„Also, wo bleibt die Leidenschaft im deutschen Film? Was ist damit eigentlich gemeint, habe ich mich gefragt. Um welche Leidenschaften geht es denn? Geht es um mehr Sex auf der Leinwand? Geht es um die Leidenschaft der Filmschaffenden oder geht es um die Leidenschaften der Kinozuschauer? Bei uns Filmschaffenden fehlt es sicher nicht an Leidenschaft. Ich bin mir sicher, dass jeder, der einen Film macht, ob das ein großer oder ein kleiner Film ist, ob das ein Spielfilm ist oder ein Dokumentarfilm – wirklich nur eine Leidenschaft hat, und das ist das Filmemachen – sonst würde er es nicht machen.
Das Problem ist nicht das Fehlen der Leidenschaft, das Problem – und das ist, glaube ich, auch das Problem hier an dieser Akademie – ist die Spaltung in den Köpfen zwischen Mainstream und Arthouse – Kunst gegen Kommerz, Gut gegen Böse. Wenn man diese Unterscheidung wegbekäme, dann würde der deutsche Film explodieren, dann würden wir uns nicht nur auf die Schulter klopfen und sagen: Hey, wir haben diesmal zwei Prozent mehr Marktanteil als letztes Jahr, dann würde hier was abgehen.
Man könnte ja damit anfangen, dass man diese zwei Begriffe tilgt – weg damit, Arthouse und Mainstream, man könnte ja die Worte vertauschen: Mainhouse und Artstream, dann wären die Kritiker erst mal ein bisschen verwirrt. Und dann könnten sie das auch nicht mehr so einfach in eine Schublade stecken. Und die Filmschaffenden hätten dann freie Bahn. Unsere Leidenschaft hätte dann freie Bahn.
Aber geht es beim Filmemachen eigentlich um die Leidenschaft der Filmschaffenden oder geht es um die Leidenschaft des Publikums? In seinen Thesen schrieb Mierendorff: ‚Damit die Menschen etwas aufnehmen können, was über Bier und Speck’ – Klammer auf: Bully und Til, Klammer zu – ‚hinausgeht, muss in sie erst ein neuer Sinn eingepflanzt werden’ – Klammer auf: Hans Weingartner, Klammer zu. ‚Auf jegliche Art sie zu zwingen, endlich einmal sich die Augen auszuputzen und vor dem Trommelfell die Verstopfung zu lösen. Wir müssen das Kino haben, was hilft, sie in einzelne Köpfe einzurammen.’
Für mich ist Kino was Anderes. Ich will keine Botschaft von oben in die Köpfe der Menschen hineinrammen, sondern dem Publikum dort begegnen, wo es ist. Es geht auch nicht um die Leidenschaft von uns Filmschaffenden, die können wir, wie die Zuschauer auch, zu Hause ausleben. Es geht um die Leidenschaft unseres Publikums. Diese Leidenschaft, die müssen wir erreichen und erzeugen. In Deutschland muss man mehr Lust auf's Kino machen. Die Deutschen sind die faulsten Kinogänger in ganz Europa. Unsere Hausaufgabe muss sein, die Deutschen von der Fernsehcouch zu nehmen und ins Kino zu schleifen. Wie kann uns das gelingen? Ha, wenn wir das wüssten! Aber ein Ding ist: Wir brauchen Kinostars. In Frankreich gibt es zwanzig Kinostars, in Deutschland gibt es zwei – wie ich im Tagesspiegel gelesen habe, ‚den famosen Bully und den tapferen Til’.
Aber wie wird man zum Kinostar? Alle sagen, wir brauchen mehr Stars! Aber wie wird man zum Kinostar? Es kommt ja keiner so auf die Welt. Man wird nur zum Kinostar mit einem Blockbuster-Movie. Niemand wird zum Star, wenn er in tausend kleinen – nicht schlechten! – Filmen mitspielt. Man wird dadurch nicht zum Star. Man sagt das zwar in der Branche, aber das ist kein Star. Ein Star ist jemand, für den die Leute ins Kino gehen. Das ist ein Star. Und davon gibt es bei den Männern nur zwei. Und das müssen wir ändern!
Erfolg ist kein Qualitätsmerkmal. Es gibt sehr erfolgreiche Filme, die ich persönlich Scheiße finde. Die meisten kommen aus Hollywood. Es gibt mittlerweile Software, mit der man die Blockbuster der letzten dreißig Jahre untersucht, und versucht, ein Rezept zu finden für den garantierten Erfolg. Das ist absurd, aber diese Filme kommen aus Hollywood mit neunhundert Kopien hierher und werden von unserer Filmkritik besser behandelt und besser besprochen als der deutsche Filmemacher, der versucht, Mainstream zu machen, der versucht, ein Publikum zu erreichen. Denn dann ist es, naja, es ist halt Hollywood, aber wer's mag…
Ich habe eben gesagt, Erfolg sei kein Qualitätsmerkmal. Aber Misserfolg ist auch kein Qualitätsmerkmal! Ein Film ist ja nicht deswegen gut, weil ihn keiner sieht. Man kann sich doch nicht hinstellen und sagen, mein Film hat keine Zuschauer, weil er zu intelligent und zu gut gemacht ist. Es gibt wirklich Filme, die super gemacht sind und ihr Publikum nicht finden. Das ist von so vielen Faktoren abhängig. Ein kleiner deutscher guter Film hat selten die Chance, sich durchzusetzen. Aber das ist nicht die Schuld von Leuten, die versuchen, ein Publikum zu erreichen, das muss man auch mal sagen.
Wir müssen an die Massen rankommen, ohne sie zu manipulieren, wir müssen ihre Gefühle erreichen, ihre Leidenschaften. Ich muss es schaffen, das Publikum zu berühren. Ob sie lachen, ob sie weinen, das ist ganz egal. Aber ich muss es emotional berühren, und das schaffe ich nicht, indem ich wie Mierendorff sage Ich muss dir jetzt was in deinen Kopf reinrammen. Es ist ganz egal, ob das jetzt ein Artstream-Film oder ein Mainhouse-Film ist. Kino ist ein Massenmedium und Kino kann nur wirtschaftlich überleben, wenn es für das Publikum gemacht ist.
Und jetzt mache ich, was mir Jürgen Vogel gestern geraten hat: Ich trete hiermit wieder in die Filmakademie ein – wenn ich noch gewollt bin.”
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