht offenbart werden kann.


Im Gegensatz zu der komplexen Eröffnung von ANONYMUS steht die Exposition von HALT AUF FREIER STRECKE. Beinahe eine Kuriosität: Die Exposition des Films war zunächst nur als eine Form der Recherche erarbeitet worden und sollte gar nicht im Film vorkommen. Dennoch haben Dresen und sein Team diese "Probe" gedreht, und nach den ersten Mustern war schnell klar, dass sich mit dem Diagnosegespräch gleich zu Anfang des Films eine Öffnung des Themas erzählen ließ, die mit den bisherigen Szenen nicht zu erreichen war.

Video: Die LOLA VISIONEN Schnitt auf vierundzwanzig.de.

Schauspiel

Die Podiumsteilnehmer der LOLA VISIONEN Schauspiel mit dem Moderator Antoine Monot jr.

Schauspieler verantworten oft nicht nur die Gestaltung ihrer Rolle, sondern setzen sich mit dem gesamten Stoff auseinander. Es hat immer wieder Arbeiten gegeben, deren große Kraft und Wirkung aus der Zusammenarbeit zwischen Schauspiel und Regie entstanden ist.

Milan Peschel, der für seine Darstellung des Vaters in HALT AUF FREIER STRECKE mit dem Filmpreis ausgezeichnet wurde, hat gemeinsam mit der Schauspielerin Steffi Kühnert, der Dramaturgin Cooky Ziesche und dem Regisseur Andreas Dresen nach einer ersten Storyline die Dialoge des Films mitentwickelt. Die größte Herausforderung bei der Arbeit sei allerdings, so Peschel, durch die Besetzung der anderen Rollen entstanden: Der Film zeigt auf beinahe halbdokumentarische Weise auch Gespräche mit einer Ärztin – die eben tatsächlich eine Ärztin ist. Das ist ein filmisches Experiment: Eine fiktive Geschichte, die unter den größtmöglich realistischen Bedingungen in Szene gesetzt wird. Und eine Begegnung zwischen der fiktionalen Welt der Rolle des Vaters und der realen Welt der Rolle der Ärztin.


Auch Alina Levshin (KRIEGERIN) erzählt von den Recherchearbeiten, die sie in Kontakt mit Frauen aus der Neonaziszene gebracht habe; und Peter Rommel (DIE SUMME MEINER EINZELNEN TEILE) findet große Übereinstimmungen mit seiner Rolle bereits in sich selbst: Die Liebe zur Welt der Zahlen vor allem, einen Spagat zwischen den Welten der Kunst und der Mathematik.



Am interessantesten aber (und in der Öffentlichkeit nicht oft erlebt) ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Ergebnis. Bernhard Schütz, der seit Jahren auch zu den wichtigsten Theaterschauspielern gehört, hat dem großen Thema der Begegnung zwischen Realität und Fiktion, zwischen Dokumentation und dokumentarischer Recherche mit seinen Überlegungen noch eine weitere Ebene hinzugefügt: Die bewusste Distanz durch Fiktion sei ein wesentlicher Bestandteil des Betrachtens, so Schütz. In Marc Baudes DAS SYSTEM gibt es nach seiner Auffassung zu wenig Fiktion oder besser: zu wenig fiktionale Verdichtung. Außerdem sei dadurch auch eine eigene Distanz erschwert – Humor beispielsweise, der ja immer eine gewisse Draufsicht erfordert, ist in einer dokumentarischen Erzählweise sehr schwierig.

Video: Die LOLA VISIONEN Schauspiel auf vierundzwanzig.de.

Am Schluss

Dieser Bogen über vier Abende in der Filmlounge ist sicher das Bemerkenswerteste, was eine im Grunde ja lose Folge von Gesprächen vereinen kann: Die Spannungsverhältnisse zwischen Realität und Fiktion, die Distanz der Betrachtung bei gleichzeitiger emotionaler Verbundenheit des Zuschauers. 
Einige Tage nach den VISIONEN wurde HALT AUF FREIER STRECKE von Andreas Dresen als Bester Spielfilm ausgezeichnet. Der Film schafft genau die Brücken, die Verdichtung, die Distanz und die Nähe – ja, sogar den Humor, von dem Bernhard Schütz in anderem Zusammenhang sprach. Die verwendeten Mittel siedeln auf dem schmalen Grat zwischen Dokument und Fiktion, und der Film ist in seiner leisen, unaufwändigen Art ein großartiges Zeugnis des Filmjahres 2012.

Eine Nominierung für die LOLA ist eine herausragende Würdigung. Wir bedanken uns bei allen Gesprächteilnehmern, und wir freuen uns auf die LOLA VISIONEN 2013!

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