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Die Podiumsteilnehmer der LOLA VISIONEN Regie::beim LOLA FESTIVAL 2012
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Das Dokfilmwunder

Was ist neu am Dokumentarfilm und warum ist er so erfolgreich?

Der Dokumentarfilmproduzent Thomas Kufus (DIE KINDER SIND TOT), Regisseur Douglas Wolfsperger (DER LANGE WEG ANS LICHT) und der Filmpublizist und Kinomacher Claus Löser (GEGENBILDER – DDR-FILM IM UNTERGRUND, Kino Brotfabrik, Berlin) stellten sich am 14. November 2008 im Berliner Museum für Film und Fernsehen die Frage, was am Dokumentarfilm eigentlich neu und warum er so erfolgreich ist. Aus dem Publikum beteiligte sich spontan auch Regisseur Dominik Wessely (AUFBRUCH DER FILMEMACHER) an der Diskussionsrunde. Die Moderation hatte Regisseur Hubertus Siegert (KLASSENLEBEN) inne.

Thomas Kufus: „Der Dokumentarfilm hat ja sogar im Kino, wo man vielleicht noch am ehesten den klassischen Dokumentarfilm erwartet – nicht zuletzt durch Michael Moore (BOWLING FOR COLUMBINE) –, zahlreiche Mischformen erfahren – bis hin zu ganz hybriden Formen. Das ist eine große Bereicherung und hat auch zu einer Renaissance des Dokumentarfilms geführt.”

Douglas Wolfsperger: „Mir ist das sowieso egal. Ich würde auch einen Zeichentrickfilm einbauen, wenn ich glaube, dass es reinpasst. Ich sehe da überhaupt keine Grenzen. Ich sehe auch keine Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Ich habe nicht das Gefühl, zu den Dokumentarfilmern zu gehören. Ich habe aber auch nicht das Gefühl, Spielfilmer zu sein. Es ist einfach wichtig, einen guten, interessanten Film zu machen.”

Claus Löser: „Wenn man sich die letzte Dekade des DEFA-Dokumentarfilms ansieht, fällt auf, dass der Dokumentarfilm in dieser Zeit künstlerisch viel reifer als der Spielfilm war. Die Arbeiten von Jürgen Böttcher, Volker Koepp oder Helke Misselwitz sind als wertvolle Filmerinnerung in die gesamtdeutsche Kinematografie eingegangen. Wieso war das ausgerechnet in einem Land so, bei dem der Film unter einer staatlichen Totalkontrolle stand und stilistisch die Filmsprache eher hermetisch war? Warum bildete sich ausgerechnet im Dokumentarfilm eine höhere künstlerische Autonomie heraus, während der Spielfilm weitgehend vom Kunstgewerbe beherrscht wurde? Beim Dokumentarfilm wurde dieser Prozess durch die Befreiung von Kommentar und belehrendem Grundton begünstigt. Mit Filmen von Böttcher, Koepp oder Misselwitz hat im DDR-Dokumentarfilm eine Rückeroberung der Authentizität stattgefunden, die im Spielfilm gar nicht zu erreichen war.”

Kufus: „Politische Themen funktionieren im Kino selten, das ist eher dem Fernsehen vorbehalten. Wir haben eine Menge politischer Filme produziert, die sicher wichtig waren, im Kino aber nicht funktionierten. Was z.B. mit Krieg zu tun hat, ist im Kino eine absolute Katastrophe. Das will niemand sehen. Doch das Themenspektrum hat sich stark erweitert und bestimmte Genres gehen, andere eben nicht.”

Imagefalle Dokumentarfilm?

Thomas Kufus

Thomas Kufus

Kufus: „Der Gewinn kommt beim Produzenten selten an. Zum Beispiel hat der Verleih genug Möglichkeiten, seine Kosten so hochzurechnen, dass er immer kurz vor dem ‚break even’ bleibt und keine Einnahmen an den Produzenten ausschütten muss. Da nach dem deutschen Fördersystem die Förderungen noch vor der Ausschüttung an die Produzenten zurückgezahlt werden müssen, ist die Situation für Filmproduzenten ungünstig.“ 

Wolfsperger: „Mein aktueller Film DER ENTSORGTE VATER lief mit großem Zuspruch auf Festivals. Einen Verleih habe ich trotzdem nicht gefunden. Es wird wieder darauf hinauslaufen, den Film zusammen mit einem Vertrieb selbst zu verleihen. Anschließend folgt die DVD-Auswertung, wo mittlerweile mehr als bei der Kinoauswertung herauszuholen ist und dann halt Fernsehen.“

Hubertus Siegert: „Hans-Christian Boese von Piffl-Medien hat mal gemeint, dass beim anspruchsvollen Dokumentarfilm das Image nicht stimmen würde. Hat der Dokumentarfilm das falsche Image?“

Löser: „Wir haben Filme, die das Feuilleton gut wahrnimmt und trotzdem geht kein Mensch ins Kino. Diese Resonanz erzeugt eine fiktive Öffentlichkeit, die keine Rückschlüsse auf das Publikumsverhalten zulässt. Erfolg haben im Dokumentarfilm ‚feel good movies’ wie TRIP TO ASIA, die etwas transportieren, das man sich am Freitagabend noch zumuten kann, um den Rest des Wochenendes zu überleben.”

Wolfsperger: „Ich weiß auch nicht, ob das Etikett ‚Dokumentarfilm’ immer sein muss. Dokumentarfilm ist überall die zweite Kategorie. Auf Filmfestivals wie in Braunschweig gibt es noch nicht einmal Preise. Dokumentarfilm wird nie so bewertet wie Spielfilm. Muss diese Bezeichnung überhaupt sein?”

Löser: „Das Kino hat schon eine gewisse Kennzeichnungspflicht.”

Kufus: „Gerade auf Festivals hat sich der Dokumentarfilm extrem durchgesetzt. Das gab es vor 15 Jahren noch nicht, dass ein A-Festival Dokumentarfilme im Wettbewerb gezeigt hat. Mittlerweile machen das alle. Das Genre funktioniert, es wird wahrgenommen. Doch die Frage ist, ob der reguläre Kinostart am Donnerstag die richtige Strategie ist.”

Dominik Wessely: „Auf Festivals hat man als Dokumentarfilmer den Behindertenbonus.”

Claus Löser

Claus Löser

Löser: „Lars Henrik Gass von den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen hat die These aufgestellt, nach der die Festivals zu den Museen wandeln und die Kinos zu den Festivals mit speziellen Präsentationsmodi. Das ist der Trend, aber das ist vielleicht auch eine Chance.”

Kufus: „Jeder kennt das doch von sich, dass es auf einem Festival egal ist, ob das jetzt ein Spiel- oder ein Dokumentarfilm ist. Einen guten Film in einer Festivalatmosphäre zu sehen, ist wunderbar. Wenn ich aber abends nach einem anstrengenden Tag ins Kino gehe, dann will ich keinen Krieg sehen, sondern irgendetwas Unterhaltendes. Auf Festivals ist das ganz anders. Darum bin ich auch überzeugt, dass Dokumentarfilme aus diesem Kinorhythmus heraus müssen, wo sie eine Woche laufen müssen. Dokumentarfilme müssen viel gezielter eingesetzt werden.”

Siegert: „Dann haben wir doch die Imageänderung: Ich gehe nicht am Freitag Abend ins Kino, um zu relaxen, sondern ich nehme an einer sozialen Bewegung teil, die sich für politische Themen und künstlerisch avancierte Filme interessiert. Der Dokumentarfilm sollte gar nicht versuchen, mit dem Blockbuster zu konkurrieren.”

Wessely: „Als Filmemacher steckt man doch in dem Dilemma, nur in gewissen Kontexten wahrgenommen zu werden. Als Dokumentarfilmer ist man Inhaltslieferant und das Publikum hat eine inhaltliche und keine filmsprachliche Erwartung an einen Film.”

Wolfsperger: „Beim Spielfilm gibt es Filme, über die man lachen kann, es gibt ernste, welche mit Tiefgang und so weiter. Beim Dokumentarfilm denkt das Publikum sofort, dass ist so etwas, wo man Krämpfe kriegt, beim Dokumentarfilm gibt es kein dazwischen.”

Mehr Klasse statt Masse

Hubertus Siegert

Hubertus Siegert

Kufus: „Letztlich gibt es zu viele Regisseure – allein in Deutschland werden jedes Jahr 200 bis 300 neue Regisseure aus den Hochschulen auf den Markt gespült – und zu viele Filme. Die Kinos werden nicht mehr, im Moment ist es ein Marktproblem.”

Wolfsperger: „Ich sehe nicht, dass zu viele kleine Filme den Markt verstopfen. Tatsächlich verstopft zu viel Mainstream die Arthouse-Kinos – das ist doch das viel größere Problem.”

Löser: „In Berlin starten im Jahr über 450 Filme, das heißt mehr als ein Neustart pro Tag. Die Stadtmagazine TIP und Zitty, die traditionell über jeden neuen Film berichteten, können diesen Ansturm gar nicht mehr verwalten. Für unser kleines Kino bedeutet das, dass wir ganz schön kämpfen müssen, wenn wir 40 Zeilen für den neuen Film von Lothar Lambert haben wollen. Bei anderen Zeitungen ist es noch viel schwieriger, weil der redaktionelle Anteil von Filmthemen abnimmt. Früher hatte der Verleih eine gewisse Filterfunktion, es gab nicht viele und es war teuer, einen Film in 35mm herauszubringen. Heute kann jeder Filmschüler aus Ludwigsburg einen Verleih gründen und einen Kinofilm herausbringen.”

Siegert: „Das Problem scheint in der Steuerung der Förderung zu liegen. Das Problem ist, zu viel wird mit zu wenig Profil herausgebracht.”

Kufus: „Wir dürfen nicht vergessen, wir reden hier über ein Luxusproblem. Letztlich gibt es, vielleicht neben Frankreich und der Schweiz, kaum ein Land, wo so viel Geld für Dokumentarfilm da ist. In England z.B. gibt es überhaupt keinen Dokumentarfilm im Kino, das existiert überhaupt nicht. Dokumentarfilm ist eine Nische, die hier ziemlich gepäppelt wird.”

Die Digitalisierung des Kinos

Douglas Wolfsperger

Douglas Wolfsperger

Siegert: „‚Digital nativs’ rauben Filme von Internet-Plattformen, die ‚digital emigrants’ unserer Generation tun das noch nicht. Die Digitalisierung des Kinos geht weiter und damit die Verdrängung. Was wird sich verändern?”

Löser: „Es geht darum, Filme adäquat zu präsentieren. Für im Guerillastil produzierte Filme wie die von Lothar Lambert ist der ‚Videobeam’ unter der Decke heute sicher genau richtig. Aber man darf eben nicht die qualitative Erosion unterstützen und Filme, die auf 35mm produziert wurden, als DVD-Kopie zeigen.”

Wolfsperger: „Ich finde generell das gute Bild und den guten Ton auch im Dokumentarfilm sehr wichtig.”

Kufus: „35mm wird irgendwann nur noch museal sein, das ist nicht aufzuhalten. Das ist jedoch auch finanziell ein riesiges Problem. Es geht um unser visuelles Gedächtnis. Das Bundesarchiv, aber auch die Fernseharchive oder das der Kinemathek, in der wir hier sitzen – dieser Archivbestand wird in ein paar Jahren nicht mehr zu präsentieren sein. Letztlich will ich doch den Film aus dem Archiv auf einem Server gespeichert haben und ihn gegen Gebühr sehen können. In Frankreich ist man mit der Digitalisierung schon viel weiter. Bei uns fehlt bei diesem Thema jedes Verständnis. Die immensen Kosten hierfür sollten nicht aus dem Kulturhaushalt kommen. Die Digitalisierung der Archive ist eine Aufgabe, die weit über das Kulturressort hinausgeht.”

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