„Wenn es überleben will, muss sich das Kino immer wieder neu erfinden. In krisenhaften Zeiten sind radikale Ansätze gefragt, lakonische Feststellungen, starke Sätze, die von Aufbruch und Ausbruch handeln.
1962 hieß es im legendären Oberhausener Manifest schlicht: ‚Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.’ Mit freundlichen Grüssen von Alexander Kluge, Edgar Reitz, Peter Schamoni, Herbert Vesely, Christian Doermer und anderen. Das Manifest von Oberhausen war nicht das erste Statement zum Stand der Dinge. Seltsam aktuell klingen diese Sätze: 'Vorbei das Unerhörte, Gewagte, Riskante. Biederkeit glotzt uns an [...] Keine Kühnheit mehr, die dort war, sei es auch nur im Gemeinen. Der Bürger hat triumphiert. Zu feig zum Exzess und zu mager duldet er nur eins: die Platitude.' Das könnte wohl auch von heutigen Filmemachern stammen: Forderungen nach einer rücksichtslosen Revolte gegen die Mittelmäßigkeit.
Es war vor bald neunzig Jahren, 1920, als ein dreiundzwanzigjähriger Student namens Carlo Mierendorff dem damaligen deutschen Film mit auftrumpfendem Gestus den Fehdehandschuh hinwarf. Sein Manifest, ein Text von hohem filmhistorischem Rang, heißt HÄTTE ICH DAS KINO!. Er schreibt: ‚Jetzt aber ist alles verbravt, geächtet, arm, weil phantasielos.’ Er verlangt: ‚Es muss versucht werden, an die Massen heranzukommen, soll nicht jeder Versuch hoffnungslos sein, das Dasein zu gestalten.’
Mierendorffs steile expressionistische Streitschrift ist eine Aufforderung an uns, über den Zustand unseres Kinos nachzudenken. Der Text ist das Dokument einer leidenschaftlichen Affäre mit dem Film, ein Plädoyer für seine Einzigartigkeit unter den Künsten. Manches klingt für heutige Ohren vielleicht allzu pathetisch, aber auch jetzt und hier müssen wir darüber reden, streiten, was Kino überhaupt noch ist, wie es sich in einer Welt behaupten kann, wo es wieder mal ums Überleben kämpft: als Ort, als Zustand, als Form. Wer heute Filme macht, sieht sich zur Leidenschaftlichkeit verpflichtet. Wie kann die aussehen? Was macht unser Kino unterscheidbar, attraktiv, der Zukunft zugewandt? Was ist überhaupt noch ein Kinofilm?
Es ist ziemlich genau vier Jahre her, seit die Deutsche Filmakademie in Berlin ihren ersten großen, öffentlichen Auftritt hatte. Der Titel von damals bleibt unvergessen: WAS ICH AM DEUTSCHEN FILM HASSE. Im Februar 2004, also damals bei dieser Veranstaltung, war die Akademie gerade mal sechs Monate alt. Heute, wo sie immer noch im Kindergartenalter ist, könnten wir vermutlich schon mit dem Titel punkten: ‚Was ich an der Deutschen Filmakademie hasse’.
Aber das ist nicht unser Thema heute. Gerade in den letzten Wochen haben wir wieder lernen können, wie nah Liebe und Hass beieinander liegen, wenn es um die Filmakademie geht. An ihren Prozeduren und Entscheidungen entzünden sich mitunter heftigste Leidenschaften, und das soll denn schon die Überleitung sein zum Thema des heutigen Nachmittags: ‚Hätte ich das Kino. Wo bleibt die Leidenschaft im deutschen Film?’
Gedenken wir also einen Augenblick eines toten hessischen Dichters, Pamphletisten und Politikers, ohne dessen leidenschaftliches Nachdenken über das Kino, über den Zustand des deutschen Films wir eine andere Überschrift für unsere Veranstaltung hätten finden müssen. Zollen wir unseren Respekt dem großen vergessenen expressionistischen Visionär Carlo Mierendorff, der 1920 eine fulminante Streitschrift in die Welt setzte: ‚Gegen die Verspießerung des Films’. Dieser Text ist, wenn man ihn heute mit kühlem Kopf liest, nicht ohne gewisse charmante wahnhafte Züge. Er wirkt mitunter so, als könnte der 23-jährige Student Carlo Mierendorff Zugang zu ziemlich heftigen Drogen gehabt haben. Aber wahrscheinlich hat er sich nur an sich selber berauscht.
Was kann man neunzig Jahre später von Mierendorff lernen? Sein Manifest ‚Hätte ich das Kino’ ist ein Plädoyer für ein wildes, ein triebhaftes, ein unbürgerliches Kino. Der Film als notwendiges Lebensmittel für die Massen, aber zugleich auch als Ort für grenzenlose Visionen und als Labor für ein freies Sehen. Mierendorff wollte alles, und er wollte alles sofort. Die ekstatische Verschmelzung mit dem sensationshungrigen Millionenpublikum und daneben die filigrane Pirouette auf dem dünnen Eis der äußersten Kunstanstrengung.
Carlo Mierendorff, der 1943 bei einem Bombenangriff auf Leipzig zu Tode kam, hat das Kino geliebt, mit einer bezaubernden Besessenheit. Wir wollen heute erfahren, wie es um die Leidenschaften und die anderen emotionalen Befindlichkeiten unserer deutschen Filmschaffenden steht. Was ist der deutsche Kinofilm? Wie könnte, wie sollte er aussehen? Wie kann er überleben in einer Welt, in der längst andere Medien dominieren?
Einige Teilnehmer unseres kleinen Experiments haben mich gefragt: Aber was ist genau das Thema? Und ich habe ihnen gesagt – so oder so ähnlich: Ihr seid das Thema – eure Leidenschaft für unser Metier, eure Hoffnungen für das Kino."
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