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Thomas Kufus

Der deutsche Dokumentarfilm – eine Erfolgsstory!?

„DEUTSCHLAND – EIN SOMMERMÄRCHEN ist mit fast 4 Mio. Zuschauern der mit Abstand erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm seit 20 Jahren – aber ohne Filmförderung realisiert. Von der FIFA und durch den Lizenzverkauf an die ARD finanziert, stellt er damit in jeder Hinsicht eine Ausnahme dar.

Die Renaissance des Dokumentarfilms hat aber bereits 1999 mit Wim Wenders' BUENA VISTA SOCIAL CLUB begonnen. Seitdem gab es fast jedes Jahr einen Besuchermillionär und viele Dokumentarfilme mit über 100.000 Besuchern. Seit 2003 liegen die Gesamtzuschauerzahlen sogar weit jenseits der zwei Millionen pro Jahr.

Das hört sich gut an und die Statistiken sehen auch gut aus: DIE GROSSE STILLE  ist beispielsweise neben Deutschland in 16 weiteren Ländern ins Kino gekommen. Trotzdem sieht man bei genauem Hinsehen auch, welche begrenzten Möglichkeiten der Dokumentarfilm hat. So dominieren bei Produktionen für den internationalen Markt Themen wie Musik, Natur und fremde Kulturen, während Filme, die sich mit Gesellschaft und Politik auseinandersetzen, fast immer national verhaftet bleiben. Oft sind international auch die Dokumentationen erfolgreich, die mit wenig Sprache auskommen, z.B.: WE FEED THE WORLD, OUR DAILY BREAD, WORKINGMAN'S DEATH oder DIE GROSSE STILLE. Diese sind vorwiegend ‚sprachlose’ Filme, die mit einer gewissen Magie den Zuschauer tragen, manchmal sogar betören.

Fast alle diese Filme funktionieren, bis auf wenige Ausnahmen, nicht im Fernsehen. Und auch die TV-Quoten sind gerade bei Kino-Dokumentarfilmen katastrophal. Trotzdem wird das Fernsehen immer noch als wichtigstes Finanzierungsmittel angesehen, sogar als reguläre Voraussetzung bei deutschen Filmförderungen. Auf diese Weise entstehen oft Zwitter, auch eine Art von amphibischen Filmen, die von vornherein im Kino und im TV funktionieren sollen und nicht zwei unterschiedliche Versionen, die im Sommer, besonders in der Filmakademie, die Diskussion beherrscht haben.

Viele dieser so genannten Zwitter habe ich in den letzten zwei Jahren der Vorauswahljury der Filmakademie gesehen. Dort bedurfte es längerer Diskussionen, um diese ‚amphibische’ Charaktereigenschaft einiger Filme auch als Kriterium für die Auswahl der ‚besten’ Kino-Dokumentarfilme ins Spiel zu bringen.

In Zukunft (innerhalb der neu geschaffenen reinen Dokumentarfilm-Vorauswahljury) kann sich das Kriterium, wirklich auf Kinodokfilm zu setzen, hoffentlich noch besser durchsetzen. Wir sind schließlich die Filmakademie, die den höchsten deutschen Dokumentarfilmpreis für einen Kinofilm vergibt.

Das heißt nicht, dass es nicht auch die anderen Filme geben soll, die kleinen (special interest) oder die großen wie SOMMERMÄRCHEN. Aber auch wenn es hauptsächlich für das Fernsehen produzierte Filme sind, die auch ins Kino kommen können, sollte die Filmakademie hier die Kinofilmmaßstäbe ansetzen.

Ich habe nichts gegen das Fernsehen, sondern bin für die eigenständige Existenz des Dokumentarfilms im Kino, der immer wieder bewiesen hat, dass er es kann. Wir in der Sektion ‚Dokumentarfilm’ und die gesamte Akademie sollten genau das fördern.”

Thomas Kufus, 17.11.2007

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