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Ein Plädoyer für die Gleichberechtigung des Dokumentarfilms

„Der Dokumentarfilm hat in der jüngeren Vergangenheit immer mehr an Interesse gefunden. Denken wir an den Discovery Channel, ein Grund für viele, Premiere zu abonnieren. Oder an das Interesse und die Präsenz im Ausland, wo der deutsche Dokumentarfilm schon lange hoch angesehen ist und dieses Land auch cineastisch nachdrücklicher repräsentiert als es der fiktionale Film in der Lage war (von wenigen Ausnahmen wie GOOD BYE, LENIN! und LOLA RENNT, um nur zwei zu nennen, abgesehen). Wim Wenders hat mit dem Dokumentarfilm BUENA VISTA SOCIAL CLUB seinen Kinohit gehabt, den er mit seinen Spielfilmen so lange vermissen musste, und auch andere große Regisseure dieser Welt haben mit der Blues History Film Staffel unter der Schirmherrschaft von Martin Scorsese international Aufsehen erregt.

Es ist die Authentizität dieser Filme und der Wunsch, Wahrhaftigkeit hinter oberflächlicher Unterhaltung zu entdecken, was die Menschen zunehmend interessiert. Jenseits der quotenabhängigen Medienberichterstattung, bei der niemand weiß, was wahr und was mediales Quotenfutter ist. Menschen hinter Nachrichten zu entdecken, Hintergründe zu begreifen oder Bekanntes völlig neu zu erleben (im Sport zum Beispiel) – das ist der Humus für das aufkeimende Interesse. Und eben gut gemachte Erzählungen, dokumentarische Kinoerzählungen.

Filme wie zum Beispiel DIE SPIELWÜTIGEN, BLACK BOX BRD, MEGACITIES oder eben HEIMSPIEL und HÖLLENTOUR sind aufwendig gemachte Filme fürs Kino, deren Darsteller reale Menschen sind, keine Schauspieler. Der Aufwand, diese Filme zu machen, ist oft gleich oder größer als der von fiktionalen Filmen. Musik, Sounddesign, Logistik, Bildbearbeitung, digitale 6-Kanalmischungen und Titeldesign sind auf vergleichbarer Ebene. Kopierwerksleistungen sind meist höher durch hohes Drehverhältnis (HÖLLENTOUR hatte 70 Stunden Ausgangmaterial auf 35 mm und Super 16!!) ebenso wie Postproduktionskosten und Reisekosten (weil oft auf der ganzen Welt gedreht und recherchiert wird) – und das Ergebnis sind große Kinoerzählungen, die in ihrer dramatischen Struktur gebaut sind wie Spielfilme. Sie unterhalten im gleichen intensiven Maße ihre Zuschauer, haben aber das Manko, dass der P&A-Aufwand für sie so unendlich klein gehalten wird, weil die Branche die Chance und das Potential dieser Filme immer erst im nachhinein entdeckt. Noch immer ist in der Branche – nicht beim Publikum – das Vorurteil vorhanden, dass dokumentarische Filme im Kino keine Chance haben, dass das Genre höchstens eine Vorstufe zum ‚richtigen’ Kinofilm sei, nämlich dem fiktionalen.

Aber tatsächlich ist nichts fiktionaler als gut erzählte Wirklichkeit!

Dazu braucht es Geld, Förderung und Unterstützung. Warum, frage ich an dieser Stelle, gibt es nur zwei Nominierungen beim Deutschen Filmpreis und ein deutlich niedriger angesetztes Preisgeld als für den fiktionalen Film mit fünf Nominierungen, die in der Vergangenheit nicht selten aufgeblasene Fernsehspiele waren?

Warum wird bestritten, dass dokumentarische Filme herausragende Einzelleistungen haben an der Kamera, im Schnitt – dort erst entsteht der dokumentarische Film und doch wurde er bisher bei der Vergabe des Preises für Schnitt noch nie berücksichtigt! –, im Ton und der Musik? Gibt es keine Regie im dokumentarischen Film? Kann mir jemand erklären, warum die Branche all dies nicht sieht? Selbst bei den Oscars gibt es für den langen Dokumentarfilm fünf Nominierungen. Dazu eine eigene Kategorie für den kurzen dokumentarischen Film.

Das Publikum hat es längst erkannt: Der Kino-Dokumentarfilm fesselt, unterhält, ist komisch, oft spannend und emotionaler als manch anderes Genre. Als HÖLLENTOUR, mit 13 Kopien gestartet, nur in wenigen Städten zu sehen war, gab es massive Brief-, Fax- und E-mail-Aktionen von Menschen, die diesen Film in ihren Kinos regelrecht einforderten, weil sie nicht 400 Kilometer fahren wollten, um ihn sehen zu können. Wann hat es denn das je gegeben?.

Auch wenn der Film bis heute (nach 16 Wochen) mit 50 Kopien und einem guten Kopienschnitt fast 200.000 Zuschauer machte, sein Geld und die Verleihförderungen längst eingespielt hat – also alle zufrieden sind –, hätte er das Potential für weit mehr gehabt. Bei einer angemessenen Startkopienzahl mit vergleichbarem P&A – wie bei Spielfilmen üblich – hätte er explodieren können. Die Amerikaner trauen sich dies neuerdings. FAHRENHEIT 9/11 und SUPER SIZE ME Kopien, in ihrem Home Territorium gar mit 900. Es braucht in den Köpfen der Industrie (in Produktion und Verleih/Vertrieb) einen Paradigmenwechsel: Vertrauen, Gleichstellung, Respekt vor der Einzelleistung und Unterstützung des dokumentarischen Kinofilms. Dann, nur dann, kann er sich weiter entwickeln. Nur dann wird dieser Trend anhalten und nicht zur Eintagsfliege verkümmern. starten auch in Deutschland mit 200 bzw. 100

Die Mitglieder der Deutschen Filmakademie sollten Zeichen setzten und dieses Genre emanzipieren. Der fiktionale und der dokumentarische Film sind Gleiche unter Gleichen. Die Kinozuschauer haben dies längst erkannt!

Der Dokumentarfilm selbst muss sich nicht neu definieren. Er hat seit NANOOK, DER ESKIMO in den Anfangsjahren des letzten Jahrhunderts so viele Facetten entwickelt, dass den Ignoranten gegenüber dieser Spielform des Erzählens die Augen überquellen würden, wenn ich ihnen nur einige davon im Kino zeigen würde. Oft genug waren die Anstrengungen, einen fiktionalem Film den ‚dokumentarischen Touch’ zu geben durch körniges Filmmaterial oder Handkamera peinlich, wenn dagegen die dokumentarische Erzählung durch Brillanz und ausgeklügelte Kameraeinstellung auftrumpfte.

Wie die Comedy, der Thriller, der Western, das Biopic oder der Liebesfilm beim Spielfilm bestehen seit Jahrzehnten die unterschiedlichsten Formen im Dokumentarfilm-Bereich: Reportagen, Biografien, Agitprop, narrativ erzählte, collagierte Musikfilme und investigative Kriminalgeschichten.

Es sind nicht die Dokumentationen, jene zugequatschten Hörspiele auf Zelluloid, von denen ich rede. Es sind die großen dokumentarischen Formen, die die Leinwand brauchen, um sich entfalten zu können. Nur kennt sie niemand, weil sie in ihren Nischen (Festivals und internationale Foren) gehalten werden. Weil sie teuer sind, schwer zu finanzieren und Vertrauen brauchen. Von Filmförderern und Produzenten. Geldgebern. Von der Filmindustrie. Von uns allen.

Jetzt erobern sie sich durch ihre eigene Kraft ihren Platz zurück im Kino, wie sie in den frühen sechziger Jahren Filme wie SERENGETI DARF NICHT STERBEN schon einmal eingenommen hatten. Es geht darum, die Welt, Menschen und Geschichten über das Kino kennenzulernen. Mit der dokumentarischen Form. Dazu brauchen sie keinen gemeinsamen Nenner. Vielmehr macht die Vielfalt das Genre lebendig. Und doch haben sie eine Gemeinsamkeit: Die Schauspieler dieser Kinoerzählungen sind echte Menschen. Und dieser Fakt fasziniert den Zuschauer zur Abwechslung des im Fiktionalen immer Gleichen zunehmend mehr.”

von Pepe Danquart

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