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Begegnungen im Kino XXL 2007 in Berlin

Gibt es im Ausland ein Interesse an Filmen aus Deutschland?

Michael Weber: „Das Interesse an Kino aus Deutschland ist da. Die Leute verfolgen sehr genau, was wir so machen. Es gibt eine große Neigung, deutsche Filme zu kaufen, aber das kann auch sehr schnell wieder vorbei sein. Es geht darum, dass es nachhaltig und nicht nur eine Welle bleibt. Im Moment geht es mehr um den Film an sich. Also es ist nicht so, wie es zum Beispiel bei Dogma war. Dogma war eine sehr, sehr gute Marketingidee, mit der man versucht hat, ganz unterschiedliche Filme und Filmemacher unter einem Dach zu vermarkten. Das war letzten Endes eine kurzfristige Erscheinung. Wir müssen eher darüber diskutieren, woran wir arbeiten müssen, damit unser Erfolg keine temporäre Erscheinung ist. Für uns geht es darum, wie sich der Erfolg, der jetzt durch Filme wie DER UNTERGANG oder GOOD BYE, LENIN! und DAS LEBEN DER ANDEREN da ist, nicht nur bei Festivals sondern auch an der Kinokasse fortsetzen lässt.”


Und wie sieht es in Deutschland aus?

Marco Kreuzpaintner: „Wir sagen doch nur hinter vorgehaltener Hand, ‚Uh, ich mach was Kommerzielles!’. Das merke ich bei mir selbst immer wieder. Aber wenn ich einen Film und Entertainment für viele Leute machen will, dann werde ich diese Hand jetzt nicht mehr vor den Mund nehmen. Natürlich will ich einen positiven Gedanken erzählen und nicht menschenverachtend sein. Niemand von uns wird ja hier jetzt auf Tarantino machen und versuchen, mit Geballer die Massen zu kriegen.”

Ralph Schwingel: „Beim deutschen Publikum haben wir es am schwersten. Manchmal denke ich fast, wir haben einen Standortnachteil, wenn wir hier einen Film machen. Gerade bei kleinen Filmen habe ich manchmal den Eindruck, wenn sie dänisch gewesen wären, wäre es für unsere Filme besser, aber sie waren leider nicht dänisch genug. International jedoch hat es sich zum Glück gebessert, mehr gebessert als national.”

Kreuzpaintner: „Auch wenn wir uns jetzt freuen, dass es so gut ist – wir müssen schon auf Titel zurückgreifen, die schon ein paar Jahre zurückliegen. Also so toll kann es dann ja wohl doch nicht sein. Wir haben nach wie vor ein Riesenproblem. Wenn die Deutschen statistisch nur 1,5 Mal im Jahr ins Kino gehen und davon dann nur 20 Prozent zu den Zuschauern der 120 deutschen Filmtitel gehören, dann kann man unter wirtschaflichen Bedingungen nur sagen: ‚Der deutsche Film sucks, big time!’ Die Leute wollen das nicht sehen! Man kann sich nur fragen, warum die Leute das nicht sehen wollen. Da muss ich dann bei mir selber anfangen. Wie naiv ist das, zu glauben, dass die Leute sich im Kino mit so etwas wie Menschenhandel beschäftigen wollen, wie ich das in TRADE gemacht habe. Das über den eigenen Film zu sagen, ist hart, aber so ehrlich muss ich mir selbst gegenüber schon sein.”


Wie ist es bei der Produktion, spielen deutsche Firmen international eine Rolle?

Schwingel: „Wenn man vor ein paar Jahren versucht hat, eine majoritäre Produktion von Deutschland aus anzuschieben, war das unmöglich. Das ging gar nicht, das ging nicht nur mit Frankreich nicht, das ging auch mit anderen Ländern nicht. Inzwischen gibt es solche Co-Produktionen sogar mit Frankreich, das ist wirklich eine Sensation. Das ist eine Weiterentwicklung, da liegen eine Reihe von Filmen dazwischen und auch eine Menge Arbeit von Leuten, die solche Filme einfach umgesetzt und sie rausgebracht haben. Die Streubreite ist sehr groß, es gibt kein Label wie zum Beispiel Dogma eines war, auf das man sich berufen kann. Dafür gibt es jetzt eher ein Interesse, auf das sich der deutsche Film international berufen kann.”

Kreuzpaintner: „Wenn wir schon über Internationalität reden: Entweder man produziert ganz bewusst etwas für diesen Markt oder eben nicht. Manchmal hat man dann Glück, dass es auch wirklich über den Teich geht und verkauft wird. Tatsächlich ist das aber eher Zufall. Ich, als einer der Jungen, verstehe nicht, warum man den Vereinigten Staaten den Weltmarkt überlassen sollte.”

Schwingel: „Warum überlassen wir den Amerikanern den Weltmarkt? Die Frage finde ich super. Ja warum? Weil sie ihn haben. Das ist so ähnlich wie ‚Warum überlassen wir den Saudis die Öl-Förderung?’ Weil sie das Öl haben! Andererseits unsere Filme – je mehr Genre, desto mehr ist eine Vergleichbarkeit am amerikanischen Modell und Vorbild gegeben. Aber in Deutschland gibt es eindeutig eine Genreangst. Glücklicherweise gibt es jetzt aber bei einigen Leuten auch vermehrt eine Genrelust. Es gibt schon mehr Leute, die spüren, dass da etwas zu machen ist.”


Liegt die Rettung im Genre?

Weber: „Ich bin mir nicht so sicher, ob amerikanische Genrefilme tatsächlich so profitabel sind. Kommerziell rechnet sich wahrscheinlich auch nur ein Bruchteil der Filme. Ob das für uns ein Vorbild sein kann, ist dann die Frage. Wir haben, das darf man nicht vergessen, den zweitgrößten Entertainmentmarkt der Welt und da müssen die Produktionen nicht zwangsläufig eine internationale Perspektive haben.”


Gibt es so etwas wie einen ‚german touch’?

Weber: „Die internationalen Projekte funktionieren oft deswegen so gut, weil sie eine ganz universelle Geschichte erzählen. Wenn man z.B. GOOD BYE, LENIN! nimmt oder NIRGENDWO IN AFRIKA oder DAS LEBEN DER ANDEREN, dann wurden vor dem jeweiligen historischen Hintergrund sehr universelle Geschichten erzählt. Bei GOOD BYE, LENIN! ist zum Beispiel ganz interessant, dass er in Deutschland als Comedy wahrgenommen wurde, international aber als eine sehr emotionale Mutter-Sohn-Geschichte. Also die Idee, dass ein Sohn für seine Mutter die Welt verändert, die Welt auf den Kopf stellt, das hat den Film international verkauft. Für uns war das Überraschende, dass auch die Comedy funktioniert hat. Die Leute haben den Film gekauft, weil sie gesagt haben, die Mutter-und-Sohn-Geschichte ist ein tolles Drama. Und dann ist der Film erfolgreich gewesen, weil die Comedy funktioniert hat. Das ist zum ersten Mal ein Film gewesen, bei dem sich deutscher Witz und deutscher Humor verkauft haben. Aufpassen muss man jetzt nur, dass man nicht sagt: ‚Das ist jetzt das Erfolgsmodell für den deutschen Film.’ Das ist vielleicht auch der Punkt, warum gerade junge deutsche Regisseure in Amerika so angesagt sind. Man erwartet von ihnen, dass sie etwas Neues bringen.”

Kreuzpaintner: „In Amerika höre ich immer wieder, was wir für eine tolle Ausbildung in Deutschland haben. In den USA gibt es nur wenige, die mit knapp 30 vier Kinofilme gemacht haben. Das hat man schon unserem Fördersystem zu verdanken. Man muss sich auch nicht so im Wettbewerb beweisen, viel mehr kann man in der Praxis lernen.”


Was unterscheidet die Arbeit in Hollywood?

Kreuzpaintner: „Ein Hauptunterschied zur Arbeit in Deutschland ist, dass man, wenn man in Amerika ein Projekt vorstellt, viel öfter den Satz zu hören bekommt: ‚No, I've seen that before. I don't want to see that again.’ Ich weiß nicht, stellen wir uns diese Frage nicht oft genug oder variieren wir immer nur gewisse Konflikte. Gerade wenn ich mir Filme der ‚Berliner Schule’ ansehe, denke ich regelmäßig: ‚Schade, der erzählt eine schöne Geschichte, bleibt aber in einer gewissen Bescheidenheit stecken und traut sich gar nicht, mit einem größeren Duktus diese kleine feine Geschichte zu erzählen.’ Natürlich ist für mich dieser gewisse Größenwahn das Faszinierende, der gehörte zum Filmemachen eigentlich auch immer mit dazu. In Amerika sehe ich eine viel größere Bereitschaft eine Geschichte bis zum Extrem weiterzuerzählen.”


Was will das deutsche Publikum sehen?

Schwingel: „Mit einem virtuellen Gesamtzuschauer kann ich im Grunde genommen nicht arbeiten. Ich kenne ihn nicht, ich weiß nicht, was er will. Ich muss immer mit mir arbeiten, ich muss immer bei mir anfangen. Was ich lese, worüber ich mich aufrege, wo ich vielleicht anfange zu heulen oder zu lachen – das benutze ich. Das andere ist pure Theorie, da kann ich nicht wirklich mit umgehen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass das für Zuschauer nicht mehr taugt, dann muss ich einen anderen Job machen.”

Kreuzpaintner: „Wenn ich hier einen Pitch höre, ist es schon sehr selten, dass ich ‚cool’ sage. Wenn ich etwas gut finde, dann sage ich hier interessant. Und dieses ‚cool’ fehlt uns hier. Dieses ‚cool’ ist ein Fakt, mit dem man nicht umgehen muss, aber bestimmt auch umgehen darf.”

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