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Nachts, wenn die Dämonen kommen

Lust und Frust des Filmemachens

Aus Anlass des 80. Geburtstages von Günter Rohrbach lud die Deutsche Filmakademie am 23. Oktober 2008 zu einer Statement-Veranstaltung ins Literaturhaus in München. Nach einer Einführung von Stefan Arndt kamen die Statmentgeber zu Wort – die meisten in persona, Wolfgang Petersen und Wim Wenders auf der Videoleinwand.

v.l.n.r.: Max Färberböck, Stefan Arndt, Senta Berger, Helmut Dietl, Günter Rohrbach, Bernd Eichinger, Sunnyi Melles, Juliane Köhler, Hermine Huntgeburth | Foto: © 2008, Günter Reisp / Deutsche Filmakademie


Senta Berger

„Nachts, wenn der Morgen dämmert, wenn es Alba wird, Morgendämmerung, schickt Gott Albin seine Töchter zu mir. Sie sitzen am Fußende meines Bettes und betrachten mich hohläugig. Ihre Namen sind: Verhinderung, Verweigerung, Versäumnis, Versagen, Verzweiflung und Verlust. Die Töchter Albins werfen ihre Traumnetze aus, in denen ich mich verfange, Alpträume, aus denen ich mich nicht befreien kann. Manche dieser Alba-Träume bleiben mir ganz klar im Gedächtnis, ihre Bilder sind gestochen scharf. Manche bleiben als Stimmungen zurück, als schaler Geschmack, verschwommenes Gefühl. Ich habe Freundschaft geschlossen mit meinen Dämoninnen - was blieb mir auch anderes übrig? Sie kennen mich so gut, kennen mich besser als ich mich selbst. Sie sind mir unter die Haut geschlüpft, unter mein Bewusstsein, sie quälen mich, wenn auch nicht immer.”


Helmut Dietl

„Ein Filmemacher ist ein Mann oder eine Frau, eine Person also, der das Filmemachen schwerer fällt als allen anderen. Eine solche Person ist zweifellos Günter Rohrbach. Warum fällt ihm das Filmemachen, das er doch in der Praxis von anderen verrichten lässt, bloß so schwer? Ich kann es Ihnen sagen: Er nimmt es ernst, er ist ein Pedant. Ich liebe Pedanten, bin selbst einer. Und weil er alles so ernst nimmt, sogar Komödien, die nimmt er besonders ernst, ist er bevorzugtes und beliebtes Ziel von Dämonenbesuchen. Um die Qualen zu veranschaulichen, die einer oder mehrere solcher Dämonen Günter Rohrbach zufügen können, erzähle ich Ihnen jetzt eine kurze Geschichte, die sich im vorigen Jahrhundert zutrug…”


Bernd Eichinger

„Filmemachen ist gefährlich. Es ist nicht nur ein Spiel mit dem Feuer, Filmemachen ist ein Spiel mit der Fantasie. Und damit ist es auch eine Sache auf Leben und Tod. Das ist, wenn man so will, eine Metapher, wobei ich sagen würde, in manchen Momenten bekommt diese Metapher durchaus ganz reale Züge. Der Bobo – der Box-Office-Teufel, der reißt ja immer den Krokodilsrachen auf. Am Anfang hat er den Rachen immer zu. Wenn wir uns an die Planung eines Films begeben und alle begeistert über den Film reden, hat das Krokodil ja den Rachen noch ganz zu und lächelt nur. Und je weiter wir fortschreiten und je mehr die Zweifel uns bedrängen von allen Seiten, desto größer macht das Krokodil den Rachen auf. Am größten macht es den Rachen auf am Nachmittag, bevor der Film anläuft. Da ist der Rachen ganz groß offen.”


Max Färberböck

„Wohin geht es eigentlich mit dem deutschen Erzählkino? Das ist irgendwie unangenehm, diese Frage. Weil man sich fragt: Welchen Sinn macht es eigentlich, wenn man einen Film oder Figuren oder Strukturen in einem Filmkomplex denkt und hinterher werden sie mit 1,25 Gramm schweren Gedanken weggefegt? Lohnt sich die Arbeit von so vielen Menschen überhaupt? Das sind Fragen, die sind ernsthaft schwer zu bewältigen, aber – also man hat dann das Gefühl, irgendwas stimmt nicht in diesem Land. Wird da vielleicht irgendetwas vor unseren Augen kaputt gemacht, zum Beispiel die Liebe zu allem, was groß ist im Kino? Ist es in Ordnung, dass nur das Kleine schön ist? Wenn man klein bleibt, ist man poetisch. Diese Gedanken sind verstörend im Moment, aber ich denke, ein Dämon wäre kein Dämon, wenn er keine Kraft hätte – und ein Filmemacher wäre kein Filmemacher, wenn er nicht irgendetwas dagegen setzen kann.”


Hermine Huntgeburth

„Mit Filmen kann ich etwas öffentlich ausdrücken, ohne selbst zu reden oder zu schreiben, kann von mir erzählen, ohne über mich zu sprechen. Trotzdem ein paar Hinweise: Ich bin in der Provinz groß geworden, dort war ich eine von ganz vielen, trotzdem von allem irgendwie getrennt. Mein Bruder hat mir später erzählt, dass er sich an mich überhaupt nicht erinnern kann. Ja, wo war ich? Unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, an einem anderen Ort? Auf jeden Fall fand ich mich eines Tages im Kino wieder. Der Traum von der großen weiten Welt hatte mich eingefangen, irgendwie rematerialisiert.”


Juliane Köhler

„Es fing alles mit meinem neunten Geburtstag an. Ich hatte mir einen großen Bären gewünscht, damals war das wirklich das Größte und mein größter Wunsch. Und es war jetzt ein paar Tage vor meinem Geburtstag und ich hielt es nicht mehr aus und wollte unbedingt wissen, ob ich den Bären nun bekomme oder nicht, und habe die Schränke meiner Eltern durchgewühlt und habe ihn dann letztendlich auch gefunden, ganz hinten in einem Schrank oben drin. Ich habe mich wahnsinnig gefreut und den Bären zurückgesteckt. Es waren noch ungefähr vier Tage bis zu meinem Geburtstag. Ich legte mich abends ins Bett und da kam mein erster Dämon: Was soll ich jetzt machen, wenn mein Geburtstag kommt? Jetzt muss ich die Freude noch mal spielen, bin ich überhaupt glaubwürdig?”


Sunnyi Melles

„Meine Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmer mehr. Wo ich dich nicht hab', ist mir das Grab, die ganze Welt ist mir vergällt. Nach dir nur schau ich zum Fenster hinaus, nach dir nur gehe ich aus dem Haus. Dein hoher Gang, deine edle Gestalt, deines Mundes Lächeln, deiner Augen Gewalt und deiner Rede Zauberfluss, dein Händedruck und, ach, dein Kuss. Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmer mehr. Mein Busen drängt sich nach dir hin, ach, möcht' ich fassen und halten dich und küssen dich, so wie ich wollt, an deinen Küssen vergehen sollt'. – Happy birthday!”


Wolfgang Petersen

„Als das Boot in La Rochelle während des Drehs in einem Sturm auseinanderbrach und ich am Morgen anrufen musste und sagte: ‚Günter, das Boot ist weg, es ist vorbei, es ist aus…’ Mein Gott, das war schlimm. Wir hatten das Gefühl, jetzt können wir keinen Film mehr machen. Das ganze riesige Boot, das für eine Million Mark oder so gebaut wurde, war verschwunden. – Und auch da, nach Wochen und Monaten, nach dem Finden von kleinen Teilen an den Küsten [...], als wir das zusammengeklebt und Seiten gestrichen haben, es teilweise mit Modellen gedreht haben, ist erstaunlich. Wie sich in unglaublich schwierigen Situationen dann doch irgendwie alle zusammenreißen und es irgendwie hinkriegen. Und es wurde dann doch der Film, von dem wir gedacht haben, den kann man gar nicht machen: DAS BOOT.”


Wim Wenders

„Jede Nacht habe ich geträumt von Autofahrten, von Jukeboxen, von Neonlichtern, vom modernen Leben, von einem Gegenschnitt, weg von diesem gottverfluchten Westerndorf, wo wir jeden Morgen hingefahren sind und wo mir nix mehr eingefallen ist. Bis zum Schluss ist mir nix eingefallen. Ein Alptraum, aus dem ich nicht aufgewacht bin, bis der Film zu Ende war. Aber Sie, lieber Günter Rohrbach, haben trotzdem zu mir gehalten. Und nach diesem größten Frust haben Sie mir zur größten Lust verholfen: Das nächste Kapitel von dem Regisseur, der nicht mehr wusste, ob das bleiben wollte, wurde ALICE IN DEN STÄDTEN.”

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