
„Ich habe meistens jemanden, der meine Schrift lesen kann. Den habe ich jetzt aber nicht hinter mir. So muss ich das also selber versuchen.
Ich produziere und inszeniere seit fast 40 Jahren in diesem Land Filme. Erst Kinofilme, weil an eine Kooperation mit dem Fernsehen oder so was gar nicht zu denken war. Es gab in den ersten Fernsehjahren, das werden Sie nicht wissen, eine schwarze Liste derer, die eigentlich natürlich Regisseure, Schauspieler für das Kino waren, aber plötzlich für das Fernsehen gearbeitet haben. Diese schwarze Liste ist dann irgendwann mal durch eine Indiskretion an die Öffentlichkeit geraten, daher weiß ich das.
Und diese Schauspieler, Regisseure und sonstigen Filmmitarbeiter sollten im Kinofilm boykottiert werden. Das war natürlich dumm, sagen wir mal, aber es war wenigstens ehrlich. 1973 wurde ein Film von mir, der hieß EIN UNHEIMLICH STARKER ABGANG, noch aus dem Bundesfilmwettbewerb rausgekippt, weil der WDR sich finanziell beteiligt hatte. Da aber sehr viel Filmpolitik gemacht worden ist damals von den so genannten Jungfilmern, die heute so jung nicht mehr sind – vor Ihnen steht einer –, hat es dann ein Filmförderungsgesetz gegeben, das diese Kooperationen mit dem Fernsehen ermöglicht hat. Das war vielleicht auch nicht so ganz das, was für uns heute gut ist. Ich nehme das sehr wörtlich, was da vorher stand. Kommt immer wieder jetzt bei mir.
Ich hasse am deutschen Film die Verlogenheit unserer so genannten Branche, dass doch alles irgendwie okay ist, wird schon. Also es wird gar nichts, wenn nicht alles anders wird. Aber darauf komme ich zurück. Ich hasse am deutschen Film die inhaltliche Verlogenheit der deutschen Filme selbst. Nichts gegen Traumfabrik, ob Liebestraum oder Alptraum, alles okay. Film ist ja nicht die reale Wirklichkeit, sie ist im besten Fall gemeint. GOOD BYE, LENIN! – das Beispiel werden wir heute noch oft hören, denke ich. Dieser Film handelt ja von der Unwahrheit. Alles ist ja gelogen in dem Film. Aber diese Lügengeschichte macht die Realität sichtbar.
Ich hasse am deutschen Film die programmatischen Wegweiser, die Parolen, was grundsätzlich gut ist, schlecht, was verpönt ist. Das erste Verbot, mit dem ich als Filmemacher konfrontiert war, das war: Ein Film darf auf gar keinen Fall emotional sein. Emotional, das war in den Kritiken überhaupt das schlimmste Schimpfwort. Wenn ich das Wort bei Filmen von mir las, habe ich aufgehört zu lesen, weil es einfach zu depressiv war. Und dann kam der Fassbinder, der für alles herhalten muss heute. Kann sich auch nicht mehr wehren. Der hat dann die Emotionen sozusagen auf den Kopf gestellt und von den falschen Gefühlen gesprochen. Da haben sich dann die Kritiker wieder erkannt und dann ging's.
Das Zweitschlimmste war damals Hollywood. Das kann man sich heute nicht mehr so richtig vorstellen, aber sie können mir glauben, es war so. Was man am Hollywood-Film am meisten verachtet hat, das waren nicht immer die Filme, das waren sogar meistens nicht die Filme, das war das Startum. Ich hasse am deutschen Film, dass die Stars auf den riesigen Plakaten, die man gerade jetzt in Berlin überall sehen kann, keine deutschen Stars sind, sondern amerikanische.
Ich mein's gar nicht so, weil ich mich auch freue, die mag ich ja alle. Aber die Plakate könnte ein deutscher Verleiher ja gar nicht bezahlen. Warum auch? Es gibt ja gar keine deutschen Stars. Natürlich haben wir Stars, aber das sind Fernsehstars. Die sind jung und hübsch und wir lieben sie. Und sie sind Stars durch die ständige Präsenz im Fernsehen. Nur so sicher sind wir nicht, wie heißen sie eigentlich?
Und die Namen – sagen wir mal Jim Murrey, Julia Roberts, Jack Nicholson –, das ist ganz wahllos. Ich ende auch gleich mit Kate Winslet, die darf ich nicht vergessen, die habe ich zu gern. Und all die anderen Filmnamen, die kennt das Publikum. Können Sie sich vorstellen, dass der Film ABOUT SCHMIDT, ein extrem stiller, ein Film voller Wahrheiten, dass dieses Meisterwerk von dem jungen Alexander Pain, der übrigens in München auf dem Filmfest zum ersten Mal ausgezeichnet wurde, dass dieser Film ABOUT SCHMIDT ein Erfolg gewesen wäre ohne den Star Jack Nicholson? Jede Wette: nein.
Ich hasse am deutschen Film seine Bescheidenheit. Vielleicht ist es Zufriedenheit. Vielleicht ist es Blindheit, Betriebsblindheit. Schauen Sie sich doch mal in diesem Saal um. Ich kann überhaupt nichts sehen, weil ihr alle im Dunkel seid, aber ich weiß so ungefähr, wer da sitzt. Da sitzen die doch alle. Das seid doch ihr selbst. Tolle Schauspieler, tolle Kameraleute, wunderbare Regisseure. Es sind ein paar Oscar-Preisträger anwesend. Eine ist auch nicht anwesend, das nur nebenbei.
Wir brauchen uns nicht zu verstecken, aber wir tun es. Wir geben uns zufrieden mit dem, was uns geblieben ist – und das ist wenig. Ich habe jetzt bewusst nicht gesagt Regisseure und Schrägstrich /in oder Regisseurinnen oder so was. Ich verzichte auf diesen Unterschied. Alexander Kluge hat seinen Film ja auch nicht genannt: ‚Die Artisten/innen in der Zirkuskuppel, ratlos’.
Ich hasse am deutschen Film die Ratlosigkeit, welche Rettungsmaßnahmen nun eigentlich die richtigen sind. Also wieder diese Parolen: Emotionaler Film, nein, Stars, nein. Ja, dann war der Autorenfilm angesagt. Diese Bemühungen der damals Jungen haben sich doch irgendwie ausgewirkt. Das war meine Zeit, wunderbar. Ich konnte Literatur verfilmen, Strindberg, das ging halb gut. Ich konnte Vietnam nach Bayern verlegen, das war okay.
Aber jetzt eben Ratlosigkeit. Autorenfilm bitte nicht. Dabei ist doch Autorenfilm das, was wir am Kino überhaupt lieben. Das, was auch heute am Kino Bedeutung hat. Ich sage mal so ein paar Namen, die mir in dem Moment eingefallen sind, als ich das niedergeschrieben habe. Das ist natürlich unvollständig. Ich sage jetzt: Chaplin, Hitchcock, Fellini, Truffaut, Orson Welles, Tarantino, Lars von Trier, auch Bully Herbig, da ende ich das jetzt, ja. Aber das sind alles Autorenfilme, die die gemacht haben. Und jetzt sind die Autorenfilme das, was wir nicht mehr machen sollen. Und wir sollen es nicht mehr machen, damit sich das auch auswirkt in einer Veränderung des Systems.
Da soll auch die Projektförderung so klein werden wie möglich. Dabei kann doch nur ein Film gut werden, der noch im Kopf ist, wie der Tykwer sagt. Also der ein Projekt ist. Projektförderung. Das haben wir von den Franzosen abgeguckt, das gab's ja hier nicht. Bei uns kam, wenn ein Film schon die x-te Wiederholung von etwas war, dann noch ein Schlag Schlagsahne obendrauf. Und ich habe mir sagen lassen, dass der, was weiß ich, vierundzwanzigste Schulmädchen-Report noch um einige Nummern interessanter war als der dreiundzwanzigste. Und das ist eigentlich die Idee der Belohnung hinterher. Da ist die Frage, ob das richtig ist. Was will man denn überhaupt fördern? Ich muss von Förderung reden, geht nicht anders. Klar, den Produzenten, die Industrie.
Ich hasse am deutschen Film, dass es eine deutsche Filmindustrie gar nicht gibt. Was wir haben, ist eine Fernsehindustrie. Und die ist vielleicht die beste in der Welt. Ich reise manchmal, deswegen kann ich das sagen. Von so ein paar doofen Pfänderspielen im Dschungel mal ganz abgesehen, aber Fernsehen: okay.
Aber ich hasse am deutschen Film, dass es keine strikte Trennung zwischen Kinofilm und Fernsehfilm gibt. (Applaus) Das haben wir damals irgendwie nicht geschafft, dass das Fernsehen blind einzahlt in einen Topf und die Filmemacher machen ihre Filme und nicht die Filme, die das Fernsehen sowieso auch machen würde, unter dem Aspekt, das ist jetzt Förderung. Natürlich ist es im Endeffekt Förderung, weil ohne das Fernsehen, was wäre denn da noch. Durch die Verquickung sind letztlich fast alle Kinofilme in Wirklichkeit ein bisschen oder überhaupt Fernsehfilme. Schade, denn das sieht man den Filmen nicht nur an, das besiegelt auch ihr Schicksal.
Ich hasse nicht das deutsche Fernsehen – quatsch. Ohne es könnten wir einpacken! Aber ich hasse am deutschen Film, dass er in den deutschen Kinos nicht vorkommt. Ich hasse unsere Bescheidenheit, uns mit einem Marktanteil von zwanzig Prozent – das ist jetzt geschönt, weil ich mich nicht auf Zahlenspiele einlassen kann –, dass wir uns damit zufrieden geben.
Ich hasse am deutschen Film, dass eine Kinoseite, ob im redaktionellen Teil oder bei den Annoncen zwischen einer Seite in Deutschland und einer in Los Angeles, dass es da keinen Unterschied gibt. Kaum. Die gleichen Filme. Doch, zwei Unterschiede, die gibt’s schon. In Deutschland findet man, wenn man ganz genau hinschaut, ein paar wenige deutsche Filme, in Los Angeles gar keine oder fast keine. Noch ein Unterschied. In Los Angeles, überhaupt in den Vereinigten Staaten, steht in den Feuilletons mehr über Kinofilme als hier. Denn dort hat man erkannt, Kino zieht Wirtschaft nach sich, Lebensart, Kleidung, Musik, die Art und Weise, wie man denkt. Das bringt den oft wunderbaren amerikanischen Film in die Welt, aber eben alles das, was auch Amerika ist.
Und hierzulande vornehme Zurückhaltung. Der Jürgen sagt: Ja, wir sind halt deutsch. Ja gut, dann halt das. Ist ja vielleicht auch interessant. Wir haben jetzt erlebt, dass gerade die deutschesten Themen im Ausland den größten Erfolg haben. Ich finde das nicht falsch. Die Amerikaner haben ja auch einigen Grund, sich kritisch anzugucken und trotzdem funktioniert das. Und es funktioniert über das Vehikel Film. Das haben wir noch nicht so richtig kapiert. Das heißt, das haben auch die noch nicht so richtig kapiert, die uns wirklich ernsthaft und liebevoll helfen wollen. Wir wollen gar nichts aus Deutschland in die Welt bringen. Allenfalls Autos, aber Lebensart nicht. Das hat, hoffe ich, hoffe ich, mit unserer deutschen Vergangenheit zu tun, dass wir da so bescheiden sind.
Ich habe übrigens mal einen Mitsubishi kaufen wollen in München und da hat man mir gesagt. Nee, geht nicht, das Kontingent der japanischen Autos ist erfüllt. Da habe ich gestaunt und habe gedacht: Ach, so was gibt es. Aber wir wollen keine Quota, wie sie in Frankreich und anderswo existiert. Ich will das nicht. Ich will was ganz anderes. Ich will Belohnung. Das ist vielleicht so, weil ich zwei Kinder habe und Vater bin und gesehen habe, also Belohnung funktioniert irgendwie. Ich will Belohnung statt Quota.
Der Staat, der ja Kultur fördert – das tut er, das kann man sehen, sonst gäbe es ja in Deutschland keine Opernhäuser –, der Staat leistet sich einen bundesdeutschen Staatsminister – Ministerin im Moment – für Kultur. Sie ist, glaube ich, nicht da. Trotzdem möchte ich sie herzlich begrüßen: Guten Tag, Frau Dr. Weiß. Sie sind unser Filmminister. Ich freue mich auch und wir alle freuen uns, dass es Sie gibt, aber die Filmförderung – Sie haben sie nicht erfunden –, die funktioniert nicht. Das sieht man an den zwanzig Prozent Marktanteil.
Ich meine, wenn ich so vom deutschen Film rede und von diesem kleinen Marktanteil, der in Wirklichkeit noch viel kleiner ist, meine ich natürlich nicht den deutschen Film. Ich habe also nicht die schwarz-rot-goldene Zipfelmütze auf oder so was. Die Filmförderung fordert die ratlose Industrie mit viel Anstrengung und Engagement – danke, Filmförderung –, staatliche und selbst aufgebrachte Förderung dieser ratlosen Branche. (> Da fehlt etwas!!!) Ich habe ja gesagt, ich finde Ratlosigkeit nichts Schlechtes, ich finde es gut.
Aber man stelle sich vor, an einer Oper, da müsse man pro Aufführung irgendeinem... ja, dem Kulturministerium oder einer Institution dort, die das regelt, die Kalkulation dieser Aufführung einreichen. Man müsse sagen, wer da singt. Au, das ist der. Man müsse den Dirigenten nennen usw. Ich glaube, da käme so manches an der Oper nicht zustande. Wenn Film Kultur ist, liebe abwesende Frau Dr. Weiß, und auch nur ein kleines bisschen Kultur, dann versäumt oder verfehlt die Kulturförderung den wichtigsten Ort, das Haus, das Lichtspieltheater.
Stellen Sie ich bitte vor, Sie würden das gleiche Förderungsprinzip anwenden in den Opernhäuser wie im Lichtspiel. Nur mal als Gedanke. Die Münchner Oper bekommt vom Staat pro Jahr 60 Millionen Euro. Ein Opernhaus, schön. Weil man hier sicher ist, das ist Kultur, klar. Und Kino ist nur so irgendwie ein Mittelding zwischen Wirtschaft und Kultur. Der Vergleich Oper-Kino, der haut nicht ganz hin, das weiß ich auch. Aber er wird doch ein bisschen verständlicher, wenn wir uns vorstellen, wie viel Wirtschaft, wie viel Industrie, wie viel klassische Musikvermarktung an der Institution Oper hängt.
Ich hasse am deutschen Film, dass er gefördert wird. Nicht die Förderung... – Wer hat ‚okay’ gesagt? – Nicht die Förderung selbst. Ich werde doch nicht den Ast absägen, auf dem ich mich gerade noch halten kann. Ich hasse am deutschen Film, dass er gefördert werden muss. Aber bitteschön: wenn, dann richtig. Dann bitte, verehrte Frau Dr. Weiß und liebe engagierte, hochverdiente Förderer, belohnt ab sofort – heute ist ja ein wichtiger Tag sowieso – die Filmtheater in Deutschland, die das Risiko auf sich nehmen, am amerikanischen Mainstream und den Blockbustern vorbei, deutsche Film zu spielen, obwohl das Publikum erst wieder lernen muss, dass es so etwas überhaupt gibt, wie den deutschen Film.
Ich weiß, es gibt tolle Förderungssysteme, Ideen, Tourneen deutscher Filme. Es gibt Kinoprämien. Aber diese Kinoprämien, die tatsächlich beim Kino ankommen, ich glaube, die kommen gar nicht vom Staat. Das sind aber vor allem Beträge, die sind so klein, das liegt in dem Bereich des Kaugummi-Verkaufs ungefähr. Und die fallen nicht ins Gewicht. Ich fände es schön, wenn es so bleibt, dass die Annoncen-Seiten in amerikanischen Zeitungen und deutschen Zeitungen gleich sind. Aber andersherum.
Ich stelle mir vor, in New York oder Los Angeles zwanzig Prozent amerikanische Filme und achtzig Prozent aus dem alten Europa. Tolle Vorstellung. Aber ich will das gar nicht, ich stelle es mir nur vor und ich stelle mir dann den Aufstand vor, den das in Amerika hervorriefe. Mr. Bush würde wahrscheinlich mit Panzern in Los Angeles und New York einfallen. Verzeihen Sie dieses unerlaubte Bild, das ist ja auch weit weg von dem, was ich wirklich will. Und ist noch weiter weg von dem, was je geschehen wird. Gott sei Dank.
Mein letzter Punkt und damit gebe ich Ruhe: Ich nenne ihn LOST IN TRANSLATION, weil ich den Film so mag. Ich hasse am amerikanischen Film, am amerikanischen Film, dass zum Beispiel Robert de Niro und Jack Nicholson in den deutschen Kinos Deutsch sprechen. Die Synchronisation eines Films generell ist eine Verfälschung des Films, ist fast eine Zerstörung. Die Synchronisation der amerikanischen Filme ist das trojanische Pferd, das den deutschen Film aus den Kinos verdrängt hat. Ich hasse am deutschen Film, dass wir keine Filmindustrie haben, keine wirkliche, nur eine bemühte, sondern eine Synchronindustrie – übrigens von der Qualität her fabelhaft, wir machen das gut. Aber die Amerikaner machen es besser, die lassen es sein.
Liebe Frau Dr. Weiß, liebe Förderer, liebe Freunde, fördern Sie die Kinos, die die amerikanischen, französischen, italienischen, dänischen etc. Filme in der Originalsprache zeigen. Man würde dann amerikanische Filme nicht mehr zu deutschen Filmen machen und man würde allmählich alle diese wunderschönen Sprachen lernen. Und Deutschland wäre im Lauf der Zeit ein Kino-Filmland. Amen.”
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