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Film trifft... Familie

Gut 200 geladene Gäste, bestehend aus Mitgliedern der Deutschen Filmakademie und Gästen von Mercedes-Benz, kamen am 30. Oktober 2006 in der Mercedes-Welt am Salzufer in Berlin zur Auftaktveranstaltung der Diskussionsreihe FILM TRIFFT… zusammen. Heiner Geißler und Senta Berger sprachen in dem von Frank Plasberg moderierten Gespräch über die Frage „Wieviel Familie ist in uns?”. Ausgangspunkt war ein Film, der im Januar dieses Jahres für sommerliche Wärme in den Herzen der Kinozuschauer gesorgt hatte: SOMMER VORM BALKON. Schnell zeigte sich, dass die zunächst harmlos scheinende Leitfrage direkt in die Auseinandersetzung mit Wirtschaftssystemen und Politik führt.

Der Film SOMMER VORM BALKON

Nike und Katrin, die beiden Hauptfiguren in SOMMER VORM BALKON, an deren alltäglichen Sorgen wir als Kinozuschauer teilhaben dürfen, nehmen einen im wahrsten Sinne des Wortes mit – so sehr, dass man zwischendurch vergesse, dass es sich um einen Film handele, dem ein Drehbuch zugrunde liege, befand Senta Berger. Man sieht, wie Nike von einem alten Menschen zum nächsten hetzt, weil ihr eigentlich nur 15 Minuten für die Versorgung zugestanden werden, sie aber immer überzieht, weil sie nicht anders kann, als sich um die Menschen zu kümmern, für die sie sich verantwortlich fühlt. Man leidet mit Katrin, die als alleinerziehende, arbeitslose Mutter für Heiner Geißler den soziologischen Begriff der ‚Unterschicht’ geradezu definiert.

„Hart aber fair”-Moderator Frank Plasberg lenkte seine beiden Gesprächspartner über die genaue Betrachtung der beiden Filmfiguren und ihres Lebensstils in eine Diskussion über den Wirklichkeitsgehalt des Filmes und die Ursachen für den Übergang vom Sozial- in den Individualstaat, die SOMMER VORM BALKON laut einer Filmrezension aufzeige.


Gesellschaftliche Realität

Daraus entwickelte sich ein Gesprächsbogen, der von der gemeinsamen Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland seit den 1970er Jahren über die Bestandsaufnahme der aktuellen wirtschaftlichen Realität bis hin zu persönlichen Lebensentwürfen und auch politischen Forderungen reichte.

Besonders für Heiner Geißler, der die Realität für weitaus härter hielt als den Film, münden die Versäumnisse und Fehlentscheidungen der Politik in den letzten 30 Jahren in eine fast schon ausweglose Situation für Menschen in Deutschland. Denn jemand, der mit 50 Jahren arbeitslos werde oder eben alleinerziehende, arbeitslose Mütter hätten im heutigen deutschen Wirtschaftssystem durch die ‚kriminelle Hartz IV-Regelung’ keine Chance, wieder nach oben zu kommen. Begriffe wie ‚Eigenverantwortung’ seien so zur „hohlen Nuss” verkommen.

Politiker ins Kino

Auf die Frage Plasbergs, warum z.B. ein Politiker wie Kurt Beck, der den Arbeitslosen in Deutschland den Willen zum Aufstieg abspricht, sich SOMMER VORM BALKON anschauen müsse, vertrat Senta Berger die Meinung, dass Politiker sich den Film allein wegen der geschilderten Situation in der Altenpflege und der Massenarbeitslosigket ansehen sollten. Schließlich habe der technische Fortschritt, der immer mehr Arbeitsplätze wegrationalisiert hat, den Menschen stärker in den politischen Hintergrund gedrängt.

Wir hätten heutzutage keine soziale Marktwirtschaft mehr, sondern Kapitalismus pur, behauptete Heiner Geißler. Firmen wie BenQ, Mannesmann, Vodafone, Sanofi oder auch Continental sind laut Geißler nicht an den Gütermärkten, sondern an den Kapitalmärkten gescheitert – weil die unsittliche Regel gelte, dass der Börsenwert steigt, wenn eine Rationalisierung greift. Geißler postulierte ein Bündnis der USA und Deutschlands, mit dem Ziel, ökonomische Mindeststandards bzw. eine internationale sozial-ökologische Wirtschaft zu schaffen.

Doch neben der Forderung nach Lösungen für die wirtschaftspolitische Misere, in der sich Deutschland zur Zeit befindet – wie z.B. einer Verlagerungssteuer für ins Ausland abwandernde Betriebe –, sah Senta Berger auch Handlungsbedarf bei jedem einzelnen: Sie erzählte von „sprachlicher Vergröberung”, die ihr bei Dreharbeiten in Berlin-Moabit begegnet sei, und von nachbarschaftlicher Nähe und Hilfsbereitschaft, die es in ihrer Kindheit noch selbstverständlich gegeben habe und die heute verloren gegangen sei – wofür sie nicht zuletzt das Fernsehen verantwortlich machte.

Die eigene Familie

Eine sehr persönliche Note gewann die erste FILM TRIFFT…-Begegnung durch die Schilderung eigener familiärer Erlebnisse.

Heiner Geißler berichtete von seinem Sohn, der 180 Bewerbungen schreiben musste, ehe er einen Job fand und welche Investition dies bedeute.

Senta Berger beschrieb, dass sie ihre Kinder nicht ohne die Hilfe anderer Frauen und ihrer Mutter hätte großziehen können – ein soziales Netz, von dem sie glaubt, dass es heute immer weniger Bestand habe. Beide erzählten, wie sie immer darauf geachtet hätten, sich Zeit für ihre Kinder zu nehmen und wie wichtig dies für die Erziehung gewesen sei. Schnell waren die Talkgäste wieder bei den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die immer weniger Raum für Zwischenmenschlichkeit bieten.

Es wurde deutlich, wie klein der Schritt von der Frage nach dem gesellschaftlichen Mikrokosmos Familie zum Makrokosmos Weltwirtschaft ist – und wie stark ein ‚harmlos’ daherkommender Film nicht nur zur sozialen Bestandsaufnahme wird, sondern zugleich den gesellschaftlichen Diskurs fördert.



Um sich die Videosequenzen anzusehen, klicken Sie bitte auf die Bilder. Sie benötigen dazu QuickTime 7.

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