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In guten wie in schlechten Zeiten?

Die heftige, teils öffentliche Debatte der letzten Monate über das Verhältnis zwischen Kino und Fernsehen wird nicht erst seit Volker Schlöndorffs Überlegungen 2007 zum Amphibienfilm geführt. Seit nunmehr vierzig Jahren ist fast kein deutscher Kinofilm ohne Fernsehbeteiligung entstanden. Der aktuelle Streit um den angeblich deformierenden Einfluss des Fernsehens auf eine sendetaugliche Dramaturgie und Ästhetik des Kinofilms ist so alt wie die Diskussion um den Amphibienfilm selbst.

v.l.n.r.: Stefan Arndt, Gebhard Henke, Tom Spieß, Jasmin Tabatabai, Hans Janke, Peter Körte, Gloria Burkert und Stefan Rusowitzky | Foto: © 2009, Florian Liedel / Deutsche Filmakademie
v.l.n.r.: Stefan Arndt, Gebhard Henke, Tom Spieß, Jasmin Tabatabai, Hans Janke, Peter Körte, Gloria Burkert und Stefan Rusowitzky | Foto: © 2009, Florian Liedel / Deutsche Filmakademie

Die Anfänge des neuen deutschen Kinos und seine großen Erfolge wie z.B. DAS BOOT gäbe es ohne das Fernsehen gar nicht. Ist die Ehe zwischen Kino und Fernsehen noch zu retten? Können sich die Beiden überhaupt diesen Konfessionsstreit zu einer Zeit leisten, in der das Internet rasant die alten Medien kassiert?

Diese und andere Fragen zum Thema wurden am 8. Februar 2009 in der Akademie der Künste in Berlin am Pariser Platz gestellt. Als Podiumsteilnehmer begrüßte die Deutsche Filmakademie Stefan Arndt und Gloria Burkert (Produzenten), Gebhard Henke (Leiter des Programmbereiches Film, Unterhaltung und Familie, WDR), Hans Janke (stellvertretender Programmdirektor des ZDF und Fernsehspielchef), Peter Körte (stellvertretender Leiter Feuilleton, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) und Stefan Ruzowitzky (Regisseur und Autor). Die Moderation hatte Jasmin Tabatabai, Schauspielerin und Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie, inne.

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Peter Körte:

„Ich glaube, dass der Kinofilm durch die Erwartungen des Koproduzenten Fernsehen deformiert ist. Es gibt bei Autoren und Regisseuren das Gefühl, man müsse bestimmte Standards erfüllen. Ich halte das nicht für gut. Es muss eine große Trennschärfe zwischen Kinofilm und Fernsehfilm geben. Ein Kinofilm muss als solcher auch im Fernsehen sichtbar bleiben, er darf sich nicht durch Anpassung an die Formate kleiner machen, als er sein könnte.”

Hans Janke:

„Das Bild über diesen ominösen Einfluss von Redakteuren ist eine wirkliche Mär und muss endlich aus der Welt. Ich glaube keinen Moment daran, dass wir als Redakteure in der Lage gewesen wären, beispielsweise eine Besetzung von ANONYMA gegen den Willen des Regisseurs oder des Produzenten zu erzwingen oder auch nur mit Erfolg zu empfehlen. Aber der entschiedenste Vorwurf, den ich Herrn Körte mache, ist, dass man nicht alles jenseits dieser Trennschärfe denunzieren darf. Man darf nicht das Kino in den Olymp heben und sagen, alles andere da unten ist der Dreck. Dass wir es nicht von früh bis spät richtig machen liegt an der Tatsache, dass wir von früh bis spät senden. Das Kino kommt nicht von früh bis spät, das kommt zur Premiere und dann oft lange gar nicht mehr.”

Stefan Ruzowitzky:

„Öffentlich–rechtliches, gebührenbezahltes Fernsehen hat eine Verpflichtung gegenüber dem Kino. Natürlich gibt es Redakteure, die bei Abnahmen sagen, was ihnen nicht so gut gefällt. Aber dieses Recht nehmen sich andere auch heraus, und dass ein Redakteur gesagt hätte ‚Dieses Musikstück nur über meine Leiche’, das kenne ich persönlich so nicht. Als Regisseur muss ich meine Sachen argumentieren und muss mich durchsetzen – gegen meine Produzenten, gegen meine Förderer, das ist ein normaler Prozess. Aber ich will der von Peter Körte geforderten Trennschärfe zustimmen: Ich glaube, dass ist das Einzige, wie Kino überleben kann. Ein Zuschauer darf zu Recht die Erwartung haben, dass er im Kino etwas Anderes, Größeres bekommt. Fernsehen hat nie den Aufmerksamkeitsgrad, den Kino hat. Wenn ich im Kino sitze, konzentriere ich mich voll darauf – wenn ich fernsehe, bügele ich dabei. Deswegen muss im Fernsehen viel mehr geredet werden, vielmehr erklärt werden.”

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Gebhard Henke:

„Diese Diskussion über die Trennschärfe ist für mich völlig anachronistisch, was nicht bedeuten soll, dass das Kino am Ende ist. Aber die ästhetische Debatte, dass es fundamentale Unterschiede zwischen Fernsehen und Kino geben soll, ist für mich absurd. Ich habe ein völlig anderes Verhältnis zum Kino: Das muss doch keine Grabpflege sein. Wenn Sie sich heute internationales Kino ansehen, ist es doch ungeheuer beeinflusst durch neue Medien. Der deutsche Fernsehfilm ist mittlerweile akzeptiert, das deutsche Kino nicht, auch wenn ich glaube, dass sich das nach oben entwickelt. Aber wie viele Kinofilme gibt es, die wirklich ein großer Erfolg waren? Es ist nicht schwer vorauszusagen, dass beispielsweise GOOD BYE, LENIN! auch im Fernsehen mit großem Erfolg läuft. Also profitiert das Fernsehen doch direkt davon, wenn ein koproduzierter Film im Kino erfolgreich ist. Dass es nicht einmal vorstellbar ist, dass ein Fernsehredakteur auch weiß, dass es sich bei der Produktion um einen Kinofilm handelt – und dass sie dafür kämpfen, dass es ein Kinoerfolg wird, denn das strahlt ja auch auf uns zurück –, das finde ich ungeheuerlich. Kein Fernsehredakteur wird zum Kameramann eines Kinofilms sagen ‚Denk mal bei der Amphibie an den TV-Zweiteiler und mach eine Scheiß–Einstellung für mich’. Herrschaftszeiten! Wo sind wir denn!”

Gloria Burkert:

„Meine größte Sorge ist eigentlich, dass die jungen Menschen nicht mehr ins Kino gehen – und fernsehen sowieso nicht. Dass das alles übers Internet geht; dass man es schaffen kann, sich einen Film aus Amerika zuerst ins Internet zu laden und damit auch noch der Größte ist. Aber wenn man weiter Kino und Fernsehen machen will, dann brauchen wir eine finanzielle Grundlage. Das Hauptproblem für Produzenten wird also, wie wir unabhängig werden können, das heißt: Wo und wie wir unsere Produkte verkaufen können. Und weil wir nur auf dem heimischen Markt reüssieren können, brauchen wir das Fernsehen als Partner für das Kino. Wir müssen dahin kommen, dass wir eine unabhängige Finanzierung auf die Beine stellen können. Die Krux ist, dass wir manchmal verdammt gute Fernsehfilme haben, wogegen ganze Genres im Kino nicht vorkommen. Da müssen wir raus, wenn wir das Kino retten wollen.”

Stefan Arndt:

„Wir haben ein Schimpfwort erfunden, das heißt: Fernsehen ist schlecht für den Kinofilm. Ich meine, Teile des deutschen Kinofilms sind dann vielleicht auch einfach noch nicht gut genug. Warum sind die nicht gut genug? Das müssen wir rausfinden. Aber wir werden das nicht rausfinden, indem wir unterstellen, dass es ‚fernsehhaftig’ wäre. Die Filme sind nicht Unikat genug, sie sind nicht aufregend genug, sie sind einfach nicht irre genug. Aber die Zeiten des hehren Fernsehens oder des hehren Kinos allein werden sich ändern: So, wie viel mehr online gesehen werden wird, werden die von uns hergestellten Inhalte in vielen verschiedenen Auswertungsformen an die Menschen herangetragen. Dadurch werden mehr Menschen unsere Filme sehen, da bin ich durchaus optimistisch.”

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Videos: © 2009, Malte Kreutzfeldt / Deutsche Filmakademie

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