Nun ist es beinahe schon Tradition geworden: In der Woche vor der Verleihung des DEUTSCHEN FILMPREISES treffen sich die Regisseure der nominierten Filme zu einer Diskussionsrunde im Filmtheater am Friedrichshain in Berlin. Hier saßen in den vergangenen Jahren unter anderem Tom Tykwer, Detlev Buck, die Oscar–Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck und Stefan Ruzowitzky.
Auch die Gesprächsrunde am 16. April 2008 gewährte dem Publikum wieder interessante Einblicke in die Arbeit der Filmemacher. Und obwohl mit Doris Dörrie und Fatih Akin zwei wichtige Regisseure des diesjährigen Festivals leider verhindert waren, gelang ein kurzweiliger und spannender Abend rund um LEROY von Armin Völckers, PRINZESSINNENBAD von Bettina Blümner, YELLA von Christian Petzold, MAX MINSKY UND ICH von Anna Justice sowie AM ENDE KOMMEN TOURISTEN von Robert Thalheim. Heike-Melba Fendel moderierte gewohnt locker und gelungen den Auftakt zum LOLA FESTIVAL 08, bei dem in vielen deutschen Kinos alle nominierten Filme noch einmal auf der großen Leinwand zu erleben sein werden.





Um sich die folgenden Videoausschnitte ansehen zu können und die Diskussionsrunde mitzuverfolgen, benötigen Sie Flashplayer. Alle Zitate im Text sind frei, aber sinngemäß nach den Worten der Gesprächsteilnehmer aufgeteilt.
Drei große Themen bestimmten das Gespräch: Zum einen die Inszenierung von Orten und Räumen, denn das ist die augenfällige Gemeinsamkeit aller fünf Filme. Zum anderen die Frage, was man als Filmemacher zeigen darf. Robert Thalheim zeigt Auschwitz in AM ENDE KOMMEN TOURISTEN beispielsweise bewusst völlig anders, als es bisher zu sehen war – er zeigt seinen eigenen Blick auf diesen Ort:
Es ging mir darum, die Bilder, die die meisten Menschen beim Gedanken an diesen Ort haben, mit meinen Bildern sozusagen zu unterwandern, um auf diese Weise ein neues Verhältnis zu diesem Ort herzustellen. Deswegen sieht man das Tor des KZ Auschwitz zum ersten Mal durch die Windschutzscheibe eines Taxis, während im Radio polnische Popmusik läuft. Aber man kann Filme nicht über Orte machen. Man kann sie nur über Menschen machen.
Bettina Blümners Film war eigentlich ausschließlich als Film im Kreuzberger Prinzenbad geplant. Am dritten Drehtag bekommt sie jedoch eine SMS: „Liebe Bettina, wir gehen nicht mehr ins Prinzenbad. Bye, Clara”. Blümner entscheidet sich für ihre drei Protagonisten Clara, Tanutscha und Mina und gibt ihre ursprüngliche Idee auf. Sie folgt ihnen nun an Orte, die sie gemeinsam auswählen:
Ich wollte keinen Film über Kreuzberg machen, sondern über das Erwachsenwerden. Nachdem wir uns entschieden hatten, nicht mehr im Prinzenbad zu drehen, haben wir gemeinsam neue Orte ausgewählt. Es war mir wichtig, dass das Orte sind, die mit den Mädchen zu tun haben, wo sie sonst auch hingehen.
Immer wieder weist sie, ebenso wie Anna Justice, darauf hin, wie wichtig das Vertrauen der Darsteller zum Regisseur für den Entstehungsprozess ist. So lässt sie im Schnitt des Films bewusst Raum für die Gedanken der Zuschauer. Die Kamera hält sich aber auch immer wieder sehr zurück, wenn die Schilderungen zu privat werden.
Wir haben im Schneideprozess versucht, vieles nur anzudeuten, nicht alles zu Ende zu erzählen. Ich finde, dass sie sich auch oft selbst entlarven. Es gibt viele solcher Situationen, zum Beispiel die Szene mit dem Vibrator. Es geht halt darum, Grenzen auszutesten. Das ist das Spannende an diesem Alter. Sehr zurückhaltend war ich zum Beispiel, wenn Tanutscha in ihrem Zimmer über das Verhältnis zu ihrem Vater spricht. Oder Clara über ihre Mutter. Wenn es halt wirklich um diese ganz privaten Dinge ging.
Das solche Momente überhaupt entstehen können, hat im Wesentlichen mit Vertrauen zu tun; und dieses Vertrauen gilt nicht nur in der Arbeit mit Laien. Dazu Anna Justice:
Schauspieler werden von Regisseuren reingelegt, ganz oft. Sie werden benutzt wie ein Instrument. Das funktioniert aber nur ganz selten: Die meisten sind zu intelligent, um sich reinlegen zu lassen. Aber sie verlieren sofort das Vertrauen und öffnen sich nicht mehr. Für mich ist es wahnsinnig wichtig, dass es immer eine partnerschaftliche Arbeit ist. Das ich ehrlich sage, was ich denke, was ich will. Dass ich Kritik so formuliere, dass man sie auch annehmen kann. Dass ich sie niemals reinlege.
Wie bei MAX MINSKY UND ICH und PRINZESSINNENBAD ist Berlin auch Schauplatz für Armin Völckers' LEROY. Bereits in seinem 2005 entstandenen Kurzfilm „Leroy räumt auf” nähert er sich den Themen Neofaschismus und –nationalsozialismus; der jetzige Kinofilm baut auf seinem damaligen Projekt auf. Bewusst nimmt Völckers dabei den Vorwurf der Verharmlosung in Kauf:
Das Problem ist, dass Neofaschismus und Nationalsozialismus absolut nichts Komisches haben. Das Thema ist so schnell auf der Kippe – wir hatten eine Schlägerei gedreht, die wir auf dem Papier unglaublich komisch fanden, aber wir mussten sie rausnehmen. Sie sah aus wie eine ernste Schlägerei, wie das, was man immer in der Zeitung liest. Wir haben das alles rausgenommen, und deswegen haben wir einen wesentlich harmloseren Film, als wir eigentlich machen wollten. Aber ich dachte, dann machen wir die Provokation eben andersherum und setzen uns bewusst dem Vorwurf der Verharmlosung aus. Dann kommt wenigstens eine Diskussion in Gang, denn das Pädagogische gibt es alles schon, das muss man nicht noch einmal machen.
Das dritte große Thema des Abends kehrt im Grunde zum Anfang zurück, erweiterte die Diskussion um Orte jedoch entscheidend: Auch der Ort, an dem Kino stattfindet – also der Ort, an dem die Zuschauer den Film erleben – spiele ein große Rolle, so Christian Petzold:
Für mich verschwindet das Kino. Es verschwindet in die Gewerbegebiete, an den Rand der Stadt. Oder es verschwindet ins Museum. Das ist natürlich tödlich! Ich arbeite jetzt gerade in Wittenberge, da war früher die ‚Singer’-Nähmaschinenfabrik. Alles abgewickelt heute, die Fabriken stehen leer, zerfallen. Und das Leben der Menschen zerfällt dort mit. Wo also kann das Kino, das ja mit Zuhause, mit Arbeit, mit Gemeinwesen zu tun hatte, heute stattfinden? Das ist der Moment, an dem ich Orte begreife: Nicht, weil die Landschaft dort so schön ist, sondern weil die Erde, die Welt dort Schichten hat. Das ist es, was man mit den Schauspielern erarbeiten muss. Die müssen das erfahren, denn wir sind ja fast alle aus der Ober– oder der bürgerlichen Klasse. Man muss sich in die Orte ‚reinarbeiten’, dann braucht man sie nicht mehr zu filmen: Sie sind dann im Spiel.
Robert Thalheim ergänzte diesen Aspekt noch:
Aber die Leute sehen ja Filme, nur eben nicht im Kino. Sie sehen sie zuhause, im Fernsehen. Alle Debatten, alle spannenden Themen werden heute dort verhandelt. Da frage ich mich dann schon, wenn ich das mal sehe, warum sind dann da die Drehbücher und die Schauspieler so schlecht? Wie geht das zusammen? Merkt das keiner? Merkt keiner, wie man sich abarbeiten muss, um einen vergleichsweise kleinen Film ins Kino zu bringen? Das braucht Zeit und Ausdauer, sich da durchzuquälen, und es braucht den Freiraum, das nicht mit Blick auf Redakteure oder kommerziellen Erfolg zu tun.
Auch die Vertriebswege werden sich ändern – digitales Kino, Serverbetrieb und Ähnliches werden die Weise, in der wir die Filme in Zukunft sehen, massiv verändern. Dazu Christian Petzold:
Was mich interessiert, sind Dinge wie Festplattenkino oder Zentraleinspeisung. Was das für das Bild bedeutet, wie das zentralisiert wird, wie die großen Konzerne sich ihre Zuschauer formen – darüber, finde ich, sollte man sehr viel mehr nachdenken.
Die zunehmende Virtualisierung der Orte, die Auflösung des Realen beschäftigte auch Armin Völckers:
Die Räume werden immer fiktiver, man könnte PIRATEN DER KARIBIK auch in Moskau drehen. Es gibt keine Authentizität; die Zuschauer glauben das nicht mehr. Das war in den 1970ern noch völlig anders. Also: Wen erreicht was? Ich habe in vielen Vorstellungen mit Jugendlichen gesessen, die nehmen das mehr als soziales Ereignis. Wenn man schon mal ins Kino geht und nicht vor der XBox oder DVD sitzt, dann trifft man sich halt – da wird schamlos gequatscht und so. Und ich habe das DVD-Gucken für mich entdeckt. Das ist eine neue Art zu gucken, die man sich so langsam aneignet. Vielleicht muss man eher darauf reagieren: Dass einem keiner mehr was glaubt. Auch die Leute in Hollywood sind ja nicht blöd, da gibt es noch Subversion, auch wenn am Ende nur drei oder vier gute Momente übrig bleiben.
Text & Video: © 2008, Malte Kreutzfeldt / Deutsche Filmakademie