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Tongestaltung

Alles, was du hörst

Ein Werkstattgespräch zum Thema Tongestaltung

Jörg Krieger, Richard Borowski, Thomas Steiger

„Ton ist alles, was du hörst“, definiert Filmtonmeister Jörg Krieger das Sujet. „Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf dem Dialog, aber es deckt das ganze Feld ab wie Umgebungsgeräusche, Atmosphären, und, und, und.“ Atmosphären sind Tonaufnahmen am Ort des Drehs. Es wird einfach aufgenommen was da ist, selbst wenn es sich absolut ruhig anhört, denn absolute Stille gibt es nicht. Eigentlich macht sie sich erst durch kleine Geräusche im Bewusstsein des Zuschauers bemerkbar.


Irgendetwas ist immer zu hören, etwas, was charakteristisch ist für den Ort und was ihn dadurch einzigartig macht - ein Tier, ein Auto, der Wind oder ein Rauschen. „Jeder Raum hat seinen eigenen Charakter“, beschreibt Krieger die Notwendigkeit den Drehort aufzunehmen. „Genau genommen würde ich mit den Sounddesignern Ärger bekommen, wenn ich es nicht tue, weil dann Tonelemente fehlen, um den Raum im Tonbereich adäquat zu rekonstruieren.“

Erst wenn die Grundlage – der Originalton vorhanden ist – kann man die Szene um weitere Geräusche ergänzen, um die Tonebene als Teil des Ganzen kreativ zu gestalten. Um Geräusche etwa, die an anderen Orten aufgenommen wurden, die künstlich erzeugt wurden oder aus dem Archiv stammen. Daraus wird das Tonprofil der Szene gemischt. Die Sprache und gegebenenfalls Musik kommen dann hinzu. „Bei jedem Film geht es um einen spezifischen Klang, der eine tonliche und atmosphärische Einzigartigkeit darstellt“, spezifiziert Martin Steyer, Vorstand der Deutschen Filmakademie und Mischtonmeister, die Anforderungen an Ton und Sounddesign.

„Dann beginnt der wirklich schöne Teil“, nimmt Sounddesigner Kai Storck den Faden auf. „Nämlich einen Klang für die Szenen zu gestalten. Szenen voneinander abzugrenzen, Übergänge zu schaffen, die etwas Dramaturgie in sich haben, Dynamiken zu erzeugen, Stimmungen beinahe subkutan mit Grundtönen herzustellen aber auch die Musik im Blick zu haben, der man sich mit Hilfe der Atmosphären entweder nähert oder löst.“

Ton unterstützt die Bilder. In der Regel wird er nicht bewusst wahrgenommen. Er erledigt seine Arbeit subtil im Unterbewussten. Tritt er ins Bewusstsein haben die Tonleute entweder ihren Job nicht richtig gemacht oder aber es ist Absicht. „Meiner Freundin fällt der Ton nicht auf, meiner Mutter fällt der Ton nicht auf“, verbildlicht Kai Storck die angestrebte Wirkung seiner Arbeit am Beispiel von Menschen, von denen er sicher sein kann, dass sie ihn nicht durch Ignoranz ärgern wollen. „Aber es würde ihnen auffallen, wenn er weg wäre.“ Und so sind sich die Tonleute auch einig, dass der beste Ton, die beste Musik jene ist, an die man sich nach dem Film nicht mehr erinnert. Denn der Ton ist vielleicht das mächtigste Manipulationsinstrument beim Film, eben weil es Emotionen erzeugt ohne dass die Ursache dafür rasch erkannt werden kann.

„Wenn man für den Ton arbeitet, arbeitet man grundsätzlich im Verborgenen“, beschreibt Jörg Krieger die große Stärke des Tons, die er an ihm so liebt. „Man kann mit ihm wundervoll Emotionen erzeugen und das fasziniert mich am Ton. Das funktioniert auf einer anderen Ebene als die Bilder, die effektheischend sind. Beim Ton fängt es an psychologisch zu werden.“

Gerade Thriller und Horrorfilme wie DIE TÜR, für den Jörg Krieger, Kai Storck und Mischtonmeister Richard Borowski in der Kategorie Beste Tongestaltung nominiert sind, bieten Möglichkeiten den Ton in die Bewusstseinsebene zu heben oder durch ein geschicktes Sounddesign auf der unterbewussten Ebene die Emotionen des Zuschauers zu steuern. „Dadurch, dass das Ohr keine Klappe hat, ist es anpassungsfähiger“, geht Martin Steyer in die Tiefe. „Dadurch kann man den Zuschauer irgendwo hin führen ohne dass er dies bemerkt. Und plötzlich stellt er fest, dass sich eine Stimmung verändert hat, obwohl sich die Bilder kaum verändert haben.“

Wann greift der Ton in das Geschehen ein?
„Leider, leider bei den meisten Produktionen zu spät“, konstatiert Richard Borowski. Und das ist oft genug erst kurz vor Ende des Schnitts, wie Jörg Krieger aus eigener Erfahrung berichtet. Je früher, desto besser wünschen sich die Tonleute in die Filmherstellung involviert zu werden - und das aus gutem Grund: So kann man nicht nur vor dem Dreh definieren, welche technische Anforderungen an den Ton erfüllt werden müssen und wie mit ihm die Charakteristik des Films beschreiben werden soll, so können Sounddesign, Musik und Bild gemeinsam entstehen und sich in ihrer Wirkung besser ergänzen und unterstützen.

„Die erste Idee der Tonebene entsteht im Schnitt“, erinnert Richard Borowski an einen der wesentlichen Punkte des Ineinandergreifens von Bild- und Tonkomposition. „Daher muss man dem Cutter etwas geben, das er sich nicht selber aus dem Internet gefischt hat sondern etwas, das dem Endprodukt entspricht.“ Letztendlich geht es darum, dass sich die Kompositionen von Bild und Ton gegenseitig bedingen. Aber wenn im Schnitt nicht vorliegt, was auch im Film verwendet wird, kann es zu einem Missklang kommen, weil die Bilder auf die falschen Töne und die falsche Musik abgestimmt sind. „Es sollte in der Arbeit logischerweise der Ton verwendet werden, der später verwendet wird“, sagt Kai Storck. „Im Schnitt entstehen Hörgewohnheiten, die ihn beeinflussen. Das gilt übrigens auch für die Musik, die dann aber aus verschiedensten Gründen – etwa, weil die Rechte nicht zu bekommen sind – nicht für den Film verwendet werden.“

Sound and Music

Martin Steyer, Kai Storck und Stefan Korte

„Du hast erst dann einen gut vertonten Film, wenn das Ton-Design und die Musik Hand in Hand gehen“, hält Jörg Krieger fest. Also gilt auch hier: so früh wie möglich zusammen zu kommen und sich über den Film verständigen. „Ich habe die Musik oft noch vor dem Tonschnitt. Da kann ich gucken wie ich mich ihr annähern oder von ihr lösen kann. Wenn ich mit dem Musiker spreche, geht es immer darum die Aufgabenbereiche abzugrenzen und zu klären. Er soll nicht meine Arbeit machen, ich nicht seine. Rhythmische Sachen, wo Schritte eigentlich wichtiger sind, keine Frequenzen benutzen, die Toneffekte überlagern oder doppeln.“

Die hohe Schule kommt dann zum Zuge, wenn Musik unterschwellig mitläuft oder die Funktion von Geräuschen übernimmt, denn dann müssen die Atmosphären – die bewusst eigentlich nicht wahrnehmbare Toncharakteristik eines Raums – so mit der Musik verwoben werden, dass sie erhalten und unterbewusst wahrnehmbar bleibt. Diese Abwechslung ist gerade bei DIE TÜR zu beobachten. „Da hat die Musik zwei Aufgaben. Einerseits Emotionen und Spannung, anderseits ist sie ein Atmo-Teppich, wenn sich die beiden Realitäten des Films nähern“, beschreibt Kai Storck das Zusammenspiel. „Wenn man genau darauf achtet, merkt man, dass es nicht nur Musik ist, sondern auch Atmosphären, die tonal auf die Gesamtatmosphäre der Szenen abgestimmt sind. Der Zuschauer merkt bewusst gar nicht, was da passiert.“

Tongestaltung im Auge des Betrachters
„Einerseits sollte man sich dafür bedanken, anderseits sollte man denken, es ist selbstverständlich“, sagt Kai Storck und meint damit, dass Tongestaltung beim Deutschen Filmpreis seit der Zeit eine eigene Kategorie hat, seit er unter den Fittichen der Deutschen Filmakademie stattfindet. Aber auch an anderer Stelle fragt sich der ein oder andere Tonmeister bestimmt, welchen Stellenwert seine Arbeit hat. Während über Kamerapositionen lang genug diskutiert wird, bleibt für ihn keine Zeit die Mikropositionen einzurichten und auszuprobieren.

Lieblingsfilme
Kai Storck: Filme von Hans Christian Schmid wegen seiner Bildsprache.
Jörg Krieger: SCHWERKRAFT – zwar nicht der beste Film aller Zeiten, aber positiv in letzter Zeit aufgefallen. - Aber die Frage nach dem besten Film ist eine sehr Schwierige, merkt er an.
Martin Steyer: KNALLHART und Filme von Thomas Arslan.

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