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Senta Berger

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„Von Mierendorff: ‚Aus den Schaubuden des Jahrmarkts wuchs das Bild. Die blutrünstigen bunten hingeklecksten Panoramen, das Erdbeben von Messina, die Ermordung des Grafen Eckesford, den Untergang der Nordpolexpedition, erlebte das Volk, die Nasen an die Scheiben gepresst. Es war seine Zeitung, war Welt, Absonderliches, Geheimnis, Grausamkeit, Fabelwelt. Die schwankenden Leinwände der Schaubuden waren Vergewisserung der Phantasie. Hier rundet sich das Weltbild.

Aber in einer Zeit, die alle in Beziehung setzt zu allen, konnte das starre Bild nicht mehr genügen. Wechsel und fülle (???) mussten herbei. Da mussten die Leinwände lebendig werden, damit der Mensch, der von unten her auf die Welt blickend, nur den kleinsten Ausschnitt von ihr erfasst, der ohne Überblick und ohne Hinflug über die Landkarten ist, seiner bewusst werde, sich begreife und abgebildet sehe. So wurde das Kino. Und da im untersten Menschen, dem abgesperrtesten von allem, dem Proletarier, dieser Drang am gewaltigsten ist, wurde das Kino seins.

Das Kino ist ein Pan-optikum. Was ist daneben das Buch? Was ist daneben das Theater? Die Welt kann ohne sie laufen; sie stünde still, nähme man das Kino heraus. Kunst ist zentrifugal gerichtet, das Publikum ist imstande, sich ihr zu entziehen. Gutes zu schreiben, erscheint heute hoffnungslos, es wird Makulatur. Was Echo hat, dringt nur als Unterhaltung vor, mehr als Kunst, auch im Theater. Es will das Publikum, aber es kämpft umsonst. Die Stücke werden gesehen, aber nicht mehr gehört. Wenn es in die Tiefe geht, hockt das Parterre öchsisch da.

Eine reinliche Scheidung täte gut. Kleine Theater für alle, die vom Wort leben, und für die anderen Kinos, viele Kinos, beste Kinos. Denn mehr und mehr verliert der Mensch die große Gabe, Welt sich aufzubauen aus dem Wort, sein Ohr ertaubt. Die Welt empfängt er nur noch durch das Auge. Aber damit die ganze menschliche Gesellschaft revolutionieren von oben herab? Es muss versucht werden, an die Masse heranzukommen, soll nicht jeder Versuch hoffnungslos sein, das Dasein zu gestalten. Wir müssen das Kino haben.

Deutlich ist, wie tief das Kino verrottete. Mit den namhaften Dichtern begann es, als sie ihren Arm der Sache zu leihen sich drängten, als das ganze Geschmeiß bourgeoiser Künstlerschaft sich auf das Kino warf, es zu heben beflissen war – Konjunktur witternd –, als man es nun geneigt über die dunkle Herkunft des Kinos hinwegzusehen, für gesellschaftsfähig erklärte, da es als Kunst entdeckt wurde. Seitdem spiegelt das Kino nur den Tiefstand bürgerlicher Kultur. Rein, unverblümt, schamlos, Kitsch. Nach seinem Bilde wandelte der Bürger das Kino. Unsinnig zu behaupten, vor dieser Epoche hätte im Kino der Kitsch gefehlt.

Der Autor des ersten Films konnte nicht ohne Kitsch sein, aber das Kino war ursprünglich die wildeste Erscheinung, der elementarste Durchbruch des Triebhaften, teuflisch und hinreißend schwangen die Filme unserer Kindertage mächtig aus, zwischen Bretterverschlägen im Dunkel hingebogen vor der Leinwand bebte unser Herz laut. Da war OPFERTOD, DER LEIDENSWEG EINER FRAU, DAS GEHEIMNIS DES BERGSEES, IM BANNE DER LEIDENSCHAFT, Fieber über Jagd, voll Tränen, erschütternd, Filme krass, knallig, Filme unvollkommen, arm, rührend in ihrer Hilflosigkeit, kitschig ja, aber noch im Kitsch unerhört ausladend. Und dann Filme der Asta Nielsen, Kino-Königin.

Ja, das ist vorbei, vorbei das Unerhörte, Gewagte, Riskante, Biederkeit glotzt uns an, keine Kühnheit mehr, die dort war, sei es auch nur im Gemeinen. Der Bürger hat triumphiert. Zu feige zum Exzess und zu mager duldet er nur Eines, die Platitüde.

Ich hasse die Zensur. Alles wälzt sie platt. War es schon barbarisch, so war es doch reich, jetzt aber ist alles verbravt, arm, phantasielos. Instinktverlassene Regisseure verstehen kaum noch mit den Dingen zu jonglieren, sie durcheinanderzuwirbeln, Autojagd, Schlafzimmer, Rennbahn, Pistolenschuss, Hoteldiebe, Start eines Flugzeuges. Ihr armseliges Repertoire dreht karusselhaft lahm vorbei, nicht einmal ausschweifend im Erlaubten, immer gesetzt.

Das Kino trägt sein eigenes Gesetz in sich, aber statt es aufzuspüren, schielt man bloß nach der Wortbühne, stilisiert man sich nach dem Theater hin, verpöbelt das Drama, kopiert das Äußerliche und verliert so allen Grund unter den Füßen. In das hochtragische Schicksal und Sittendrama kroch das Pathos der Gartenlaube. Kitsch verlor seine letzte Großzügigkeit, die ihn fast adelte. Und lief auf seichte provinzielle Mittelmäßigkeit auf. Kitsch wurde feig, wurde unerträglich. Geht es um Liebe? Ist sie nun legitimiert. Ausschweifung? Wird saftlos. Immer siegt jetzt die Polizei, nie der Verbrecher. Und immer biegt die Affäre versöhnlich um, nie mehr wird der Held gefällt oder fällt er sich selbst. Nie mehr Schicksal, bloß Geschwätzigkeit.

Filme, die nur da sind den Edelmut der Besitzenden leuchten zu lassen, wo Liebe und Güte nur Züge der herrschenden Klasse sind. Die Romantik des Kapitalismus. Vollendung im Technischen soll die Ärmlichkeit des Inhalts übertünchen. Aber ganz vollkommen wird das Kino auch ganz ruiniert sein. Wo die Welt des Kinos aber die reale Welt übertrifft, grenzt es an die Sphäre, die unbestreitbar nur die des Kinos ist, die Phantastik. Technik vermag alles zu überwinden, alles zu ermöglichen, keine Übertragung der Romantik, keine platte Verfilmung von Literatur, sondern Aufbau ganz eigener Phantastik. Dann mag es Spiegel werden, der sich allen vorhält: das bist du.

Damit die Menschen etwas aufnehmen können, was über Bier und Specksalat hinaus geht, muss in sie erst ein neuer Sinn gepflanzt werden. Auf jegliche Art sie zu zwingen, endlich einmal sich die Augen auszuputzen und vor dem Trommelfell die Verstopfung zu lösen, die Menschen verdienen es, durchgerüttelt zu werden. Man hätte Lust, sie so lange mit Kitsch zu bombardieren, bis sie in die Knie gehen. Nichts reibt mehr auf als Tränen, nichts macht gefügiger als ein Mond, nichts pflügt tiefer als Harmonium, das verschnupft Näsel da ein verlorener Sohn heimkehrt.

Dies alles geht nicht, solang Freibeuter das Kino ausbeuten. Es muss ihnen entrissen werden. Es gibt Monopole für Kali, für Eisenbahnen und Salz; es gibt Monopole der Religion und der Gesinnung. Leibliche Wohlfahrt ist unter Schutz gestellt, in Kultur aber darf jeder schmarotzen. Das Kino ist ein Lebensmittel, kein Tennisball kapitalistischer Interessen. Liberalität schafft keine Kultur. Kann man so schief sehen? Das Kino als kulturelles Instrument unterschätzen? Es liegt doch auf der Hand, das Wirksamste zuerst ins Feld zu führen, milliardenfaches Echo trägt den Gedanken in alle Winde – aus dem Kino werde eine gewaltige Waffe der Idee!’”

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