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Peter Dinges

„Ich freue mich wirklich sehr, dass ich heute vor Ihnen stehen kann und die Gelegenheit habe, zu Ihnen zu sprechen. Ich gehe ganz bewusst ein Stück weiter und sage Ihnen, es ist mir eine Ehre. Warum? Weil die Filmakademie für mich nicht nur der Ausrichter des Deutschen Filmpreises ist, sondern der intellektuelle Motor hinter dem deutschen Film, die Diskussionsplattform auf der zukunftsorientierte und innovative Fragen miteinander besprochen werden können.

Dass sie mich heute eingeladen haben, zeigt mir, dass sie auf meine Meinung wert legen. Das freut mich und verpflichtet mich gleichermaßen. Zumal die schwierige Frage, die Sie mir gestellt haben QUO VADIS, DEUTSCHER FILM? in fünf bis zehn Minuten wohl kaum zu beantworten ist. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob sie überhaupt bzw. von wem diese Frage wirklich beantwortet werden könnte. Eines wissen wir jedoch, nämlich wo wir hin wollen! Wir wollen hin zu mehr Besucherpopularität. Internationale Auszeichnungen und Preise sind uns nicht genug.

Wenn wir heute von deutschem Film sprechen, welchen meinen wir dann eigentlich? Diese Standortbestimmung müssen wir zunächst vornehmen, bevor wir wissen, wo wir hin wollen. Es die Frage nach Identität! Wie deutsch sind Produktionen wie BLACK BOOK und PLANET EARTH, wie deutsch ist Claude Chabrols GEHEIME STAATSAFFÄREN und Sergej Bodrows DER MONGOLE, die doch alle von der BAFA ein deutsches Ursprungszeugnis bekommen haben und von der FFA gefördert wurden. Wie deutsch sind Tom Tykwers THE INTERNATIONAL und Stephen Daldrys DER VORLESER, die den kulturellen Eigenschaftstest des DFFF bestanden haben.

Ich stelle fest, wir haben drei Instanzen in diesem Land, die den Lackmustest ‚Deutscher Film’ durchführen:

- den kulturellen Eigenschaftstest des DFFF
- die BAFA bzw. das FFG und
- die Deutsche Filmakademie

Dies ist ein Luxus, den sich nur wenige Länder – besser gesagt gar kein anderes Land – in der Innen- wie auch der Außenwahrnehmung leisten würde. Die Frage ist: Wie stark trägt die wirtschaftliche und kreative Mitverantwortung des deutschen Produzenten die Identität ‚Deutscher Film’?

Wie viele ‚Heads of Department’, wie viele ‚deutsche Schauspieler’, wie viel ‚deutscher Autor’ und wie viel ‚deutscher Regisseur’, wie viel ‚deutsche Sprache’ und ‚deutsche Story’, wie viel ‚deutsche Drehorte’ braucht ein Film um ‚deutsch’ zu sein. Ich weiß, ich wandle auf dünnem Eis, aber wir sind ja nicht hier, um über Profanes zu sprechen.

Warum die Beantwortung dieser Frage so wichtig ist? Nicht nur deshalb, weil es so schön ist, eine Identität zu besitzen, sondern auch, weil die Beantwortung dieser Frage eine wirtschaftliche Notwendigkeit und eine Voraussetzung für den Erfolg des deutschen Films ist.

Wo wir hinwollen, wissen wir – zu mehr Besucherpopularität. Nachdem wir für uns also festgestellt haben, dass wir die Identität des deutschen Films klarer fassen müssen, stellt sich jetzt die Frage, wie ihn denn diejenigen sehen, die dafür im Schnitt sechs Euro ausgeben sollen. Das ist unsere Jury – der Kinobesucher.

Wie einige von Ihnen wissen, hat die FFA eine Imagestudie zum deutschen Film in Auftrag gegeben. Was man auch immer von der Aussagekraft solcher Studien halten mag, die ersten Ergebnisse sind da und – wie ich meine – interessant.

Aus der Sicht der filmaffinen Konsumenten, der Kinogänger, liegt der amerikanische Film in seiner Reputation eindeutig vor dem deutschen Film. Das überrascht Sie nicht. Zwar lobt man Thema, Story und Realitätsnähe sowie den Anspruch des deutschen Films. Er wird von den Befragten jedoch im Vergleich zum amerikanischen Film als weniger aufwändig, weniger abwechslungsreich, weniger unterhaltsam und zu wenig professionell angesehen.

Es ist auch festzustellen, dass das Image des deutschen Films kaum polarisiert. Lassen Sie es mich mit einfachen Worten so formulieren: Es fehlt an Mut, Humor Abwechslung, Action und einer klaren Zielgruppenorientierung. Es fehlen die Pegelausschläge aus dem Klischee!

Meine Damen und Herren, ich gehe davon aus, dass weder Sie noch ich dem zustimmen können. Wir sehen das anders. Und doch würde jeder zweite Befragte am deutschen Film etwas ändern. Wobei die häufigste Empfehlung mehr Information und mehr Werbung für den deutschen Film ist. Das finde ich überraschend und darin liegt gleichzeitig die Lösung.

Offenbar ist es uns bislang nicht gelungen, das eigene Selbstverständnis des deutschen Films an den Kinobesucher heranzubringen. Wir bewerben alles Mögliche in der FFA, warum denn nicht endlich den deutschen Film. Das möchte ich gern und dazu brauche ich Ihre Unterstützung.

Meine Damen und Herren, um dem deutschen Film ein Gesicht zu geben, um sein Image im Inland zu verbessern und den Marktanteil deutlich zu steigern, um den deutschen Film präsenter zu machen, reicht es nicht ein Imagestudie in Auftrag zu geben und dann eine Werbeagentur das Ganze schon irgendwie machen zu lassen. Das kann die FFA auch allein.

Nein, hierzu bedarf es eines intellektuellen Überbaus, einer Idee dessen, was der deutsche Film heute ist und morgen sein soll. Und genau dazu brauche ich Ihre Hilfe.

Es gibt Handlungsbedarf. Im September lag der Markanteil des deutschen Films mit 14,7 Mio. Besuchern bei 16 Prozent. Bislang hatten wir lediglich zwei Besuchermillionäre. Mir reicht das nicht. Und die 25,8 Prozent aus dem letzten Jahr, die so euphorisch gefeiert wurden, feiere ich im Sinne des deutschen Films nach außen gerne mit, aber hier sollten wir ehrlich miteinander sein. Und mir kommen die Tränen, wenn unsere französischen Nachbarn traurig darüber waren, dass man zum Halbjahr lediglich 44 Prozent Marktanteil verzeichnen konnte.

Also, setzen wir uns zusammen – und dabei sehe ich auch Dieter Kosslick an – und überlegen uns, was genau wir vermitteln wollen! Denn darum geht es. Lassen Sie uns dies bald tun, gleich im nächsten Jahr.

Dies kann Hand in Hand mit dem neuen Filmförderungsgesetz gehen. Auch das neue FFG kann dazu beitragen, den deutschen Film wesentlich nach vorne zu bringen. Ich bezweifle aber, ganz offen gesagt, dass noch mehr Produktionsfördermittel die Popularität des deutschen Films beim Kinobesucher verbessern oder, anders gesagt, deutlich mehr Besucher in deutsche Filme locken werden.

Ich bleibe dabei: Es gibt ein Informations- und ein Werbedefizit. Nur so lassen sich zusätzliche 60 Mio. Euro Produktionsfördermittel im Jahr, die uns der DFFF an die Seite stellt, auch in Publikumserfolg umsetzen.

Zur Erinnerung: Dreimal 60 Mio. Euro hebeln ca. 1 Mrd. Euro deutsches Produktionsvolumen in drei Jahren und eine Verlängerung ist in Aussicht gestellt. Schon jetzt habe ich den Eindruck, dass das durchschnittliche Budget FFA-geförderter Filme stark gestiegen ist. Darauf müssen wir reagieren und dieses Geld mit sinnvollen Maßnahmen umgeben.

Zu produzieren allein reicht nicht, die Stoffe für dieses Volumen müssen in Ruhe und mit qualitativem Anspruch entwickelt werden können. Und wie bereits so oft gesagt, wir müssen den Kinobesucher mit diesen Produktionen erreichen und das Webebudget muss dem ‚production-value’ entsprechen, das heißt angehoben werden.

Jetzt bin ich sehr gespannt, was Frau Burkert, Herr Kosslick, Herr Kufus, Herr Weber und Herr Weingartner dazu zu sagen haben und welche Antwort sie geben, auf die Frage QUO VADIS, DEUTSCHER FILM?

Vielleicht entsteht am Ende des Tages aus den unterschiedlichen Sichtweisen eine gemeinsame Wegbestimmung, und genau das würde ich mir wünschen. Vielen Dank!”

Peter Dinges, 17.11.2007

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