
Heike-Melba Fendel: „Vorbild oder Feindbild? Es gibt einen Satz von Fatih Akin, der gesagt hat: ‚Je jünger man ist, desto mehr Vorbilder braucht man.’ Peter, hast Du das so für Dich gesehen, als du jung warst?”
Peter Schneider: „Ja, ich hatte in der Tat sehr viele Vorbilder. Mir hat immer der Satz von Bob Dylan gefallen: ‚Wer seine Augen aufmacht und seine Nasen und Ohren und nicht beeinflusst ist, der ist ein Idiot.’ Ich war von Bob Dylan sehr beeinflusst, beim Schreiben. Ich war aber hauptsächlich von Toten beeinflusst. Ein ganz großer Einfluss war z.B. Georg Büchner. Auch Heinrich von Kleist, also eher aufmüpfige, rebellische Autoren. Es waren eben nicht Goethe und Thomas Mann. Dabei lasse ich es erst mal, aber es ist in der Tat so, dass man, wenn man älter wird, eher in so ein Zwiegespräch eintritt mit diesen ehemaligen Vorbildern, aber merkt, dass man diese Leute nicht nachahmen kann. Das wird dann nichts, wenn man es versucht. Es ist aber übrigens absolut legitim. Ich glaube, dass nur durch Nachahmen überhaupt erst mal was entsteht. Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist die totale Angst vor dem Plagiat. Ich glaube, Plagiate sind äußerst produktiv in der Kunst, im Film sowie in der Literatur.”
Fendel: „Jan-Christoph und Carsten, auch noch mal Stichwort ‚Vorbilder’ für Euch als Regisseure. Hattet ihr in Eurem Werden als Filmemacher filmische Vorbilder, eventuell sogar aus der Generation, von der GEGENSCHUSS – AUFBRUCH DER FILMEMACHER handelt, oder gibt es da eine Abgrenzung?”
Carsten Ludwig: „Nein, mit der Abgrenzung kann ich da jetzt leider nicht dienen. In Wahrheit ist es tatsächlich so, da ich ja auch eigentlich von der Schauspielerei komme und da vor allem Theater gespielt habe, dass ich also auch sehr lange eigentlich erst mit literarischen Vorbildern umgegangen bin. Zwar habe ich natürlich auch immer Film geguckt, vor allem im Fernsehen, war mir aber des Einflusses, den das Ganze auf mich gemacht hat, natürlich gar nicht bewusst. Erst nachdem ich mein erstes Schauspiel-Engagement in Potsdam beendet hatte und für mich selber gemerkt hatte, dass das für mich eigentlich noch viel mehr Relevanz hat – Film –, bin ich dazu übergegangen, das Ganze für mich selbst zu analysieren, was das alles für mich bedeutet und welche Leute da die Protagonisten in meiner Vorstellung sind. Die gibt es natürlich.”
Fendel: „Wer sind die?”
Ludwig: „Das sind Namen wie Scorsese, Lynch, aber auch Melville vor allem gehört dazu. In Wahrheit hab ich natürlich eine Liste mit annähernd 200 Filmen, die ich alle als meine Lieblingsfilme beschreiben würde und deren Einfluss sich bei mir auch ganz unmittelbar immer bemerkbar macht, ohne dass ich das jetzt eins zu eins benennen könnte.”
Fendel: „Was ist mit deutschen Filmemachern?”
Ludwig: „Ja, also gut, ganz vorn in der Liste sind durchaus Filme des neuen, jungendeutschen Films. Zum Beispiel ZUR SACHE, SCHÄTZCHEN!, der jetzt vielleicht nicht gerade als die politischste Version des neuen deutschen Films durchgeht, aber den habe ich sehr gemocht. Vor allem aber auch DER AMERIKANISCHE FREUND war immer ganz vorne dabei, MESSER IM KOPF von Reinhard Hauff auch.”
Fendel: „Jan-Christoph?”
Jan-Christoph Glaser: „Bei mir waren es viele Filme, die mich einfach irgendwann mal als Kind gepackt haben. Als die Eltern dann mal weg waren und man sich einfach mal an den Fernseher gesetzt hat und plötzlich ZABRISKIE POINT von Antonioni gesehen hat oder auch APOCALYPSE NOW. Und auf einmal merkt man, dass da irgendwas in einem ausgelöst wird. Ich finde es auch total wichtig, Vorbilder zu haben. Also, ich brauche die. Und es ist immer so, wenn man darüber spricht, wie entsteht ein Film, oder wenn man darüber spricht, wie lösen wir das auf, wie inszenieren wir das, dass man da auch immer wieder auf schon vorhandene Filme zurückgreift.”
Fendel: „Kannst Du vielleicht noch mal ganz kurz erklären, für die, die den Film noch nicht gesehen haben, wovon Eure Episode im Film handelt?”
Glaser: „Ja, sie handelt von zwei Heranwachsenden, 17 und 18 Jahre aus Minden, aus der Provinz, die zum ersten Mai nach Berlin fahren, weil sie sich da in etwa das versprechen, was es Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre da ja tatsächlich gegeben hat, nur definitiv zunächst erst mal nicht politisch motiviert, sondern einfach in dem Wunsch eine Art Event zu erleben, der möglichst auch für sie in Krawall und Action endet. Die dann aber relativ schnell feststellen müssen, dass sie das nicht finden, was sie sich da erhofft haben und sich stattdessen ein Substitut suchen.”
Fendel: „Was mir gerade auffällt, wir haben bislang ausnahmslos über Männer gesprochen. Also, ich will jetzt hier nicht meine Quotenfragen stellen, aber, wenn wir sagen 1960er Jahre, dann war das natürlich auch eine Zeit, in der es eine feministische Debatte gab. Und wir haben ja auch heutzutage nicht wenig Filmemacherinnen und auch durchaus nicht die schlechtesten. Daher einfach mal die Frage an alle, wo in dieser ganzen Ausbildungs-Macher-Präsenz-Szene die Frauen sind? Ob die da vielleicht ein bisschen verloren gegangen sind oder sich auch nie wirklich sichtbar gemacht haben?”
Dominik Wessely: „Also, es war in der Tat so beim Filmverlag, der war eine ‚boys-school’. Ich glaube, was es Mitte der 1960er Jahre für Frauen noch nicht gab, waren weibliche Vorbilder im Beruf, außer Leni Riefenstahl. Und ich habe mit Helma Sanders-Brahms letztes Jahr mal gesprochen und sie hat mir das eben auch erzählt. Dass sie sich überhaupt erst mal trauen musste, den Anspruch zu erheben, oder zu sagen: ‚Ich kann auch einen Film machen.’ Das dauerte. Und da steht auch die heutige Generation auf der Schulter dieser Filme machenden Frauen. Das gilt für den gesamten Gesellschafts-Kultur-Betrieb. Also, das wissen Sie ja viel besser...”
Schneider: „Ja, diejenigen die es dann geschafft haben, kannte ich alle gut. Mit Margarethe hab ich zusammengearbeitet, mit Helke Sander bin ich seit damals befreundet. Und sie hat mir erzählt, als sie anfing an der Film- und Fernsehakademie, die war ja damals noch am Theodor-Heuss-Platz, da gab es drei Frauen unter dreißig Männern. Und die war neu gegründet worden, es gab ja unter den Leuten, die da unterrichtet haben, auch so gut wie keine Frau. Ich erinnere mich an eine Episode, damals hat der Holger Meins diesen 5-Minuten-Film gedreht, der dann bei einer Veranstaltung über das Springer-Tribunal gezeigt wurde: ‚Wie stellt man einen Molotow-Cocktail her?’ und der endete, nachdem eine präzise Anweisung gegeben wurde, wie man den herstellt, mit einem Standfoto des Springer-Hochhauses. Das wurde dann ja auch in derselben Nacht alles umgesetzt. Helke Sander wollte damals diskutieren über diesen Film, aber das war bereits eine so idealisierte und durch die Männer bestimmte Debatte, dass da keine Diskussion an der Filmakademie möglich war. Also, das muss man schon sagen, die Frauen hatten damals erst angefangen – und übrigens möchte ich zur Information sagen, nicht Alice Schwarzer, sondern Helke Sander hat mit ihren Frauen die Frauenbewegung gegründet.”
Fendel: „Euer Film ist ja auch so ein ‚Boys only’-Projekt, sowohl was die Macher, als auch die Geschichten betrifft. War das jemals ein Gedanke, hat man das bemerkt oder gefragt: ‚Fehlt da was?’”
Ludwig: „Ja, also, das stimmt. Tatsächlich, wir saßen da schon in einer Runde, ausschließlich Männer, und das hat dazu geführt, dass wir uns gefragt haben, braucht es nicht auch als Gegengewicht etwas anderes? Und tatsächlich gab es ja – das kann man ja sagen – eine vierte Episode, die nur nicht weiter vorangetrieben wurde, aus welchen Gründen auch immer, die z.B. eine weibliche Hauptfigur gehabt hätte. Ich habe mal ein Experiment gemacht, lange vor dem Film, wo ich kurzfristig eine männliche Hauptfigur durch eine weibliche ersetzt habe, was ich damals spannend fand. Und wir haben lange überlegt, wenn wir den Cast für unsere Episode nicht zusammenbekommen, also Jacob Matschenz und Ludwig Trepte, sondern nur einen von beiden, würden wir dieses Experiment fortsetzen wollen und schauen, was passieren würde, wenn wir zwei weibliche Hauptdarstellerinnen dafür nähmen – natürlich in leichter Abänderung der Geschichte –, was dann passieren würde. Aber ich glaube, Ihre Frage zielte eher in die Richtung der Macherinnen ab.”
Fendel: „Habt Ihr da zu irgendeiner Zeit mal einen Ansatz oder eine Verbindung gesehen zu DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI? Wo auch, zwar etwas ältere, aber doch noch immer junge Menschen etwas Politisches tun wollen und nicht genau wissen, was und wohin und wie sie sich mit Widerstand verbinden sollen oder wollen?”
Glaser: „Ja. Ist gar nicht so leicht zu beantworten, weil wenn ich jetzt an DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI und auch an den Nachfolger von Hans Weingartner denke, FREE RAINER, dann habe ich zunächst einmal einen ganz ehrlichen Respekt davor, dass sich einer hinstellt und sagt: ‚Ich mache einen politischen Film, oder ich habe zumindest einen Druck oder einen Antrieb, der mich solche Themen machen lässt.’ Gleichzeitig sage ich aber auch ganz ehrlich, dass ich mich schwer tue, mich morgens hinzusetzen und zu sagen: ‚Ich schreib' jetzt ein politisches Drehbuch, oder mache einen politischen Film.’”
Fendel: „Da muss ich die Zwischenfrage stellen, obwohl sie schwer zu beantworten ist, wie Du für Dich ‚politisch’ definierst. Also, es gibt dieses berühmte Zitat von Peter Weiss: ‚Jede ästhetische Entscheidung ist auch eine politische.’ oder Thomas Mann, der gesagt hat: ‚Leben ist politisch.’ Viele Filmemacher, besonders Eure Generation, sagt gerne: ‚Ich will erst mal nicht politisch sein.’ Was ist da die Befürchtung?”
Glaser: „Weil wir mit Definition angefangen haben und definieren würde mir schwer fallen. Costa Gavras hat jetzt übrigens anlässlich seiner Jury-Präsidentschaft auch gesagt: ‚Jeder Film ist politisch.’ Also, ich glaube, man will sich wahrscheinlich tatsächlich ein Stück weit auch im Kontext mit dem jungen deutschen Film dagegen abgrenzen, dass man eigentlich im Grunde genommen eigentlich schon vor dem Kinostart erledigt wird, weil wenn man heute oder zumindest bis vor einigen Jahren mit der Losung an den Start gegangen ist, dann hatte man, glaube ich, erst mal schlechte Karten.”
Fendel: „Das heißt, die neue Losung ist Emotion?”
Glaser: „Ich weiß es nicht. Für mich, ganz ehrlich, ich habe ein bisschen Probleme mit den ganzen Kategorien und möchte mich natürlich möglichst nicht im Vorfeld schon darauf festlegen lassen. Das tun dann andere für einen, wie wir ja auch jetzt in der Presse über den 1. MAI lesen. Das ist ja auch legitim, nur möchte ich dem nicht vorgreifen. Ich halte mich sehr wohl für einen politisch denkenden Menschen. Es hat einfach damit zu tun, dass man mit offenen Augen und offenen Ohren durch die Welt geht, was eine Selbstverständlichkeit sein sollte und man zwangsläufig auch die Dinge reflektiert, die auf einen eindringen und die sich dann auch Luft verschaffen in den Dingen, die ich schreibe und die ich inszenieren möchte. Das ist so eine Selbstverständlichkeit, dass ich mir darüber keine Gedanken machen muss.”
Jon Handschin: „Ganz kurz noch dazu: Ich finde aber, eine Sache hat sich schon verändert zu früher. Also, wenn wir politisch Filme machen wollen, das ist 'ne total schmale Gratwanderung geworden in meiner Wahrnehmung. Du wirst auch wahnsinnig schnell ‚abgewatscht’. Wenn Du jemanden wie Hans Weingärtner zitierst, das ist jemand, der traut sich, sich auf eine ganz eindeutige, auch im gewissen Sinne vielleicht naive Position zurückzuziehen und wird dadurch auch total schutzlos und angreifbar. Es gebührt ihm aber auch jeder Respekt dafür. Auch jemand wie Jan-Henrik Stahlberg, finde ich, der mit MUXMÄUSCHENSTILL oder auch mit BYE, BYE BERLUSCONI einer ist, der sich getraut hat. Aber ich finde, es ist absolut gar nicht honoriert worden, dass er sich da hingestellt und einen ganz eindeutigen Film mit einer Wut macht und sagt: ‚Das ist jetzt meine Position und ich bin da irre angreifbar.’ Und das ist, glaube ich, einfach unser Zeitgeist heute, einfach dieser verdammte Relativismus ständig, wo alles immer relativ ist und wir sind wahnsinnig aufgeklärt und wissen unglaublich gut Bescheid, der uns aber auch total daran hindert, auch als Filmemacher ein Stück weit so einen naiven ‚Schutzraum’ für uns in Anspruch zu nehmen. Wir machen Filme aus einer gewissen Naivität heraus und da zuckt der Carsten schon wieder zusammen, weil wir da nicht unbedingt einer Meinung sind. Ich würde mir das wünschen, dass wir uns in diesem Land auch ein bisschen mehr wieder trauen dürfen und dann auch nicht die Sorge haben müssen, sofort von der Kritik zerfetzt zu werden. Wenn man hier ein halbgares Familiendrama abliefert, dann wird man immer wohlwollend besprochen. Wenn man einen halbgaren politischen Film macht, kriegt man richtig auf's Maul.”
Fendel: „Ja, ich möchte gern das Stichwort der Naivität aufgreifen. Dominik Wessely, Du hast Dich ja jetzt sehr ausführlich mit der Generation der Filmemacher vor Dir befasst, durch den Film GEGENSCHUSS. Würdest du für diese Zeit der 1960er, wo Ihr ja beginnt mit eurer Chronik, auch eine solche Naivität der damals ungefähr so jungen Männer, die es ja hauptsächlich waren, ausmachen? Haben die das auch für sich reklamiert?”
Wessely: „Ja. Ein hohes politisches Bewusstsein und eine große wirtschaftliche Naivität. Also, ich lese Texte vom 24-/25-jährigen Werner Herzog, die sind von einer solchen Luzidität und Klarheit, was die Einschätzung, nicht nur seiner Position als Filmemacher in diesem Land, was die Zeit Mitte/Ende der 1960er Jahre angeht, sondern einfach auch mit welcher Kraft der Sprache Dinge auch beschrieben werden, da merkt man einfach auch, dass ein irrsinnig hohes politisches Bewusstsein da ist. Trotzdem ist das natürlich auch gepaart mit einer erzählerischen Klarheit und einer Naivität insoweit, dass es kein Spekulieren über den Markt gibt, sondern sie wollten einfach machen. Und das ist etwas, das mir maßlos sympathisch war – oder ist.”
Fendel: „Peter, die Naivität der 1960er, wo machst Du die aus?”
Schneider: „Naja, naiv war sicherlich, dass man dachte, man kann eine ganz neue Gesellschaft bauen, nach neuen Regeln und man kann auch ganz neuen Film, ganz neue Literatur machen. Es war aber eine Naivität, die konnte man sich nicht aussuchen. Es war auch keine angelesene Naivität, sondern, das muss man einfach sehen, wir waren die erste Generation, die sich mit der Tätergeneration auseinanderzusetzen hatte. Und das war ja lange nicht geschehen. Die 1950er Jahre haben wir unter einer Käseglocke gelebt. Sie können sich gar nicht vorstellen, was damals alles verboten war. Ich will das jetzt auch gar nicht aufzählen, aber es war eine Zeit der Beklommenheit, die Demokratie war eigentlich nur formal eine Demokratie, das ganze alte Personal aus dem Nazi-Reich saß uns vor der Nase und hatte die Fäden in der Hand. Das ahnte man mehr, als dass man es wusste. Und es wäre auch falsch beschrieben, wenn man jetzt sagt, dieser Aufbruch kam aus der Idee, wir müssen jetzt die Vergangenheit aufarbeiten und den Holocaust und das alles. Es mussten diese alten Lebensformen, von denen wir uns total eingeengt fühlten, und das waren auch die alten Erzählformen, die alte Art Filme zu machen. Ich meine, ich habe doch nur Befreiungsgefühle gehabt, wenn ich die Valente-Geschwister über Kneipentische steppen sah. Das fand ich unerhört aufregend. Das war die größte Art von Befreiung, die man sich vorstellen kann. Und als dann die ersten Elvis Presley-Filme kamen, oder als Fats Domino sang, da hat man gedacht, das hält man ja gar nicht aus, das ist so unglaublich, was da geschieht. Und man musste mit diesen alten Lebens-, Erzähl-, Empfindungsformen aufräumen und das ging eigentlich nur, also, in meinem Fall, durch ‚Action’. Ich habe den Fehler gemacht oder jedenfalls habe ich mich davon überzeugen lassen, dass ich erst mal meine literarischen Bemühungen aufgebe und dann in vorderster Front mitmache. Ich kann das niemandem von Ihnen empfehlen, bei mir hat das sechs Jahre gedauert, bis ich da wieder raus kam und ich mich wirklich im Zorn davon lösen musste, bevor ich wieder etwas Eigenes als Autor auf die Beine brachte. Auf jeden Fall, das alles möchte ich noch mal zusammenfassen, kann man sich das nicht aussuchen. Es war historisch notwendig. Es war ganz klar, dass wir nicht so tun können, als könnten wir nach dem Zivilisationsbruch in unserem Land, in der ganzen Welt, den wir da angerichtet hatten, in den Schuhen und Schlipsen und Anzügen unserer Väter einfach unserer Karriere weiter nachgehen.”
Fendel: „Euer Film ist ja auch so ein ‚Boys only’-Projekt, sowohl was die Macher, als auch die sichtbare Seite betrifft. War das jemals ein Gedanke, dass man das bemerkt hat, oder dass man gesagt hat: ‚Fehlt da was?’”
Alexander Bickenbach: „Ja, also, das stimmt. Es liegt ja erst mal an Jon, ich meine, der hat ja erst mal seine Freunde zusammengetrommelt. Nein, also tatsächlich, wir saßen da schon in einer Runde und es waren nicht nur überwiegend, sondern fast ausschließlich Männer. Das hat eher manchmal aus ganz pragmatischen Gründen in der Entstehungsgeschichte dazu geführt, dass wir uns wirklich gefragt haben, braucht es da nicht einfach ein Gegengewicht. Und tatsächlich gab es ja – das kann man ja sagen – eine vierte Episode, die nur nicht weiter vorangetrieben wurde, aus welchen Gründen auch immer, die z.B. eine weibliche Hauptfigur gehabt hätte. Ich habe mal ein Experiment gemacht, lange vor dem Film, wo ich kurzfristig eine männliche Hauptfigur durch eine weibliche Schauspielerin ersetzt habe, was ich damals spannend fand und wir haben lange überlegt, dass, wenn wir den Cast für unsere Episode nicht zusammen bekommen, der aus Jacob Matschenz und Ludwig Trepte besteht, dass wenn wir nicht beide bekämen, sondern nur einen von beiden, würden wir dieses Experiment fortsetzen wollen und schauen, was passieren würde, wenn wir zwei weibliche Hauptdarstellerinnen dafür nähmen – natürlich in leichter Abänderung der Geschichte.”
Fendel: „Wie sieht es mit dem Konkurrenzdruck unter Filmemachern aus?”
Bickenbach: „Ich glaube, deswegen ist diese Konstellation auch ganz schön gewesen, weil man plötzlich beim ersten Mal als Jon uns da zusammen gerufen hat, plötzlich überhaupt erst mal zusammensaß mit 15 oder 20 Leuten, die Regisseure und Drehbuchautoren sind. Das war ein Gefühl großer Solidarität. Es gibt dann immer die Leute, die in dieser Welt, in der wir gerade Filme machen, plötzlich nach oben durchstarten, wie Fatih Akin oder Hans Weingartner und alle freuen sich mit. Aber man hat schon auch das Gefühl, es ist alles so strikt, dass ein ständiges Konkurrenzdenken und ein ständiger Konkurrenzkampf da ist und der, was ich einfach total bedauere, es eben nicht einfach so möglich macht, offen über Filme zu reden und sich offen miteinander Filme anzuschauen und auch eine Kritik gegenüber zu führen. Entweder der andere fühlt sich sofort angegriffen, weil er ja um den gleichen Topf ‚battled’ gerade, oder man selber fühlt sich angegriffen, was ich sehr vermisse.”
Fendel: „Inwiefern prägt der genius loci das Filmemachen. Der Aufbruch ging vom eher bräsigen München aus, heute setzt das harte Berlin Maßstäbe...”
Schneider: „Also, das München dieser Jahre, ich habe das ja nur rudimentär als Kind erlebt, aber nach allem, was ich gelernt und erfahren habe, war das überhaupt nicht bräsig, sondern das war damals eine unglaublich lebendige Stadt und die war auch so in dieser ‚gerade-noch-Nachkriegszeit’ viel brüchiger und mit viel größeren, auch sozialen Verwerfungen, als sie es heute ist. Also, die Stadt ist bräsig geworden, aber das war sie Ende der 1960er Jahre garantiert nicht. Es war bestimmt auch die Stadt für Hedonisten. Und das waren die Jungs fast alle damals. Und das ist eine Stadt für Tagträumer gewesen, und das Kino ist ja auch eine Art von Tagtraum, passt ja irgendwie gut zusammen.”
Bickenbach: „Ich würde das sogar noch beschreiben können mit Ludwigsburg, wo wir studiert haben und wo auch, glaube ich, sehr streitbare und radikale Filme entstehen, eine ganze Vielfalt an Filmen. Ich finde wichtig, mit offenen Augen, egal durch welche Stadt auch immer, zu gehen und finde es sogar leichter, dann Filme auch sehr konzentriert zu machen und sich mit Leuten auszutauschen, wo es dann nur eine Kneipe gibt. Dann habe ich einen sehr konzentrierten Austausch. Ich kann nur sagen, Gott, bin ich froh, dass ich nicht mit 25 Jahren an der dffb gelandet bin, dann hätte ich bestimmt weniger Filme gemacht und hätte in noch mehr Kneipen rumgesessen. In Ludwigsburg konnte man nur Filme machen, die gleichen ‚Hanseln’ treffen und sich jeden Tag mit denen streiten. Also sage ich auch, besser erst mal in München anfangen und dann irgendwann nach Berlin gehen, wenn man viel diskutiert hat und dann von hier aus Filme machen und in einer spannenden Stadt. Aber dies nicht zu früh.”
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