Zum vierten Mal fand die Diskussionsrunde der für den deutschen Filmpreis LOLA nominierten Regisseure im Filmtheater am Friedrichshain statt. Auf Einladung der DEUTSCHEN FILMAKADEMIE kamen am 20. April 2009 Florian Gallenberger (JOHN RABE), Uli Edel (DER BAADER-MEINHOF-KOMPLEX), Caroline Link (IM WINTER EIN JAHR), Andreas Dresen (WOLKE 9), Özgür Yildirim (CHICO) und, da Christian Petzold verhindert war, der Produzent Florian Koerner von Gustorf (JERICHOW) ins Gespräch mit Heike Melba-Fendel.






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„Es war eine Reise mit ungewissem Ausgang. Wenn es kein ausgeschriebenes Manuskript gibt, weiß man nicht, wohin einen der gemeinsame Weg führt. Und es war natürlich auch nicht klar, ob der Film vom Publikum wirklich akzeptiert werden würde: Eine Geschichte über Ältere, ohne klassisches Happy-End, ohne Musik… im ersten Moment klingt das nicht attraktiv. Als dann plötzlich doch relativ viele Zuschauer ins Kino gingen, haben wir uns wahnsinnig gefreut. Ich glaube, niemand weiß so recht, wie man einen erfolgreichen Film macht. Eigentlich ist das verdammt schwer.”
„Nach NIRGENDWO IN AFRIKA habe ich sehr viel gelesen. Und ich wollte nach dem Erfolg mit diesem Film etwas machen, was ich mir vorher noch nicht zugetraut hatte. Ich wollte einen kleinen Film machen, keinen riesigen amerikanischen; ich wollte sehen, ob ich das nach meiner sechsjährigen Babypause noch kann. Mit den Schauspielern Karoline Herfurth und Josef Bierbichler hatte ich dann zwei Leute, von denen ich wusste, dass es mir richtig viel Spaß machen würde: Ich brauche natürlich einen guten Stoff, aber dann brauche ich die Schauspieler. Dieses intensive Gespann hat mich sehr motiviert.”
„Es war mir sehr wichtig, meinen Söhnen diese Geschichte zu erzählen, weil meine Eltern mir nichts erzählt haben - die ja das Dritte Reich erlebt haben. Das war ein wichtiger Faktor: Den Kindern erzählen, was einem passiert ist. Dafür war es notwendig, die Gefühle wiederzufinden, die ich damals hatte: Was ist passiert, als Dutschke erschossen wurde! Dieses Gefühl wollte ich wiederherstellen. Bis zu einem gewissen Punkt kann man mitgehen, aber wenn dann die ersten Toten auf der Straße liegen, ist die Distanz da."
„Das war natürlich ein langer Annäherungsprozess, denn ich bin weder Chinese noch alt genug, um mit dem Nanking-Massaker Erinnerungen zu verbinden. Dieser Annäherungsprozess war also nicht nur der an eine Geschichte, sondern auch an ein Land. Es ging also darum, sich etwas anzueignen, was nicht das Eigene ist: Sich in eine Figur und einen historischen Kontext hineinzufinden. Dahinter steckt die Idee, etwas zu erzählen, was hier nicht bekannt war.”
Florian Koerner von Gustorf über Christian Petzold: „Die Zusammenarbeit mit Christian Petzold geht nun schon über fünfzehn Jahre. Das wird dann subtiler, man spricht über Lebenssituationen, man versucht zu beschreiben, woran einen eine Szene im Buch erinnert… wenn Christian von einem neuen Projekt erzählt, ist das beinahe eine Show, und wir sind die Zuhörer. Aber dann entsteht daraus ein Diskurs, und ich finde es wichtig, auf die Essenz zu fokussieren. Wenn das gelingt, wird das Ganze greifbarer und fester. Ich denke, das ist die Grundlage für einen guten Spielfilm: Dass die Aufgabenstellung klar ist.”
Andreas Dresen: „Das ist wirklich ein Freundeskreis, der da arbeitet, aber das heißt nicht, dass man immer nur kuschelt. Wir kennen uns über lange Jahre, aber wir geben uns auch die Kante, wenn wir unzufrieden sind. In so einer kleinen Konstellation dreht man aber schnell etwas noch mal, wenn man vielleicht auf eine ganz neue Lösung gekommen ist.”
Florian Gallenberger: „Obwohl unsere Arbeitssituation ja völlig anders war als die von Andreas bei WOLKE 9, finde ich einen solchen familiären Charakter auch sehr wichtig: Einen Kreis um mich herum, der den Druck mitträgt. Noch dazu, wenn man im Ausland dreht. Unabhängig von der Größe des Projektes würde ich sagen, dass dieser familiäre Charakter wichtig für den kreativen Prozess ist.”
Caroline Link: „Ich finde es ganz toll, wenn man auch mal mit neuen Leuten arbeitet. Ich habe das bei diesem Projekt mit der Kamerafrau Bella Halm gemacht; ich habe mich davor etwas gefürchtet, denn Bella hat auch eine starke Meinung und ist eine starke Persönlichkeit. Das hat mich aber in diesem Fall wahnsinnig bereichert: Mit Bella ist ein neuer Wind reingekommen, der dem Projekt sicher gutgetan hat.”
„Ursprünglich war Ulrich Mühe für die Rolle des JOHN RABE besetzt; es war völlig klar, dass er das spielen würde. Aber dann kam die Nachricht, dass es ihm sehr schlecht geht, und wir wissen alle, was dann geschehen ist… Dadurch ist Einiges von unserem Plan ins Wanken geraten, und das war für mich auch deswegen so schwierig, weil ich den Film immer mit Uli Mühe in der Hauptrolle gesehen hatte. Dann kam Ulrich Tukur, der glücklicherweise sehr gut mit Ulrich Mühe befreundet war – und der hat ihm die Rolle dann sozusagen ,vermacht'.”
„Ulrich Tukur ist so ein bisschen wie ein Sack Flöhe: Er hat tausend Ideen und will immer irgendwo hinlaufen und etwas machen. Man muss ihn nie anschieben, sondern nur helfen, sich zu konzentrieren. Wir haben aneinander gelitten - zum Guten, wie wir jetzt beide finden. Er dachte immer, ich schränke ihn zu sehr ein, und ich dachte: Mein Gott, der zappelt mir hier wie ein Wahnsinniger! Aber das eigentliche Problem waren die verschiedenen Herangehensweisen der japanischen, chinesischen und deutschen Schauspieler: Japanische Schauspieler machen gar nichts, die stehen da und warten darauf, dass man ihnen sagt: ‚Bitte so’. Und dann machen sie es auch genau so. Und wenn man sagt: ‚Bitte ganz spontan’, dann machen sie es auch ganz spontan.”
„Eigentlich wollte ich den Film komplett mit Laiendarstellern machen, um dem Ganzen eine höhere Authentizität zu verleihen. Aber komischerweise musste ich beim Schreiben immer an Denis Moschitto denken, weil Denis ein so sympathisches Gesicht hat und Chico zumindest zu Beginn des Films ein ziemliches Arschloch ist. Ich habe immer gedacht: Wie kann ich das so bauen, dass der Protagonist der Geschichte nicht anwidernd ist? Dafür war es wichtig, dass man einen guten Schaupieler hat. Ich hatte ihn vorher in ein paar Komödien gesehen, und an einer Stelle wurde er mal richtig wütend. Da dachte ich: He, der Junge kann das! Wir haben dann ein mehrstündiges Casting gemacht, bei dem auch die bereits besetzten Schauspieler dabei waren. Da hat uns Denis sehr überzeugt.”
„Natürlich verfolge ich, was in der Politik los ist. Aber mein eigentliches Interesse gilt den Geschichten, die um mich herum passieren. Das ist immer die Frage: Was interessiert einen selber? Mich interessieren emotionale Geschichten. Egal ob ruhig oder wütend: Es muss eine emotionale Wirkung auf den Zuschauer haben.”
„Das werde ich oft gefragt: Wie hast du denn den Sepp Bierbichler dazu bekommen, das so zu spielen? Also, grundsätzlich ist es mal so, dass der Sepp ja nicht bescheuert ist. Wenn er so eine Rolle spielt, weiß er, dass er das nicht so spielen kann wie die anderen Sachen. Er verstand von Anfang an, was ich mit der Figur wollte. Aber es fällt ihm leichter, im Extrovertierten und Lauten aus sich herauszugehen. Seine sanfte Seite zeigt er nicht so gerne, das ist ihm sehr schnell unangenehm. Da muss man dann versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass das nicht peinlich ist. Aber im Großen und Ganzen war die Arbeit mit ihm extrem unkompliziert.”
„Ich hatte die Johanna erst völlig ausgeschlossen für die Gudrun Ensslin. Dann kam sie zum Casting, und ich habe ihr mehrere Texte gegeben. Die hat die Gudrun gelesen, das hat mich einfach umgehauen: Sie hat es einfach großartig gemacht! Die Szene im Gefängnis, das hat sie von Anfang an so gespielt, ich musste einfach nur die Kamera mitlaufen lassen. Ich hab' ihr beim Drehen gesagt: ‚Nach dem Film biste 'n Star’.”
„Ich hätte diesen Film mit bekannten Schauspielern gar nicht machen können: Bei einer Geschichte, die so nah am Alltag gesetzt ist, hat man schnell das Problem, dass die Zuschauer nur den Schauspieler sehen, der die Rolle spielt. So gerät man in eine Distanz zur Geschichte. Daher war es für mich wichtig, dass es drei Schauspieler sind, die nicht so eine Medienpräsenz haben. Ich finde, an den Theatern in Deutschland gibt es unheimlich viele tolle Schauspieler zu entdecken.”
„Christian Petzold wollte von Nina Hoss noch einmal eine andere Seite sehen, und sie hat das wirklich toll geschafft. Und dann kam Benno Fürmann dazu, von dessen körperlicher Präsenz auch Christian total beeindruckt war.”
„Das größte Problem in unserem Job ist Kontinuität: Über Jahre hinweg Filme zu machen, die einem etwas bedeuten, die funktionieren, die dafür sorgen, dass man den nächsten Film machen kann. Das ist für eine Frau vielleicht schwerer: Am Ball zu bleiben. Wenn man Familie hat, muss sich nun mal jemand kümmern. Ich kann nicht sagen, dass mir jemand Steine in den Weg werfen würde, das ist nicht so. Vielleicht liegt es daran, dass meine vorigen Filme gute Zahlen hatten, insofern kann ich es möglicherweise nicht vergleichen. Aber ich mag mich manchmal selber nicht am Drehort. Und dann merke ich: Ich bin ein Mädchen. Ich bin erzogen worden als jemand, der versucht, gemocht zu werden.”
Florian Koerner von Gustorf: „Die Messlatte für Erfolg muss man sich selber legen. Ich glaube, es ist eine Mischung aus Akzeptanz bei Festivals und den Zuschauerzahlen. Hunderttausend Zuschauer sind für einen Film wie JERICHOW toll, wir haben wirklich überhaupt keinen Grund zu Klagen.”
Andreas Dresen: „Dass ich etwas gelernt habe, was ich vorher noch nicht wusste: Das macht mich glücklich. Und zu entdecken, dass man mit einer auf den ersten Blick abwegigen Geschichte die Herzen der Menschen erreichen kann, war für mich ein großartiges Erlebnis.”
Uli Edel: „Wenn der Erfolg ausbleibt, wenn ein Film sein Publikum nicht findet, das ist eine Art von Tod. Für mich ist Erfolg: Der nächste Film. Das ist das Allerwichtigste. Und wir machen Filme, damit wir mit möglichst vielen Menschen kommunizieren können. Kino ist der größte Kommunikator der Welt.”
Caroline Link: „Ich muss sagen, ich bin traurig, dass mein Film nur zweihundertfünfzigtausend Zuschauer gesehen haben.”
Andreas Dresen: „Jeder von uns freut sich über jeden Zuschauer, das ist doch klar. Man ist enttäuscht, wenn das nicht funktioniert.”
Florian Gallenberger: „Es sind zwei verschiedene Blicke. Ich habe vier Jahre mit diesem Film verbracht, das sind auch vier Jahre intensive Lebenszeit. Der Blick auf die Zuschauerzahlen ist eigentlich ein fremder Blick. Aber natürlich bin ich sehr unglücklich, dass es so wenig Zuschauer gab: Man macht einen Film und versucht, etwas zu erreichen, erzählerisch. Wenn der Erfolg nicht kommt, kann man eigentlich nur traurig sein.”
Caroline Link: „Entscheidend ist doch, was man mit dem Erfolg oder Misserfolg macht: Nach einem erfolgreichen Film wollte ich gern diesen kleinen Film machen, und ich war sehr glücklich damit. Nun frage ich mich, ob ich wieder einen großen kommerziellen Film machen sollte, oder ob ich nicht vielleicht weiter auf diesem Weg gehe, der mich eigentlich viel mehr interessiert. Wie glücklich ist man damit, dass man einen Film gemacht hat, den man machen wollte? Ich bin mit meinem Film glücklich, aber ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, diese Richtung weiterzugehen.”
Florian Gallenberger: „Wenn man merkt, wie wankelmütig Erfolg ist - da muss man sich selber überlegen, inwieweit man sich von Erfolg innerlich abhängig macht. Das hat was mit Reifung in dieser Arbeit zu tun, ob man sich vom Erfolg komplett beeindrucken lässt oder nur - ja, teilweise.”
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Text & Video: © 2009, Malte Kreutzfeldt / Deutsche Filmakademie