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Denn sie wissen, wovon sie reden

Die Gesprächsrunde am 11. Februar 2009, die im Rahmen der AKADEMIE BREAKS in Kooperation mit dem Berlin Verlag stattfand, war ungewöhnlich groß und vielfältig besetzt. Der Autor Thomas Binotto sprach mit sechs Mitgliedern der Deutschen Filmakademie über die Frage, wie der Nachwuchs für den Film und das Kinomachen begeistert werden kann. Mit dabei waren Michael Ballhaus und Benedict Neuenfels (beide Kamera), Lisy Christ (Kostümbild), Claudia Fröhlich und Peter R. Adam (beide Schnitt) sowie Denis Behnke (Visual Effects Supervisor).

Anlass für das Gespräch waren zwei Initiativen der Deutschen Filmakademie im Bereich der Filmbildung: das Wissensortal vierundzwanzig.de und die erweiterte Taschenbuchausgabe von Binottos Filmbuch für Jugendliche „Mach's noch einmal, Charlie!”, die die Filmakademie in Kooperation mit dem Berlin Verlag entwickelt hat.


„Mach's noch einmal, Charlie!”

Thomas Binotto

Michael Ballhaus, Deutschlands wohl bekanntester Kameramann, erklärte, weshalb er sich im Vorstand der Filmakademie für „Charlie!” stark gemacht hatte: „Man kriegt unwillkürlich Lust, darin zu lesen. In Thomas Binottos Buch wird Filmgeschichte auf witzige und unterhaltsame Weise lebendig.” Da die Filmakademie es sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Liebe zum Film zu fördern – gerade auch bei jungen Menschen –, habe es nahe gelegen, dieses Buch zu unterstützen.

So wurde die Taschenbuchausgabe mit Hilfe der Filmakademie um zehn Interviews mit Filmschaffenden aus den verschiedenen Gewerken erweitert. Die Interviews wurden gefilmt und stehen auf vierundzwanzig.de in voller Länge als Audio-Dateien zur Verfügung.

Zur Intention seines Buches erklärte Thomas Binotto: „Ich war schon als Kind geschichten- und kinosüchtig, deshalb wollte ich Filmgeschichte in Form von Geschichten weitergeben. Mein Buch ist also kein Lehr- sondern ein Lesebuch, das anhand von 100 Filmen Wissen zur Filmgeschichte, -ästhetik und -technik vermitteln soll.” Basierend auf seiner Erfahrung als Pädagoge und Journalist habe er sich entschlossen, eine radikal personalisierte Form der Vermittlung zu wählen. In über 30 Lesungen vor 10- bis 18-jährigen Schülern sei dieses Konzept bisher immer aufgegangen.

24 – Das Wissensportal der Deutschen Filmakademie

Peter R. Adam, Cutter und künstlerischer Leiter von 24 – Das Wissensportal der Deutschen Filmakademie erörterte die Idee des Onlineportals: „Da es das Schulfach ‚Film’ in Deutschland nicht gibt und dessen Einführung politisch scheinbar unmöglich zu erreichen ist, wollten wir selbst etwas auf die Beine stellen.” So ist das Konzept eines virtuellen Lehrbuchs entstanden, in dem Filmemacher anhand von konkreten Beispielen erklären, wie sie arbeiten. Für die 24-Filmschule wurden zudem pädagogische Dossiers für den Einsatz im Unterricht entwickelt, der interaktive Bereich ‚Dreh Dein eigenes Ding’ – momentan allerdings noch in der Konzeptionsphase – lädt junge Leute ein, ihre Werke selbst online zu stellen.

Was die Filmpraktiker dem Nachwuchs raten

v.r.n.l.: Lisy Christl, Peter R. Adam. Thomas Binotto und Michael Ballhaus

Kostümbildnerin Lisy Christl rät allen, die ihren Beruf ergreifen möchten, zunächst ein kurzes Praktikum zu machen: „Ich würde die jungen Leute ein paar Tage bei uns mitarbeiten lassen. Dadurch würde der Beruf wohl ein wenig entzaubert – aber gleichzeitig auch neu verzaubert.” Auf jeden Fall würden so die Vorstellungen von diesem Beruf realistischer. Für Lisy Christl ist es zudem unabdingbar, eine Schneiderlehre zu absolvieren, denn sie hätte nie gewollt, „dass jemand mir sagen muss: ‚Das machst Du handwerklich nicht richtig.’”

Claudia Fröhlich versucht als Cutterin, offen für die jungen Menschen zu sein, die als Assistenten bei ihr jobben. „Sie haben durchaus auch die Chance, sich selbst an eine Szene ranzusetzen und ihren Schnitt mit mir zu besprechen oder mit meinem Schnitt derselben Szene zu vergleichen.”

Peter R. Adam hat sich beim Schnitt von ELEMENTARTEILCHEN sogar einem Wettbewerb ausgesetzt. Er habe einer Praktikantin vorgeschlagen, gleichzeitig unabhängig voneinander an einer Szene zu arbeiten: „Ich war als Erster fertig und mein Schnitt hat der Praktikantin glücklicherweise besser gefallen. Aber es gab bei ihr zwei Schnitte, die ich sehr interessant fand, sodass ich sie gefragt habe, ob ich diese beiden Schnitte ‚klauen’ dürfe, was sie natürlich wahnsinnig gefreut und motiviert hat.”

Visual Effects Supervisor Denis Behnke antwortete auf die Frage, ob die Filmtheorie und -geschichte für die Macher digitaler Effekte überhaupt noch eine Rolle spiele sehr entschieden: „Obwohl unser Beruf extrem technisch ist, müssen wir uns den Gesetzen der Filmtechnik genauso unterordnen wie alle anderen Filmemacher. Gelungene visuelle Effekte setzen beispielsweise eine große Kenntnis von Kameraführung und Lichtsetzung voraus.”

v.l.n.r.: Michael Ballhaus, Denis Behnke und Claudia Fröhlich

Kameramann Benedict Neuenfels hat als 16-jähriger erlebt, was Michael Ballhaus bereits zu Beginn der Veranstaltung gefordert hatte: Film als Unterrichtsfach. Er erinnerte sich an einen Lehrer, der anhand von NORDSEE IST MORDSEE die Wirkung unterschiedlicher Perspektiven erklärt habe. Eine solche Anleitung zum Sehen sei – selbst für Profis – extrem wichtig. „Dafür braucht man verständliche Bücher, einfache Piktogramme und einleuchtende Erklärungen.”Zum Schluss der Runde wurde Michael Ballhaus von Thomas Binotto gefragt, wie er seinen Sohn Florian – inzwischen ebenfalls ein angesehener Kameramann – für Film interessiert und ins Handwerk eingeführt habe. Florian sei schon mit vierzehn davon besessen gewesen, Kameramann zu werden, erzählte Ballhaus. Er habe deshalb eigentlich nicht viel mehr gemacht, als ihn, wenn immer es möglich war, zu den Dreharbeiten mitzunehmen. Nach dem Abitur habe Florian dann fest in seinem Team mitgearbeitet und vom Materialassistenten bis zum Schwenker alle Stufen durchlaufen. „Ich habe ihm eigentlich gar nicht viel bewusst beigebracht. Er war einfach immer dabei, hat zugeschaut, mitgearbeitet und sein Handwerk so gelernt.”

Wichtiger als konkrete technische Anleitungen seien aber zwei ganz grundlegende Dinge gewesen. Erstens habe er seinem Sohn vermittelt, wie wichtig Flexibilität in diesem Beruf ist. Und schließlich „hat er sicher gespürt, wie sehr ich diesen Beruf liebe. Es war und ist für mich der schönste Beruf, den es gibt, sodass ich manchmal denke, eigentlich müsste man dafür bezahlen, dass man ihn ausüben darf. – Das habe ich den Produzenten natürlich nie gesagt.”

Text: Thomas Binotto
Foto: © 2009, Christine Halina Schramm / Deutsche Filmakademie

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