Unter der Leitfrage „Wieviel Gewalt ist in uns?” trafen sich am 27. November 2006 bereits zum zweiten Mal Mitglieder und Gäste der Deutschen Filmakademie und von Mercedes-Benz zur Veranstaltungsreihe FILM TRIFFT… Die engagierte Berliner Schauspielerin und Mutter Christiane Paul und der ehemalige Werder Bremen-Star und Nationalspieler Marco Bode befassten sich in dem von Maybrit Illner moderierten Gespräch mit dem Thema Gewalt unter und an Jugendlichen.
Die knapp 180 Zuhörer, die der Präsident der Deutschen Filmakademie, Günter Rohrbach, an diesem Abend in München begrüßen konnte, wurden Zeugen eines sehr persönlichen Gesprächs: Paul und Bode berichteten über ihre Kindheit, ihre Wahrnehmung der eigenen Erziehung, ihren Blick auf die Erziehung ihrer Kinder und machten Vorschläge zu pädagogischen Zielen der Gesellschaft. Um sich die jeweiligen Videosequenzen anzusehen, klicken Sie bitte auf die Bilder. Sie benötigen dazu QuickTime 7.
Der Film KNALLHART
Das Leben ist für den 15-jährigen Michael nach seinem Umzug vom noblen Villenvorort Zehlendorf in den sozialen Brennpunkt Neukölln von Gewalt geprägt. Als Neuling wird er von einer Jugendgang bedroht und verprügelt. Um sich zu schützen, schließt er sich selbst einer Gang an, wird Drogenkurier und rutscht langsam aber unaufhaltsam in eine Spirale von Kriminalität und Gewalt.
Michaels Geschichte, die Detlev Buck in seinem vielfach ausgezeichneten Film KNALLHART erzählt, hat, seitdem er in die Kinos gekommen ist, in ganz Deutschland für heftige Diskussionen gesorgt. Angeheizt durch den Skandal um die Berliner Rütli-Schule fragen sich Menschen allerorts, ob Neukölln nun ein Ausnahme-Stadtteil ist oder solche und ähnliche Situationen in ganz Deutschland schwelen. Nicht zuletzt durch die Ereignisse der letzten Wochen hat das Thema ‚Gewalt an und unter Jugendlichen’ erneut an Brisanz gewonnen.
Öffentliche Debatte
Maybrit Illner stieg bewusst mit der provokanten Frage in das Gespräch ein, ob Neukölln mittlerweile überall sei. Sofort befanden sich die Gesprächsteilnehmer in einer kritischen Auseinandersetzung mit der aktuellen öffentlichen Debatte zu diesem Thema – einer Debatte, die zwischen großer Betroffenheit und stereotypen Schuldzuweisungen an die Eltern, die Schulen oder die Politik pendelt.
Wohltuend, diese Fragen deshalb Menschen wie Christiane Paul und Marco Bode gestellt zu wissen. Ihre Antworten waren geprägt von einer menschlichen und praktisch-pragmatischen Herangehensweise, die die Erziehung ihrer eigenen Kinder ebenso miteinbezogen wie sie auch die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen skizzierten.
So sei die Feststellung, dass soziale Brennpunkte ein eher großstädtisches Problem darstellen, sekundär, wenn gleichzeitig zunehmende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen auch in kleineren Städten oder auf dem Land wahrnehmbar sei, wie Marco Bode betonte.
Ist KNALLHART überall?
Und auch die Frage, ob es sich vornehmlich um ein Migrationsproblem handele oder ob patriarchale Strukturen in türkischen Familien der Hauptgrund für die wachsende Gewalt unter Jugendlichen seien, treten für Christiane Paul und Marco Bode in den Hintergrund. So führte Paul die Fernsehdokumentation „S.O.S. Schule” als Beispiel an, in der ähnliche Vorfälle wie die in KNALLHART beschriebenen für eine Schule im deutlich besser situierten Berliner Stadtteil Charlottenburg ebenso zur Realität gehörten.
Neben der Konstatierung zunehmender Ghettoisierung in den Großstädten und der Frage nach der Sinnhaftigkeit von ‚Elternführerscheinen’ oder ‚Schnupperknast’ sahen beide in der wachsenden Gewaltbereitschaft von Jugendlichen ein gesamtgesellschaftliches Problem – eine Folge der überall wahrnehmbaren Armut in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Werte, Solidarität und Mut
Beide Talkgäste waren sich darüber einig, dass das Vermitteln von Werten wie Solidarität, Rückrat und Mut in einer von Leistungsdenken und Einzelkämpfertum geprägten Gesellschaft Hauptziel der Bemühungen um Jugendliche sein sollten. ‚Konsequent und liebevoll’ war für beide die Schlussfolgerung für die Erziehung der eigenen Kinder. Wichtig sei es im Weiteren, Institutionen zu schaffen, die Jugendlichen Halt gäben (Christiane Paul) und Freiräume anzubieten hätten, die Kindern Entfaltungsmöglichkeiten ließen (Marco Bode). Hierfür seien nicht nur die Eltern zuständig, obwohl Eltern die wichtigste Rolle bei der Erziehung von Kindern spielen – aber eben nicht die alleinige.
Es gelte, den sozialen Zusammenhalt von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Schon nach der 4. Klasse festzulegen, wer einen Hauptschulabschluß machen werde – was in der heutigen Zeit ein Synonym für Perspektivlosigkeit und eine Zukunft mit Hartz IV bedeute – und wer einmal studieren kann, schaffe eine Klassenzuordnung, die schwer revidierbar sei. In diesem Zusammenhang erzählte Christiane Paul aus ihrer eigenen Schulzeit in der ehemaligen DDR, in der die Klassen bis zum 8. Schuljahr zusammenblieben und sich erst danach entschied, wie es für den einzelnen Schüler weitergeht.
KNALLHART in die Schulen
Eine pädagogische Richtung erhielt das Gespräch, als Maybrit Illner von einer Initiative der Bundeszentrale für politische Bildung berichtete, die KNALLHART für den Schulunterricht empfiehlt. Während Christiane Paul einräumte, dass man den Film zwar unbedingt in Schulen zeigen solle, aber ihn nicht unkommentiert lassen könne, ergänzte Marco Bode, dass der Film sehr stark emotional rühre. Aus dem Stehgreif entwickelte er einen Fragenkatalog für eine mögliche Unterrichtseinheit, die klar darauf abzielte, den Film nicht nur als Phänomen in einem vielleicht fernen Stadtteil zu behandeln, sondern in den eigenen Bezugsrahmen einzuordnen und gemeinsam nach Auswegen aus der KNALLHART-Geschichte von Michael zu suchen.