Ein Werkstattgespräch mit nominierten Produzenten
Was bringt die LOLA dem deutschen Film? Was bringt sie jenen, die diese Filme produzieren? „Sie bringt nicht mehr Zuschauer, aber sie bringt auf jeden Fall eine größere Aufmerksamkeit und das hilft allen Beteiligten“, sagt Ulrich Limmer, Produzent von LIPPELS TRAUM, der in der Kategorie Bester Kinderfilm nominiert ist. Janine Jackowski kann den Nutzen sogar sehr konkret benennen: „Als wir 2005 für DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN von Maren Ade nominiert worden waren, hat uns die damit verbundene Anerkennung in der Branche wahnsinnig genutzt. Natürlich ist es damit einfacher für den Regisseur sein Nachfolgeprojekt zu finanzieren, das ist gar keine Frage.“ In diesem Fall wäre das Maren Ades zweite Regie-Arbeit ALLE ANDEREN, die in diesem Jahr in der Kategorie Bester Spielfilm nominiert ist.
Doch es ist nicht nur die Aufmerksamkeit, die eine Nominierung oder gar der Gewinn der LOLA bei den Financiers bringt, es ist vor allem die Anerkennung, das Gütesiegel und die Wertschätzung für die Arbeit von Crew und Schauspielern. Und interessanterweise gibt es noch einen Faktor, den man bei all den Filmfestivals und Branchentreffen übers Jahr, kaum vermutet hätte: „Die Veranstaltung selbst ist wichtig, weil alle da sind, man sich austauschen und neue Projekte besprechen kann“, sagt Ernst Ludwig Ganzert, dessen DAS HERZ VON JENIN in der Kategorie Bester Dokumentarfilm startet. Das Bild des Deutschen Filmpreises hat sich durch die Beteiligung der Deutschen Filmakademie bei den Filmschaffenden extrem ins Positive verändert, weil sich der Branchenaustausch enorm intensiviert hat. Man weiß sehr viel mehr darüber, was Andere machen und hat bei den mit dem Filmpreis verbundenen Treffen Gelegenheit, sich darüber auszutauschen. Peter Herrmann, Produzent von WÜSTENBLUME ergänzt: „Allein aufgrund des Auswahlverfahrens sehe ich mehr deutsche Filme als zuvor - und das dürfte für jeden Beteiligten zutreffen. Dass man nun so viel sieht, ist für den Austausch, die Branche, das Selbstbewusstsein, die Identität so extrem wichtig, das kann man anders gar nicht erreichen.“ Auch wenn der Deutsche Filmpreis noch kein gewichtiges Marketinginstrument wie der Oscar ist, so ist viel Musik in ihm. „Es kommt einfach darauf an wie man mit ihm umgeht“, erklärt Stefan Arndt, Produzent von DAS WEISSE BAND.
Gibt es zu viele Filme?
Sicherlich, denn das führt dazu, dass einige Filme den begrenzten Markt dermaßen beherrschen, dass Anderen selbst die Nische zu klein wird. „Dass Arthouse an dem Kinoboom nicht teil nimmt, ist zwar nicht lustig für uns, aber von uns aus auch nicht zu ändern“, merkt Stefan Arndt an. Anders kann man die Angelegenheit offensichtlich nicht mehr betrachten, wenn man weiterhin Filme machen will. „Dem deutschen Arthaus-Film geht es einfach schlecht“, stellt Hans-Christian Schmid fest, und seiner Stimme ist anzumerken, dass ihn das wütend und traurig macht. „Es gibt eine Flut an Arthausfilmen in Europa für die es nicht genügend Publikum gibt. Selbst ein ambitionierter Arthausfilm-Zuschauer geht nur drei bis vier mal im Jahr ins Kino“, stellt Peter Herrmann mit Ernüchterung fest. Immerhin ist das etwa doppelt soviel wie der durchschnittliche Kinobesuch in Deutschland von 1,79 Besuchen pro Person in 2009. Keine günstigen Parameter für eine so rege Filmindustrie wie die Deutsche mit 216 Dokumentar- und Spielfilmproduktionen, die 2009 uraufgeführt wurden und ihren Schwerpunkt auf dem Arthausfilm hat. „Aber wer soll entscheiden, welche Filme gemacht werden, welche in die Kinos kommen“, fragt Christian Becker, dessen Kinderfilm VORSTADTKROKODILE nominiert ist. Sollen etwa kommerzielle Filme nicht mehr gefördert werden?
„Der Film, den wir für unseren bislang kommerziellsten hielten“, merkt Britta Knöller, Produzentin des nominierten STURM dazu an, „war unser erfolglosester Film.“ Stefan Arndt verwendet im Zusammenhang mit dieser Frage den Begriff 'Markt'. Einerseits so argumentiert er, gibt es Interesse und Bedürfnisse bestimmte Filme zu machen, andererseits fehlt auch „der Markt, der uns zähmt“, was man nicht den Herstellern zum Vorwurf machen könne, die in diesem doch recht kleinen Markt konkurrieren. Die Hersteller, so die Schlussfolgerung Arndts, müssten also einfach so lange weiter machen, bis eine natürliche Art von Regulierung entsteht.
Ist das Fernsehen schuld?
Teil des Film-Produktions-Geschäfts ist das Fernsehen, ohne dessen Unterstützung fast kein deutscher Film entstehen kann. Das verfolgt aber nur seine eigenen Interessen und die sehr zielstrebig und die lauten: passendes Programm für sich zu haben. Kino stört da wegen seiner Auswertungssperren und seiner nicht Prime-Time-kompatiblen Längen und Sujets nur. „Wenn es in die Administration geht, spürt man, dass man eigentlich nicht gewollt wird. Ob die den Film haben oder nicht, ist ihnen eigentlich völlig wurscht“, ist die Erfahrung von Dirk Engelhardt.
Vielleicht beschreibt er gerade damit die Mentalität, die zum Grunddilemma der deutschen Kinoproduzenten führt: eine fatale Abhängigkeit von den Sendern als Financiers. Denn wenn sie den Kinofilm nicht wirklich brauchen, warum dafür Marktpreise zahlen? Für Stefan Arndt ein eindeutig politisches Problem, da die Politik die Sender nicht dazu auffordern will, für Kinofilme eben jene Marktpreise zu zahlen. Als Ersatz gibt es dann Förderung. Aus dieser aber bedienen sich die Sender indirekt indem sie ihren Finanzierungsanteil reduzieren und die Differenz auf die Förderung abwälzen oder aber einen Fernsehstoff zum geförderten Kinofilm machen. Um rund 16 Prozent ist die Senderbeteiligung seit Einführung des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) gesunken, schätzt Stefan Arndt. Dabei ist der DFFF gerade auch etabliert worden, um die Produzenten zu stärken und zusätzliche Mittel zur bisherigen Finanzierung bereit zu stellen, also um deutschen Kinofilmen ein höheres Production Value und damit eine bessere Marktchance zu ermöglichen.
Geblieben ist für deutsche Produzenten also kaum etwas, denn der DFFF übernimmt maximal 20 Prozent der deutschen, anerkannten Herstellungskosten eines Films. „Doch was soll man machen, wenn ein Sender einen Film machen möchte, aber zu wenig gibt und dich dadurch in die Förderung und damit ins Kino treibt“, fragt Ulrich Limmer seinen Kollegen. „Willst du den Film dann nicht machen?! Schließlich gibt es Schlimmeres als Kino.“ Dass auf diese Art Kinofilme entstehen, die verkappte Fernsehfilme und kein Kino sind, weiß Limmer genauso, wie er weiß, dass dieses Geld dann echten Kinofilmen fehlt. Doch auch er muss passen, wenn es um die Frage geht, wer hier nach welchen Kriterien was entscheidet. Denn, so der Einwand, zumindest in der Länder-Förderung entscheiden Sendervertreter mit. „In den Fördergremien sind die Sendervertreter die wichtigsten Lobbyvertreter. Das ist nun mal so“, stellt Peter Herrmann fest. „Dies ist ein Spiegelbild der Politik und der politischen Machtverhältnisse in diesem Land. Das hat was mit Föderalismus zu tun und das werden wir nicht ändern.“
So unzufrieden die Produzenten mit diesen Verhältnissen sind, so sehr brechen sie auch eine Lanze für die Redakteure mit denen sie zusammen arbeiten. „Diese Redakteure denken in erster Linie ans Kino. Sie wollen einen wertigen Kinofilm und dass sie mit einem Film wie REQUIEM keine Quote machen, wissen sie“, sagt Hans-Christian Schmid. Stefan Arndt macht dann klar, wo die Trennlinie verläuft: „Man muss deutlich zwischen den handelnden Personen und den Strategien von Multi-Milliarden-Konzernen unterscheiden – unter den einen leiden wir, die anderen mögen wir durchaus ganz gerne.“
„Wie motivieren wir unser Publikum“, fragt Britta Knöller, und dabei geht es um mehr, als diesem nur eine paar interessante Filme anzubieten. Es geht um einen Strukturwandel, um ein Verschwinden des Kinobesuchs zugunsten anderer Orte und Formen des Schauens. „In Lüneburg kämpft das Scala Jahr für Jahr ums Überleben, auch weil sein studentisches Publikum lieber zuhause 'Kino' schaut“, hat Hans-Christian Schmid auf einer Kinotour gelernt. Ein Szenario, das Chancen und Veränderungen in sich birgt. „Über das Internet können Arthouse- und Dokumentarfilme mit kleinerem Aufwand an die Zielgruppe gebracht werden“, sieht Hans-Christian Schmid eine Chance für Produzenten, befürchtet aber auch, dass dieser Wandel mit Kinoschließungen einhergehen wird. Gerade für den Dokumentarfilm, der am meisten unter dem erdrückenden Filmangebot leidet, könnte das eine realistische Chance sein. Nach den längst vergangenen Boomjahren ist seine Kinoauswertung wieder „normal schwierig“, sagt Thomas Tielsch, der mit DIE FRAU MIT DEN 5 ELEFANTEN nominiert ist.
Wenn das Kino nur noch einen begrenzten Nutzen für einen Großteil der deutschen Filme hat, steht auch das Auswertungsfenster für sie wieder zur Disposition, denn warum sollte etwas legal unzugänglich sein, das im Kino nicht reüssieren konnte, aber illegal womöglich längst im Internet kursiert?. „Wir sind gerne bereit, uns mit den Kinos anzulegen, um den Sendern entgegenzukommen und eine sinnvolle Regelung zu finden“, sagt Stefan Arndt zu diesem nicht ganz neuen Vorschlag, die Sperrzeit für im Kino erfolglose Filme zu verkürzen. Aber im Grunde will er das nicht. Er möchte Kino als Ort, wo die Zuschauer Film treffen können, als Ort, der mehr ist als eine reine Abspielstätte oder Marketingstation für spätere Auswertungsstufen.
3D
3D spaltete nach wie vor. Der Arthousesektor ist aus offensichtlichen Gründen skeptisch: Warum brauchen seine Filme 3D? Für Christian Becker ist 3D längst keine Frage mehr. WICKIE AUF GROSSER FAHRT entsteht in 3D - und seine einzige Sorge sind die Produktionsmehrkosten, die er auf 1,5 Mio. Euro schätzt. Gerade für den Kinder- und Jugendbereich sieht er bei 3D große Chancen. Aber auch für das Kino selbst, denn vorerst muss der Zuschauer dafür noch ins Kino gehen. „Aber wie lange wird das anhalten, dass die Menschen 3D spannend finden“, fragt Britta Knöller und findet auch einige Zustimmung. Gegen 3D an sich hat sie nichts, aber sie sieht nicht nur die Finanzierungslücke bei den Produktionsmehrkosten, sondern auch in den Mehrkosten für die Stoffentwicklung von 3D-Filmen, die vorerst auf mehr oder weniger unbekannten Grundlagen erfolgt. Die Mehrkosten treiben auch Ulrich Limmer um, der schon sieht, dass manche Genres wie Family Entertainment einfach in 3D gemacht werden müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, aber wie sollen sie finanziert werden? Das wird zu einer Spaltung des Markts führen, meint Ernst Ludwig Ganzert: „Es wird die großen Filme wie AVATAR geben, für die man ins Kino geht, während man die Arthousefilme auch zu Hause sehen kann.“
Die Lieblingsfilme
Was ist ein Lieblingsfilm? Die wenigsten Produzenten wollen sich festlegen, welcher ihr deutscher Lieblingsfilm ist. „Ich habe gar keinen Lieblingsfilm – weltweit nicht. Ich bin durch Filme geprägt worden, von denen ich heute gar nicht mal mehr wüsste, ob ich sie noch toll fände“, meint Thomas Tielsch. Peter Herrmann will keinen Film nennen, weil die Antwort in der Woche drauf schon anders aussehen könnte. So ist sein Lieblingsfilm eher ein Spiegel des Moments und seiner Stimmung. Dirk Engelhardt wirft SCHTONK! in die Runde, muss sich aber gleich anhören, dass auch dieser Film gealtert sei. Stefan Arndt verblüfft alle mit einer wohlüberlegten, kurzen Antwort: BERLIN ALEXANDERPLATZ von Jutzi und WELT AM DRAHT. Setzt aber hinzu: „Derzeit.“
Christian Becker lässt sich nicht schrecken und nennt DIDI – DER DOPPELGÄNGER. „Das ist zwar nicht der tollste Film, den ich kenne, aber einer, der mich wahnsinnig geprägt hat“, erklärt er und gibt auf die Nachfrage, ob er ihn sich heute wieder ansehen würde, zu, ihn sogar gekauft und digitalisiert neu auf DVD herausgebracht zu haben. Ulrich Limmer lässt sich bei seinen Lieblingsfilmen von „verschiedenen Zeiten“ leiten, immerhin gibt es bei jedem Film verschiedene Aspekte, die ihn auszeichnen. Und auch Hans-Christian Schmid hat die Zeit genutzt, bis er mit der Antwort an der Reihe war, und wartete wie Stefan Arndt mit konkreten Titeln auf: „DRACHENFUTTER von Jan Schütte und DIE INNERE SICHERHEIT von Christian Petzold. Das waren zu ihrer Zeit Filme, die mir etwas bedeutet haben.“
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