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Szenen- und Maskenbild

Rot ist in schwarzweiß nur schwarz

Ein Werkstattgespräch mit nominierten Szenen- und Maskenbildnern

 

Jenni Zylka: Ihre Filme HILDE, WICKIE UND DIE STARKEN MÄNNER und DAS WEISSE BAND haben gemeinsam, dass sie in der Vergangenheit spielen, man also Vorbilder hat, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Macht das Ihre Arbeit leichter?

Thomas Freudenthal: Da gibt es zwar Bilder, aber letztendlich muss man die adaptieren, in einen Zusammenhang bringen, die den Fluss des Films widerspiegeln.

Jenni Zylka: Man verändert also die historischen Vorbilder? Und versucht nicht, das Haus beispielsweise genau nachzubauen?

Thomas Freudenthal: Nein, man versucht zwar, eine Grundstimmung zu kriegen, aber in der Realität sind die Räume optisch und filmisch oft einfach zu uninteressant. Bei HILDE ging es darum, den Zeitgeist von den 20ern bis in die 60er einzufangen, und in jeder Stufe ihrer Entwicklung optische Schlüsselerlebnisse zusammenfügen, um die Zeiten erlebbar zu machen. Und je länger etwas her ist, desto schwieriger wird es, das vor die Kamera zu bekommen. Bei WICKIE ist das bestimmt noch extremer. Bei HILDE ist man noch so nah dran, dass man Dinge, die man heute noch benutzt, teilweise umbauen kann. 

Jenni Zylka: Mir fällt beim Szenenbild immer unangenehm auf, wenn Sachen zu neu, zu shiny aussehen. Wie viele Methoden gibt es denn, Tapeten schnell vollzurauchen?

Thomas Freudenthal: Es gibt eine Menge Spezialisten für das Patinieren, das meiste passiert mit Farben, Lackieren, wieder Abschleifen, dann mit Werkzeugen bearbeiten, damit das Material altert. Das sind immer die letzten 15Prozent der Arbeit, die nachher einen enormen Effekt haben! 

Jenni Zylka: Haben Sie sich bei WICKIE an den Runer Jonsson-Büchern mit diesen urigen Zeichnungen orientiert, Herr Müsse? Oder ausschließlich an der Serie?

Matthias Müsse: Ja, ich habe die Bücher gelesen, aber die Hauptreferenz war ausdrücklich die Zeichentrickserie. Es ging also nicht darum, eine Original-Wikingerwelt widerzuspiegeln, das hab ich zwar auch recherchiert, aber ich habe das ganze interessante Wissen dann wieder über Bord geschmissen! Zum Beispiel ist schon allein die Bootsform falsch: Das Boot ist comichaft und sehr hoch, im Original waren die viel flacher. Die Dekorations-Elemente sind auch übertrieben, der Drachenkopf ist viel größer als so etwas tatsächlich war. 

Thomas Freudenthal: Wo habt ihr WICKIE gedreht?

Matthias Müsse: Am Walchensee. Wir waren in Schottland, Irland unterwegs, hatten Scouts in ganz Nordeuropa. Am Schluss sind wir in Bayern gelandet. Noch witziger war: Als wir anfingen das Dorf zu bauen, kam eine alte Oberbayerin mit ihrem Fotoalbum an und zeigte mir Fotos – genau in der Bucht  wurde in den 50ern mal ein Wikingerfilm mit Kirk Douglas und dann eine Serie gedreht! „Tales of the Vikings“. 

Jenni Zylka: Und inwiefern haben Sie Original-Wikingerbilder recherchiert?

Matthias Müsse: Es gibt viele wieder aufgebaute Dörfer, und ich hatte keine Ahnung, dass es so viele Wikingervereine in Deutschland gibt. Wahrscheinlich mehr als Blaskapellen in Bayern! Eine echte Erfahrung – wir hatten einmal auch Internetseiten von Wikingerfreunden mit dummen, rechtsgerichtetem Gedankengut. Aber der größte Teil der Wikingerkultur ist positiv. Wir hatten sogar einen Wikingerexperten, der schon mal mit einem selbstgebauten Boot von New York nach Dänemark gesegelt ist.

Jenni Zylka: Haben Sie Schilde und Ausrüstungen selbst angefertigt?

Matthias Müsse: Ja, denn da war auch wieder der Comic Vorlage, und die Originale – genau wie auch die Freilichtmuseen – waren für unsere Zwecke, Fantasywelt, Kindermärchen, einfach zu langweilig. 

Jenni Zylka: Aber Hörner gab es schon, oder?!

Matthias Müsse: Nein! Die Wikingerhelme hatten keine Hörner! Das ist erst im 19. Jahrhundert, in der Romantik aufgekommen, das waren tolle Bilder, aber das gab es definitiv nicht.

Jenni Zylka: Herr Pokromski, über die Grande Dame der Kostümbildnerinnen Edith Head weiß man, dass sie immer eine Extrabrille aufgesetzt hat, um schwarz-weiß zu sehen – wie macht man das, wenn man für einen schwarzweißen Film die Maske macht?

Waldemar Pokromski: Heute ist das Material anders. DAS WEISSE BAND haben wir in Farbe gedreht, und dann entfärbt auf Schwarz-Weiß. Aber wir müssen schon bei den Tönen aufpassen, Rottöne sind in Schwarz-Weiß einfach nur ganz schwarz. Wie haben also immer Tests gemacht, und ich hatte glücklicherweise schon Erfahrung durch SCHINDLERS LISTE. Und bei Gesichtern kann man mehr machen, mit Grautönen, die man im Farbfilm nicht benutzen könnte.

Jenni Zylka: Wann steigen Sie denn als Maskenbildner in den Film ein? Beim Drehbuch? 

Waldemar Pokromski: Wir sind sehr früh dabei, aber eigentlich geht es darum, welche Vision der Regisseur hat. Wir sind nur seine Opfer. Trotzdem wollen wir natürlich auch mitbestimmen, und dann stehen wir zwischen Regisseur und Schauspielern: Die Schauspielerinnen wollen schön aussehen, und wenn sie in einer Charakterrolle schlecht aussehen müssen, machen wir das, und es kommt auch mal zu kleinen Diskussionen.Am Ende müssen wir alle glücklich machen, denn wenn eine Schauspielerin unglücklich aus dem Maskenbus kommt, ist der Tag im Eimer! 

Jenni Zylka: Machen Sie lieber historische oder zeitgenössische Filme?

Waldemar Pokromski: Auf jeden Fall historische, weil man die Epoche dadurch noch besser zeigen kann. Es ist toll, sofort zu sehen, wann ein Film spielt, aufgrund der Ausstattung, der Kostüme und der Maske. Das haben wir in DAS WEISSE BAND geschafft, glaube ich.

Jenni Zylka: Absolut. Im Gegensatz zu früher: Römerfilme aus den 60ern sehen viel mehr nach 60er als nach Römerzeit aus.

Waldemar Pokromski: Ja. Und heutzutage sind ja Filme aus den 70ern bereits Kostümfilme. 

Jenni Zylka: Und wieso wachen in manchen Filmen immer noch Frauen morgens voll geschminkt auf?

Waldemar Pokromski: Naja, die Maske hat eben oft den Auftrag, Menschen gut aussehen zu lassen.

Jenni Zylka: Im letzten Film von Roman Polanski, mit dem Sie ja oft zusammengearbeitet haben, wacht Ewan McGregor in einer Szene auf, und hat die Abdrücke von seinem Pulloverärmel auf der Stirn, auf dem er eingeschlafen ist. Das fand ich spitze!

Waldemar Pokromski: Ja, Polanski ist in solchen Dingen sehr genau und mutig. Beim WEISSEN BAND waren wir auch so genau: Wir haben die Leute im Dorf zum Beispiel nur bis zur Hälfte der Stirn geschminkt, und es darüber weiß gelassen, denn die trugen ja immer Hüte! Aber manche Regisseure haben Angst vor solchen Sachen. MICHAEL Haneke glücklicherweise nicht! Diese Nuancen machen das erst richtig schön. 

Annette Keiser: Man braucht definitiv den richtigen Regisseur dazu. 

Waldemar Pokromski: Wir müssen oft experimentieren: Manchmal sind Sachen im Leben noch extremer als auf der Leinwand. Ich fotografiere auf der Straße zuweilen Leute, zum Beispiel jemandem mit einem zweifarbigen Bart! Damit niemand behauptet, dass es so was nicht gibt, wenn ich das im Film mache.

Jenni Zylka: Sie fragen hoffentlich vor dem Fotografieren!?

Waldemar Pokromski: Klar. Aber ich hatte schon komische Situationen: Mit Ulrich Matthes habe ich mal einen Film gemacht, in dem er einen Mann mit langen schwarzen Haaren spielen sollte. In einem Buchladen hab ich einen Jungen mit genau solchen Haaren gesehen, da bin ich zu ihm hin und habe gesagt: Ich brauche Deine Haare, kannst Du sie mir verkaufen? Der hat mich sehr komisch angeguckt.

Jenni Zylka: Und hat er die Polizei gerufen?

Annette Keiser: Nein, aber manchmal klappt so etwas auch! 

Jenni Zylka: Machen die Szenenbildner auch Fotos?

Thomas Freudenthal: Klar! Manchmal geht es auch nur um Farbkombinationen, die man festhalten möchte.

Waldemar Pokromski: Das ist das Kapital, das man braucht!

Thomas Freudenthal: Bei HILDE haben wir kleine Sets vorab gebaut, dann kamen die Masken- und Kostümbildner dazu, und haben Farbtests und Kostümtests da reingestellt, um zu gucken wie es aussieht! Bei WICKIE musste man das bestimmt auch machen wegen der Fackeln.

Matthias Müsse: Ja, in so einer Wikingerwelt hatten wir wenig Möglichkeiten, selbst Licht zu setzen – nur Fackeln und Fenster. Das war eine enge Absprache mit den Kameraleuten. Aber weil das ja auch eine Komödie war, sollte die Grundstimmung nicht dunkel und düster sein. Ein Brandschutzthema ist das mit den Fackeln übrigens auch – dafür kommt dann die Feuerwehr und nimmt das alles ab.

Jenni Zylka: Hat sich Ihr persönliches Bild vom Deutschen Filmpreis verändert, seit die Deutsche Filmakademie die Preisträger wählt?

Matthias Müsse: Bei mir auf jeden Fall, weil ich den Filmpreis vorher längst nicht so intensiv wahrgenommen habe. Und als Akademiemitglied: Mir war früher überhaupt nicht klar, wie viele deutsche Filme jedes Jahr gedreht werden! Das ist beeindruckend, und es ist toll, einen Überblick zu bekommen.

Thomas Freudenthal: Ich glaube, auch die Bandbreite und der Ansporn sind größer geworden. Das ist ein Wechselspiel: Man bekommt mehr mit, was die Kollegen machen, das hat die Qualität allgemein angehoben. In den letzten Jahren wurden die Projekte immer spannender!

Jenni Zylka: Was ist Ihnen in diesem Filmjahr denn besonders aufgefallen?

Thomas Freudenthal: Ich fand DAS WEISSE BAND echt einen Knaller.

Matthias Müsse: Ja, ein absoluter Ausnahmefilm! Ein Lieblingsfilm von mir, der etwas weiter zurück liegt, ist HIMMEL ÜBER BERLIN Vordergründig vielleicht kein Ausstattungsfilm, aber ich bin eben auch Kinogänger. Und wenn man noch weiter zurückgeht, natürlich METROPOLIS

Waldemar Pokromski: Ich finde DAS BOOT einmalig. Das ist die deutsche Visitenkarte. Und von der Maske her DAS PARFUM. Das hat Spaß gemacht, alles schmutzig machen!

Jenni Zylka: Und haben Sie das Gefühl, dass auch das Publikum den Filmpreis anders wahrnimmt?

Thomas Freudenthal: Ich lese und höre, dass es dem deutschen Film so gut wie noch nie geht, und denke schon, dass die Akademie daran einen Anteil hat. Dass auch ein Licht auf solche Bereiche wie unsere fällt, und es ein Interesse daran gibt, ist schon schön.

Waldemar Pokromski: Manche Filme bekommen durch die Akademie mehr Kraft. Sonst kriegt man viele einfach gar nicht mit.

Thomas Freudenthal: Es geht ja auch gar nicht nur um Zuschauerzahlen. So ein Film wie HILDE, der kein Zuschauererfolg war, wird dadurch trotzdem mehr wertgeschätzt, auch im Rahmen der Kollegen. 

Waldemar Pokromski: Und es ist toll, dass die Filmakademie einen Preis für die beste Maske durchgesetzt hat.

Jenni Zylka: Was war denn im vergangenen Filmjahr eine besondere Erfahrung in Ihrem Arbeitsbereich?

Annette Keiser: Ich fand die Komparsen bei DAS WEISSE BAND ganz großartig, wie die uns beschenkt haben! Die kamen teilweise aus Polen, aus Rumänien, kamen mit Riesenkörben mit selbstgebranntem Schnaps und selbstgemachtem Wein...

Waldemar Pokromski: ...den wir immer noch trinken!

Annette Keiser: Das war so rührend, viele von denen waren so glücklich mal nach Berlin zu kommen, zur Masken- und Kostümprobe. Die Produktion hat dann noch eine Stadtrundfahrt organisiert, und das war toll. In Deutschland hätte man solche Gesichter gar nicht mehr gefunden.

Waldemar Pokromski: Im ersten Moment war die Produktion ganz durcheinander, weil Haneke gesagt hat, er will Komparsen, die echte Typen sind, egal woher. Das macht man ja sonst nicht unbedingt, dass man Komparsen aus dem Ausland holt.

Annette Keiser: Aber er setzte sich dafür ein.

Waldemar Pokromski: Und damit gewinnt er, denn der Film wirkt authentisch aus einer anderen Zeit. Solche Bauern gibt es hier nicht mehr. Die Leute werden heutzutage ganz anders alt.

Jenni Zylka: Nämlich gar nicht mehr. 

Waldemar Pokromski: Die Alterung war anders damals, in der Zeit, in der DAS WEISSE BAND spielt, sahen 30jährige schon aus wie 50, und jetzt ist es umgekehrt. 

Matthias Müsse: Meine Lieblingserfahrung aus dem letzten Jahr war, dass ein Buch, das ich schon vor 10 Jahren vom Regisseur bekommen hab, jetzt endlich realisiert worden ist: ein Vampirfilm von Dennis Gansel, den konnten wir jetzt endlich drehen. Ich mochte Vampirfilme immer sehr gern, ein tolles Genre, da gibt es visuell so viele Möglichkeiten! 

Thomas Freudenthal: Ich hatte persönlich im letzten Jahr einfach nur Glück, dass ich so angenehme Kollegen hatte. Es hatten sich im Rahmen des Finanzcrashes Filmprojekte verschoben, so dass ich mehr Fernsehfilme gemacht habe. Aber ich konnte dabei tolle Erfahrungen machen.

Jenni Zylka: Hat sich die Finanzkrise denn ein bisschen beruhigt, Ihrer Meinung nach?

Waldemar Pokromski: Ich glaube ja. Es jammern zwar alle, aber das ist teilweise auch nur eine Entschuldigung, jetzt immer „Krise!“ zu sagen.

Thomas Freudenthal: Ja, bei weniger Mitteln, kürzeren Vorbereitungszeiten. 

Waldemar Pokromski: Ich finde, es werden nach wie vor überall Filme gedreht.

Matthias Müsse: Ich versuche optimistisch zu sein, gerade in schwierigen Zeiten ist die Unterhaltungsbranche ja immer wichtig!

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