Moritz Bleibtreu::SOUL KITCHEN
Franziska Petri::SCHATTENWELT
Mina Tander::MARIA, IHM SCHMECKT'S NICHT!

Mit großer Freude konnten die Deutsche Filmakademie und Moderatorin Heike Melba-Fendel die Regisseure Chris Kraus (VIER MINUTEN), Marcus H. Rosenmüller (WER FRÜHER STIRBT, IST LÄNGER TOT), Stefan Ruzowitzky (DIE FÄLSCHER), Hans Steinbichler (WINTERREISE), Sven Taddicken (EMMAS GLÜCK) sowie Tom Tykwer (DAS PARFUM) begrüßen. Um sich die folgenden Videoausschnitte ansehen zu können und die Diskussionsrunde mitzuverfolgen, benötigen Sie QuickTime 7. Alle Zitate im Text sind frei, aber sinngemäß nach den Worten der Gesprächsteilnehmer aufgeteilt.

Chris Kraus
Marcus H. Rosenmüller
Stefan Ruzowitzky
Hans Steinbichler
Sven Taddicken
Tom Tykwer

Ob ein überraschender Erfolg wie WER FRÜHER STIRBT, IST LÄNGER TOT oder ein noch über die ohnehin schon hohen Erwartungen hinaus erfolgreicher Film wie DAS PARFUM: Die Auswahl der für den Filmpreis nominierten Arbeiten ist stets eine gute Gelegenheit, das vergangene Kinojahr Revue passieren zu lassen. Während des LOLA FESTIVALS bieten Kinos in zwanzig Städten die Möglichkeit, alle nominierten Filme noch einmal auf der großen Leinwand zu sehen; und wie schon im vergangenen Jahr trafen sich zum Auftakt die Regisseure der sechs für den ‚Besten Spielfilm’ nominierten Produktionen.

In entspannter Atmosphäre sprachen Chris Kraus (VIER MINUTEN), Marcus H. Rosenmüller (WER FRÜHER STIRBT, IST LÄNGER TOT), Stefan Ruzowitzky (DIE FÄLSCHER), Hans Steinbichler (WINTERREISE), Sven Taddicken (EMMAS GLÜCK) sowie Tom Tykwer (DAS PARFUM) an diesem Abend in zwei viel zu kurzen, unterhaltsamen Stunden über ihre Filme und die Arbeit mit Schauspielern, über Erwartungen, Scheitern und Erfolg.

Von Alterungsprozessen und dem Bild im Kopf


Was ist das, Erfolg? Lässt er sich in Zuschauerzahlen, Anerkennung oder Einnahmen messen? Der Weg von der Stoffentwicklung über die Arbeit am Drehbuch, das Casting der Schauspieler, die Dreharbeiten am Set sowie die Postproduktion am Schnittplatz und Mischpult ist eine lange Reise, die nicht selten viele Jahre in Anspruch nimmt. Chris Kraus hat das Buch zu seinem Film VIER MINUTEN vor neun Jahren begonnen:

Wenn man in den Spiegel guckt, ist man überrascht: Wann ist der Alterungsprozess eingetreten? Man hat ein Bild im Kopf, versucht es mühsam in den Griff zu bekommen. Das Bild war vor zehn Jahren da, und das finde ich heute noch im Film wieder.


Und Tom Tykwer, dessen PARFUM mit über fünf Millionen Zuschauern einer der größten Zuschauererfolge der vergangenen Jahre ist, ergänzt dazu:

Wenn man allein im großen Kino den fertigen Film sieht – bevor die erste Karte verkauft wurde, bevor einem der Film um die Ohren gehauen wird –, wenn man dann glücklich ist, das ist wirklich ein Erfolg.


So unterschiedlich die Beschreibungen der Teilnehmer sein mögen, einig waren sich alle darin, wie nah Erfolg an allen nur erdenklichen Varianten des Scheiterns liegt – und wie wichtig diese Erfahrungen oft sind, um sowohl in der Erzählhaltung als auch in der Teamarbeit die heikle Balance zwischen dem Eigenen und dem Fremden oder besser noch den Erwartungen von außen zu finden. Sven Taddicken meint:

Gutes Gefühl: Erfolg. Wenn man ehrlich geblieben ist. Manche Kritik tut wirklich weh, weil sie einfach richtig ist. Wenn man viel Geradeheraus hinbekommen hat, spüren die Leute das.


Marcus Rosenmüller und Hans Steinbichler haben sehr spezielle Erfahrungen mit Publikumsreaktionen gemacht:

Es wurde bei ganz vielen Sachen gelacht, da dachte ich: ‚Moment, das ist doch jetzt Poesie!’


Ich war in Vorführungen, da haben die Leute gesagt: ‚Können Sie nicht mal was Lustiges machen wie dieser Rosenmüller?’ – ‚Ich würde ja gern, aber ich kann nicht!’


Sonst ist irgendwann der Sex weg


Naturgemäß ist die Erwartung bei einem bekannten Stoff wie dem PARFUM eine andere als bei den fünf anderen Produktionen. Der Spielraum für eine individuelle ästhetische Prägung scheint hier kleiner. War das für einen stilprägenden Regisseur – man denke nur an WINTERSCHLÄFER oder LOLA RENNT – wie Tom Tykwer nicht problematisch?

Mein Stempel ist der Stempel der Leute, mit denen ich seit Jahren arbeite – ein Familienstempel gewissermaßen, ein gemeinsam geprägter Stil.


Und in der Tat ist die Bedeutung eines langfristig zusammenarbeitenden Teams für beinahe alle Anwesenden von größter Bedeutung. Auch für Stefan Ruzowitzky, obwohl er mit Kameramann Benedict Neuenfels zum ersten Mal zusammengearbeitet hat. In einer unnachahmlich lakonischen Mischung bemerkt Ruzowitzky dazu:

Ein bisschen Familie, ein bisschen was Neues: Man lernt viel durch neue Einflüsse und Ideen. Sonst ist irgendwann der Sex weg.


Und manchmal ist der Grund für eine Zusammenarbeit sogar noch ein kleines bisschen einfacher...

Ich red' viel lieber mit Frauen. Ich weiß, wie ich die behandeln muss, damit ich bekomme, was ich will.

Die Arbeit mit Schauspielern


Bedeutet eine eigene ‚Regie-Handschrift’ automatisch, dass man auch unterschiedlich mit Schauspielern arbeitet? Zum Glück gibt es keine ausgeklügelten Strategien, kein Programm, das man mit Schauspielern durchzieht. Dennoch gehen die Meinungen der anwesenden Regisseure an dieser Stelle auf programmatische Weise auseinander:

Regie ist oft ein Zuschauen, ein ‚Bloß-nicht-reinhaken’. (H. Steinbichler)

‚Gucken wir mal, was passiert’ – das wäre für mich keine Freiheit, sondern Panik. (S. Ruzowitzky)

‚Schauspiel bedeutet nicht fühlen, sondern zeigen, Kinder’ – das sind genau die Sprüche, mit denen man Jördis Triebel und Jürgen Vogel nicht kommen sollte. (S. Taddicken)

Ich mache auch ungern was vor. Außer bei Dustin Hoffmann, der will immer, dass man ihm vorspielt. (T. Tykwer)

Also ich spiele gern vor, einfach, weil ich nicht so eloquent bin. (M. Rosenmüller)

Text & Video: © 2007, Malte Kreutzfeldt / Deutsche Filmakademie

24.deDeutscher-FilmpreisLOLA FESTIVAL