Ein Werkstattgespräch mit nominierten Drehbuchautoren
Gerhard Midding: Haben Sie einen Lieblingsfilm aus der deutschen Filmgeschichte?
Hans-Christian Schmid: Es gab immer wieder Filme, die mich beeindruckt haben, beispielsweise DRACHENFUTTER von Jan Schütte und DIE INNERE SICHERHEIT von Christian Petzold. Ich kann mich erinnern, wie ich aus dem Kino kam und dachte: „Das ist toll, das gefällt mir!“ Aber wie soll ich die vergleichen mit einem Film wie METROPOLIS?
Wolfgang Kohlhaase: Auf einen Titel möchte ich das nicht reduzieren. Ich finde, es gibt so viele unterschiedliche Filme, die ihre eigenen Verdienste haben. Die wechseln auch in meiner Erinnerung, sind nicht immer auf demselben Platz. Ich habe für mich noch einen Anhaltspunkt: Ich vergleiche Ambition und Resultat: Das wollten die machen, und wenn’s wirklich gut ist, haben sie das auch gemacht. Bei weniger guten und durchaus redlichen und anständigen Filmen haben sie es nicht ganz geschafft.
Bernd Lange: Ich verweigere mich da auch. Der aktuelle Lieblingsfilm ist vielleicht der, der einem zuletzt viel bedeutet hat. Aber wenn man ihn dann in fünf Jahren wiedersieht, bedeutet er vielleicht gar nichts mehr.
Gerhard Midding: Welches ist Ihre beste und /oder schlechteste Erfahrung im letzten Filmjahr?
Hans-Christian Schmid: STURM hatte wenig Zuschauer im Kino. Das war für mich die schlechteste Erfahrung.
Bernd Lange: Ich schließe mich da an. Nach vier Jahren Arbeit hatten wir nur 40000 Zuschauer. Denen hätte man die Geschichte in dieser Zeit ja einzeln erzählen können.
Wolfgang Kohlhaase: Könnte ich auch sagen: WHISKY MIT WODKA hatte nicht so viele Zuschauer, wie wir eigentlich mal gedacht haben. Aber das gehört dazu. Otto Brahm, dieser alte, berühmte Berliner Theatermann lag auf dem Sterbebett und sagte mit schwacher, aber deutlicher Stimme: „Ich weiß jetzt, wann die Leute kommen.“ Und die Kollegen beugten sich über ihn und sagten: „Otto, bleib doch! Geh‘ nicht, ohne es uns zu sagen!“ Und Otto Brahm sagte: „Die Leute kommen, wenn sie wollen.“
Gerhard Midding: Hat sich ihr persönliches Bild vom Deutschen Filmpreis verändert, seit die DEUTSCHE FILMAKADEMIE die Preisträger wählt?
Wolfgang Kohlhaase: Jedes System, wie man Preise aussucht oder bestimmt, hat seine eigenen Fehlermöglichkeiten. Der weit verbreitete Stolz, tausend Menschen sind nun daran beteiligt, und das muss ja zur Wahrheit führen – das ist nicht so.
Hans-Christian Schmid: Für mich hat sich verändert, dass wir uns nun aus verschiedenen Gründen treffen und über die Filme diskutieren. Ich finde es sehr angenehm, wenn man allein schon in der Kaffeepause mit Leuten spricht, die man sonst nicht so häufig sieht.
Bernd Lange: Ja, alle bekommen diese Kisten mit den Sichtungs-DVDs und man kann in den nächsten vier Wochen über diese Filme reden. Da bündelt man die Aufmerksamkeit, die sich sonst über ein Jahr verteilt. Das ist schon ein Akademiegedanke, dass man die Arbeit diskutiert.
Gerhard Midding: Eingangs würde ich gern ein wenig über das Drehbuchschreiben als Konjunktiv sprechen, im Zustand der unbegrenzten Möglichkeiten, die erst später im fertigen Film dann unwiderruflich werden: Wie sollten STURM und WHISKY MIT WODKA ursprünglich einmal aussehen? Wie ist die Idee zu ihnen entstanden?
Bernd Lange: Bei STURM war das erst ganz naiv. Wir wollten wieder zusammenarbeiten, wollten etwas finden, das uns gemeinsam interessiert. Das ging nach dem Ausschlussprinzip: Es soll ein Film sein, der in der Gegenwart spielt, der ein Thema spannend verhandelt. Nach dem Muster haben wir gesucht. Und dann sind wir auf einen Zeitungsartikel im „Spiegel“ gestoßen, wo wir einfach die Situation interessant fanden: Deutsche arbeiten nach sechzig Jahren einmal auf der anderen Seite an einem internationalen Strafgerichtshof und beschäftigen sich mit Kriegsverbrechen. Da war ein Funke, wo wir sagten, da gehen wir hin. Aber das war dann wie bei einem Wollknäuel: Je mehr man zieht, desto mehr kommt an Menschen und Situationen, die einen interessieren. Und irgendwann verdichtet sich etwas aus der Realität mit der eigenen Phantasie zu einer Geschichte.
Hans-Christian Schmid: So ein Anstoß muss immer auch auf ein thematisches Grundinteresse stoßen: wie sich Menschen verhalten, die sich entscheiden müssen, in ein moralisches Dilemma geraten. Hannah Maynard in STURM ist eine Frau, die sich entscheiden muss zwischen Idealismus und Pragmatismus. Wenn man sich für so grundsätzliche Probleme nicht interessieren würde, fände man auch in einem Zeitungsartikel nicht den Kern für eine Geschichte.
Bernd Lange: Es ist aber nicht so, dass einem das Thema sofort ins Auge springt, sondern es geschieht eher, dass man sich nach einem Jahr umdreht, schon die erste Drehbuchfassung fertig hat und entdeckt: Darüber schreiben wir eigentlich.
Gerhard Midding: Der ursprüngliche Fokus lag aber auf Deutschen am Internationalen Gerichtshof?
Hans-Christian Schmid: Die ersten Fassungen sind deutsch geschrieben. Und das konnten wir uns auch deutsch besetzt vorstellen. Aber je mehr uns klar wurde, dass beim Tribunal in Den Haag schon einmal ganz klar die Amtssprache Englisch ist, desto wahrscheinlicher wurde für uns auch eine englische Besetzung. Es wäre sehr unrealistisch gewesen, mehr als ein oder zwei Figuren bei dem Tribunal mit Deutschen zu besetzen, nur damit ein deutscher Film in deutscher Sprache entsteht. Diese Kurve mussten wir erst einmal bekommen.
Gerhard Midding: Der Ursprung von WHISKY MIT WODKA reicht sehr weit zurück in die Filmgeschichte.
Wolfgang Kohlhaase: Der Kern ist eigentlich nicht mehr als eine Anekdote. Bei der DEFA gab es eine Situation, wo mit einem sehr guten Schauspieler gedreht werden sollte, der aber ein praktizierender Alkoholiker war. Man fürchtete, dass der den Film vielleicht nicht durchsteht. Um in diesem Fall das Material nicht zu verlieren, hatte man die etwas verwegene Idee, das Ganze zugleich mit einem zweiten Schauspieler zu drehen. Man wollte auch einen gewissen Druck schaffen für den ersten Mann: Du bist letzten Endes nicht unersetzlich. Das haben die aber nur vierzehn Tage durchgehalten, denn dann hat sich die Hoffnung gefestigt, dass er es schafft. Das war ein Film von Kurt Maetzig, und sein Regieassistent war Frank Beyer, mit dem ich benachbart und befreundet gewesen bin. Er war im Besitz dieser merkwürdigen Erfahrung, über die wir öfter geredet haben - und dann haben wir doch etwas anderes zusammen gemacht. Irgendwann setzte ich mich aber doch an den Stoff und habe gemerkt, mit diesem ganz engen Kreis – zwei Schauspieler konkurrieren – kommst Du nicht über einen ganzen Kinoabend. Denn man bringt den Zuschauer in die Position des Schiedsrichters. Aber er kann ja nicht die Qualität der beiden fiktiven Filmschauspieler beurteilen. Er muss sowieso glauben, was ich ihm sage. Ich hatte einen Entwurf geschrieben, aber dann wurde Beyer sehr krank und er lag so lange herum, bis sich herausstellte, dass er das nicht mehr machen konnte. Schließlich kam Andreas Dresen dazu. Wir haben die gemeinsame Tonlage gefunden. Wir wollten kein Kabarett machen über das Drehen eines Films, sondern wir wollten fragen, was hat Kino vom Leben und was Leben vom Kino? Was sind Rollenspiele, was ist mit der Erfahrung des Älterwerdens, die jeder unausweichlich für sich macht - und sie ist groß genug? Aber wie komisch ist sie? Welche Melancholie entsteht da? Sicher ist es eine Geschichte, die eher Jemand erzählen möchte, der älter ist. Scherzhaft habe ich gesagt, man könnte den Film annoncieren mit dem Satz: „Dieser Film beantwortet keine brennenden Fragen. Wenn sie allerdings darüber nachdenken möchten, mit welchem Gesicht Sie alt werden wollen, dann kommen Sie doch mal rein!“
Gerhard Midding: Hat sich denn für Sie im fertigen Film eine atmosphärische Hoffnung an den Stoff erfüllt?
Wolfgang Kohlhaase: Ich weiß beim Schreiben, auch wenn der Regisseur mein Freund ist: Ich werde mir jetzt einen Film ausdenken, den ich nicht sehen werde. Denn man macht mit jedem Regisseur einen anderen Film. Sie können ein noch so genaues Drehbuch schreiben – und das sollten Sie auch tun-, es muss im Moment des Drehens alles noch einmal neu und in sinnlicher Ursprünglichkeit erfunden werden. Durch die Schauspieler kommt etwas hinzu, das man nicht vorhersehen kann. Man kann ihnen Spielmaterial und einen Rhythmus geben. Das sollen die auch genauso spielen: Ich war immer der Ansicht, das Geld gibt es, damit die meine Dialoge genauso sprechen. Aber selbst dann bleibt eine Unmenge zu tun, um das wirklich lebendig zu machen. Es kommt die wunderbare Erfindung des Augenblicks dazu, die man nur bemerken und festhalten kann. Ich hab mich auch immer beteiligt an der Inszenierung meiner Filme, nicht im Sinne eines Aufpassers wohlgemerkt. Aber ich habe die Probleme, die beim Drehen entstehen, immer auch als meine eigenen gesehen. Nicht jede Szene, die sich gut liest, spielt sich gut. Aber ich fürchte ja nicht die Erfindung der Anderen, ich hoffe auf sie. Deshalb muss ich auch nicht herumlaufen und klagen: „Ich hatte da ein wunderbares Drehbuch, das haben sie leider nicht verstanden.“ Erstens will das niemand hören und zweitens bin ich auch nie in der Lage gewesen.
Gerhard Midding: Ich stelle mir vor, bei einem Stoff wie STURM geht es erst einmal darum, aus all den komplexen Hintergründen eine Geschichte herauszuschälen? Man könnte ja in tausend Richtungen gehen. Im Grunde ist es eine Geschichte, die sich hinter einer anderen verbirgt: Es gibt eine falsche Zeugenaussage, hinter der die wahre aufgespürt werden muss.
Bernd Lange: Anfangs puzzelt sich das so zusammen. Und dann hat man einen ersten Entwurf, ein Treatment. Das ist sehr naiv, das kommt erst einmal so aus einem heraus. Aber diese Idee hatte vom ersten Text an Bestand.
Hans-Christian Schmid: In dem „Spiegel“-Artikel gab es gar keine Geschichte. Auch bei den Recherchen wird einem die Geschichte, die man erzählen will, von niemandem wirklich erzählt. Man muss in der Lage sein, zu sammeln und sich dann entscheiden zu können, das Hintergrundwissen beiseite zu legen. Wir haben uns bedient aus einzelnen Elementen, die wir gehört haben – dass Zeugen bedroht werden, oder dass das Tribunal bis 2010 dicht machen soll, was ja einen enormen Druck und Widerstand für die Arbeit dort bedeutet -, und sie dann dramaturgisch durchleuchtet. Aber irgendwann muss man sich selbst zutrauen, eine Geschichte zu erfinden.
Bernd Lange: Es ist schon so, wie Herr Kohlhaase sagt: Recherche ist im besten Fall eine Sammlung von Anekdoten. Und wenn man nicht im Gespräch mit dem Regisseur auf ein Schlagwort, ein Thema kommt, bleibt es ein Patchwork. Bei STURM war uns klar, es geht um Integrität.
Gerhard Midding: Findet bei einem Film wie STURM die Schauplatzsuche schon während der Drehbuchphase statt?
Hans-Christian Schmid: Ja, das geht Hand in Hand. Verschiedene Phasen der Stoffentwicklung wurden unterbrochen durch Recherchen vor Ort. Da stößt man auf Gegebenheiten, die man aufnimmt. Wir entdeckten zu Beispiel, dass im Tribunal in Den Haag mit sehr bescheidenden Mitteln gearbeitet wird. Die Büros sind sehr klein und spartanisch.
Bernd Lange: Wir haben drei Jahre mit Herumreisen verbracht - kein Wunder, dass die Geschichte, die wir geschrieben haben, so oft in Hotellobbies spielt.
Wolfgang Kohlhaase: Zum Recherchieren braucht man Gewissenhaftigkeit, und auch ein bisschen Glück. Und dann – das Wort wird Ihnen merkwürdig vorkommen - braucht man Mut zum Erfinden. Den Mut, zu sagen: Wenn die Dinge so passiert wären, wären sie besser. Man fragt sich, ob man das tun darf. Aber wenn Sie den Mut zur Erfindung gefasst haben, geben Sie ihn nicht wieder her, weil Sie merken: Von nun an geht es weiter. Und da kommt das Handwerk ins Spiel. Ich glaube, sowohl die Zuschauer wie die Schauspieler lieben Dramaturgie. Das heißt, es muss etwas sinnvoll zu spielen und mit Neugierde zu betrachten sein. Man kann Dramaturgie nicht als Schema nehmen, denn jeder Film ist eine Neuanfertigung. Aber sie ist ein System von Regeln gegen die permanente Bereitschaft eines Publikums, sich zu langweilen. Das läuft größtenteils über die Charaktere, über den Konflikt, über die Art und Weise, wie ich eine Geschichte in den ersten zehn Minuten in Gang bringe. Zuschauer wollen irgendwann wissen, woran sie sind. Sie wollen einen Vorschlag gemacht bekommen, ob es mehr zu Lachen oder zu Weinen gibt. Es muss erst einmal eine Erwartung geschaffen werden, mit der man dann spielen kann. Es gelingt einem selten, aber das Schönste ist, wenn man eine Geschichte hat, wo die Leute am Anfang neugierig sind auf das Ende. Da kannst du zwischendurch Kochrezepte vorlesen, denn der Bogen geht nicht verloren. Und ich glaube, dass jedes Publikum nicht unbedingt ein Happyend sehen will, sondern den erhofften Schluss. Das ist das halbe Eintrittsgeld. Die Kunst ist nur, dass die Hoffnung nicht schon eine Gewissheit ist, wenn der Film halb um ist. Ich mache es ganz simpel. Ich versuche mir einen Film vorzustellen, den ich gern sehen würde. Wenn es mich langweilt, wen soll es dann sonst interessieren?
Gerhard Midding: Beim nochmaligen Sehen von WHISKY UND WODKA und STURM ist mir immer wieder ein Satz durch den Kopf gegangen, den ich einmal in einem Interview mit Wolfgang Kohlhaase gelesen habe: „Eine Szene muss jemandem gehören.“
Bernd Lange: Was soll ich mir darunter vorstellen?
Wolfgang Kohlhaase: Mein erster Regisseur war Gerhard Klein. Der fragte immer: „Wer hat den Moment?“ Das kann auch einer sein, der zuhört. Jeder muss einen Auftritt haben, der nicht folgenlos bleibt. Wenn einer dazukommt, muss das die Szene ändern, wenn einer fortgeht ebenso. Wenn Du drei Schauspieler hast in einer gegebenen Situation, ist einer wichtiger als die beiden anderen. Vier Schauspieler sind wahrscheinlich zwei Parteien. Ich kann als nicht mehr als zwei Gesichtspunkten folgen. Eine Geschichte ist nur gut, wenn jeder von seinem Standpunkt aus Recht hat. Sie können keine Person auftreten lassen und sagen: „Sie haben unrecht, Sie können wieder gehen!“
Hans-Christian Schmid: Mir fällt da ein Beispiel aus DIE FREMDE ein, in dem ja eigentlich die junge Frau die Hauptfigur ist, die aus der Türkei nach Deutschland kommt, um ihrer Familie zu erklären, dass sie sich von ihrem Ehemann trennen will. Aber die Szene ist ganz klar die des Vaters, der darauf reagiert. Man merkt genau, es gibt einen unauflöslichen Konflikt in dieser Familie. Und es gibt erst einen klaren Konflikt in einer Szene, wenn es jemanden gibt, der etwas will.
Wolfgang Kohlhaase: Genau, man folgt generell lieber einer Person, die etwas will, als einer Person, die nichts will. Es gibt ja diesen Typ von Film: Wir hatten nichts Besonderes vor, und das ist dann auch nichts geworden. Das ist unbefriedigend für jedes Publikum.
Gerhard Midding: Dazu fällt mir noch ein weiteres Zitat aus besagtem Interview ein: „Als Drehbuchautor versuche ich, Darstellern schöne Möglichkeiten zu geben.“ WHISKY MIT WODKA tut eigentlich nichts anderes, als lauter unterschiedliche Figuren in ihr Recht zu setzen.
Wolfgang Kohlhaase: Das kann man ja auch als Einwand gelten lassen, es ist kein dramatisches Sujet. Wenn ein Stoff eindeutig auf die Zuspitzung eines Konfliktes zielt, ist das ja eigentlich die größere Verabredung mit dem Publikum. Die Leute sind gespannt, wie es weitergeht. Aber hier ist es ein episodisches Konzept. Und da geht man über dünnes Eis. Wir wollten keinen Film machen, bei dem die Leute ununterbrochen ihre Bewusstseinslage parat haben. Nach dem Motto: Ein Ehepaar hat einen Konflikt und kann ihn wunderbar hersagen. Das bringt die Schauspieler in die Lage, dass sie mehr aufzusagen haben, als zu spielen. Es muss ein Stück Geheimnis bleiben. Zum Beispiel will ein Paar ausgehen. Der Mann ist schon fertig. Die Frau steht noch vor dem Spiegel, probiert einen Hut auf und gefällt sich. Und der Mann sagt: „Der steht dir nicht.“ Schauspieler brauchen Zwischenräume. Du musst anbieten. Wenn Du etwas mit drei Sätzen sagen kannst, ist das besser als wenn Du sechs hast.
Gerhard Midding: An welchem Punkt kommt der Titel zum Film? Ist das ein Moment, der Klarheit über das eigene Vorhaben verschafft?
Wolfgang Kohlhaase: Titel sind schwer. Nichts ist so schön, als wenn man früh einen hat. Weil der Titel auch einen Untertext hat: Er liefert ein Motiv oder eine Erzählhaltung. In diesem Fall fiel mir lange Zeit keiner ein. Dann hatte ich ihn, und wir haben uns gefragt: Ist er gut oder nicht? Irgendwann war es dann so weit, dass er blieb. Es gibt sicher klassische Titel, aber es gibt auch solche, die man gut findet, weil der Film eben gut war. Warum ist FAHRRADDIEBE ein so guter Titel? Keine Ahnung. Aber die Lakonie eines Titels ist eine große Qualität. Kino besitzt ja unter allen Umständen eine Spur Trivialität. Filmtitel können anders sein als Buchtitel. Es muss über zwei Stunden funktionieren, man muss reingehen wollen, es muss aussehen, und es muss gut klingen.
Bernd Lange: Wenn man ihn erst einmal vorn aufs Treatment geschrieben hast, ist es schwer, ihn wieder los zu werden. Dann steht das da wie Blei. REQUIEM hieß lange Zeit „Anneliese Michel und ihre Dämonen“. Aber beim Ausdrucken des Buchs, in einem völlig unkontrollierten Moment, habe ich das geändert. REQUIEM sagte mir, was ich eigentlich mache. Der Titel hat, wie Sie sagen, etwas für mich definiert. Die Marketingabteilung schaut natürlich noch einmal mit einem ganz anderen Blick darauf.
Hans-Christian Schmid: In Deutschland haben wir noch das Glück, dass die Verleiher keine Umfragen machen, ob ein Titel kommerziell eher hinderlich ist. Bei STURM nahmen wir in der ersten Drehbuchfassung Bezug auf eine militärische Operation, die „Operation Sturm“ hieß. Dieser Arbeitstitel ist geblieben, bis der Anruf der Berlinale kam, dass wir in den Wettbewerb kommen. Dann hatten wir noch zwei Wochen Zeit, aber es ist keine Alternative aufgetaucht. Ich musste dann natürlich nach jeder Vorführung die Frage beantworten, weshalb heißt der Film so?
Gerhard Midding: In Ihren Filmographien fällt auf, dass Sie alle drei gern in serieller Monogamie arbeiten…
Bernd Lange: Das hört sich aber pervers an.
Gerhard Midding: Ich meine damit, dass Sie offenbar enge, langfristige Arbeitsbeziehungen schätzen: Hans-Christian Schmid zunächst mit Michael Gutman, nun mit Bernd Lange; Wolfgang Kohlhaase mit Gerhard Klein, Konrad Wolf, Frank Beyer, nun mit Andreas Dresen. Was sind dabei die Vorzüge und Nachteile?
Wolfgang Kohlhaase: Mir fallen zunächst nur Vorzüge ein. Man kennt sich einfach, man kann sich in Kürze verständigen. Man kann auf die letzte Erfahrung zurückgreifen, die gut war oder auch nicht. Man teilt eine Haltung zum Filmemachen. Das empfinde ich als schöne Abkürzung. Es schützt gegen Missverständnisse. Partnerschaft ist die halbe Miete. Fragwürdig wird es vielleicht, wenn man ein bisschen aneinander müde wird. Es sollte offen sein. Wenn man sich zu gut kennt, sollte man auch mal aussetzen. Ich kann ja nur meine Sachen schreiben. Ich würde es durchaus für möglich halten, dass ein befreundeter Regisseur etwas aus einer ganz anderen Kiste machen will, die ich nicht liefern kann. Wenn er sagt, ich will einen Film mit 1000 Pferden machen, fiele mir dazu nichts ein. Ich denke, der Drehbuchautor neigt vielleicht eher zur Treue, weil er sich sagt, ich kenne den Menschen, dem ich das gebe. Während ein Regisseur denkt, ich muss mich selbst ausprobieren. Sicher sind meine Bücher sehr verschieden, aber insgesamt sollten sie am Ende etwas ergeben, was zusammenpasst. Dadurch ist man ja erkennbar. Aber ich habe festgestellt, dass gerade beim Film sich manches leichter dialogisch erfindet, in Rede und Gegenrede. Filmemachen ist kommunikativ, nicht meditativ. Drehbücher schreibt man bei offener Tür.
Hans-Christian Schmid: Ich empfinde das ähnlich. Man vermeidet viele Missverständnisse. Das liegt auch an meiner Unfähigkeit, allein zu schreiben. Wenn ich vier Stunden am Schreibtisch sitze, habe ich das Bedürfnis, mich mit jemandem auszutauschen. Es fällt mir schwer, das alles nur mit mir selber abzumachen. Ich bin immer auf der Suche, vielleicht auch nach Jemandem, der ein fertiges Buch hat wie Bernd im Fall von REQUIEM. Man sollte aber auch immer die Möglichkeit zulassen, andere interessante Leute kennenzulernen.
Bernd Lange: Man ist ja nicht wirklich monogam, man hat auch schon mal Affären. Aber ich war vier Jahre auf der Filmhochschule und fand es immer ganz furchtbar, dass ich keinen Partner fand. Wie eine alte Jungfer, die sich fragt, wo bleibt der Topf zum Deckel. Als Autor merkt man natürlich, dass Du ohne Regiepartner nicht existieren kannst. Denn am Ende geht es um den Film. Das Buch liegt nach Drehschluss auf dem Set und wird zusammengefegt. Es hört sich schlimm an, aber es ist wie zwischen Männern und Frauen. Man verguckt sich ineinander. Der eine hat diese Stärken, der andere jene. Und damit versucht man, voranzukommen. Die größte Gefahr ist in einer Beziehung ist natürlich, wenn man so hübsch nebeneinander einschläft und die Stoffe nicht mehr aus Reibung entstehen, sondern aus gegenseitiger Gefälligkeit.
Deutsche Filmakademie e.V.
Köthener Straße 44
10963 Berlin
T: +49 30 257 587 9-0
F: +49 30 257 587 9-10
E: info@deutsche-filmakademie.de