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Dirk Dotzert und Silke Buhr

Dirk Dotzert und Silke Buhr

„Wichtig ist die Auseinandersetzung”

Beim ersten ‚Akademie Break’ während der Berlinale, am 9. Februar 2009, sprach Moderator Dirk Dotzert mit der Filmpreis-Gewinnerin Silke Buhr (Produktionsdesignerin u.a. bei DAS LEBEN DER ANDEREN, VIER MINUTEN, SCHERBENTANZ, JETZT ODER NIE und VERGISS AMERIKA). 
Kollegin Brigitte Broch (DER VORLESER, MOULIN ROUGE, BABEL, AMORES PERROS u.a.) musste wegen eines Schulterbruchs bei Dreharbeiten in Barcelona leider kurzfristig absagen. 




Szenenbildnerin Silke Buhr kam frisch aus Talinn von den Vorbereitungen zu POLL, ihrer bereits dritten Zusammenarbeit mit Regisseur Chris Kraus nach VIER MINUTEN und SCHERBENTANZ. Für den historischen Film wird nach zwei Jahren Vorbereitung auf das „mächtiges Projekt” ab März in Estland ein kompletter Gutshof gebaut, auf dem ab Juni 2009 gedreht wird. Weil kein realer Gutshof gefunden wurde, wurden auch Drehorte wie Polen, Finnland, Lettland, Litauen, Mecklenburg-Vorpommern und Alaska in Erwägung gezogen. Den Ausschlag für Estland gaben letztlich „nicht die Produktionskosten, die nicht wirklich günstiger sind, sondern vor allem die besonderen weißen Sommernächte.” 



Als ‚Ausstatterin’ gelistet zu werden, wie es in Deutschland oft noch passiert, trifft Silke Buhrs Berufsbild nicht mehr so ganz: Sie ist Szenenbildnerin oder neudeutsch ‚Production Designerin’. Im Unterschied zu großen internationalen Produktionen im Hollywood-Stil füllt sie im kleineren deutschen System in Personalunion die Berufe Szenenbild, ‚Art Director’ (Filmarchitekt, Bauleiter) und ‚Set Decorator’ (Ausstatter) selbst aus. Zu ihrer Freude hat „der Bedarf an Szenenbild sowohl für hochwertigere Kinofilme als auch für TV-Event-Produktionen zugenommen”: Wurde man „früher vier Wochen vor Drehstart angerufen, um sofort anzufangen und möglichst kein Geld auszugeben”, [wird] heute ein eigener Look und eine Wertigkeit erwartet.” Diese neue Haltung – „ein neues Augenmerk” – habe auch mit der gestiegenen Nachfrage nach deutschen Filmen im Ausland zu tun – die „größere Schlichtheit des Autorenfilms” ist „mehr Vielfalt” gewichen. Nur zu den VFX-Vorgesprächen bei der Vorbereitung eines Films würde sie gern öfter schon geladen werden.

„Szenenbild ist ein sehr praktischer Beruf”, man muss „Mechanismen beherrschen” – „unabhängig von Kunst oder Kommerz”, „auf einer breiten Skala”. Inzwischen kann man sich im Szenenbild „auch verwirklichen”, weil es „nicht mehr nur der kleinste Teil der Gewerke ist”. Es gibt „mehr Freiräume”: „Wenn mehr verlangt wird, hat man auch mehr Möglichkeiten” – und das im Verhältnis zum Gesamtbudget, nicht in der absoluten Etathöhe, denn gerade die Low-Budget-Filme VIER MINUTEN und DAS LEBEN DER ANDEREN seien Beispiele dafür, was man „mit wenig Geld und viel Herzblut zustande bringen kann.” 


Wichtig ist für Silke Buhr vor allem, Filme zu machen, die „ich auch selbst gerne sehen mag”. Ihre Zielgruppe ist sie selbst, dem Druck von Publikum, Quoten etc. hält sie sich fern: „Gefallen ist nicht das Kriterium”, denn „ein Publikum ist auch belastbar” – und „wichtig ist die Auseinandersetzung”. „Bandbreite ist wichtig”, aber so, „dass ein Film am Ende noch verstanden werden kann”. Allerdings müsse „nicht jeder alles verstehen”, man könne auch fordern, „sogar überfordern”: „Wenn sich jemand überfordert fühlt, ist das ist nicht unbedingt das Problem der Filmemacher.” 



Silke Buhr und Dirk Dotzert

Silke Buhr und Dirk Dotzert

Weniger Bandbreite der Filmangebote zog der Erfolg von DAS LEBEN DER ANDEREN nach sich: „Scheinbar sämtliche DDR-Projekte” landeten danach bei Silke Buhr. Gerade nicht die Festlegung, sondern „das sich immer wieder in etwas einarbeiten” sei jedoch das Spannende an ihrer Arbeit – „nicht das Setting, sondern der Stoff, die Geschichte, das Thema, unabhängig von Zeit und Ort”. Erfährt man dann, dass Jacques Tatis PLAYTIME („seltsamerweise”, „eigentlich krass”) eine wichtige Referenz für die Emotionalität des DDR-Szenenbilds von DAS LEBEN DER ANDEREN war („kein Rot, kein Blau, andere Farben extrem verstärkt”), versteht man die mögliche bis notwendige Abstraktion des realen Vorbilds, das dann jedoch von Zuschauern wieder als volle Wirklichkeit empfunden werden kann – „da haben Leute nach dem Film gesagt ‚Ja genau so war es damals!’, auch wenn es eben genau so nicht war.”

Das vollständige Gespräch können Sie sich auf vierundzwanzig.de als Audio-Stream ansehen.

Text: Dirk Dotzert

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