Alfred Holighaus über deutsche Filme, Preisgeld und Yachten
Der Gala-Pomp ist angemessen, wenn am kommenden Dienstag in Berlin wieder der Preis First Steps im Theater am Potsdamer Platz verlieh wird. Schließlich handelt es sich um die wichtigste deutsche Auszeichnung für Nachwuchsfilmer. Alfred Holighaus, 51, betreute seit 2002 die Perspektive Deutsches Kino der Berlinale, seit Januarist er Geschäftsführer der Deutschen Filmakademie, die zu den Veranstaltern und Stiftern des Preises zählt.
SZ: Herr Holighaus, wie geht es denn dem deutschen Film?
Alfred Holighaus: Wenn man die Besucherzahlen anschaut, dann befindet er sich gerade in einem kleinen Sommerloch. Das ist nicht ungewöhnlich, die Hauptsaison ist der Herbst. Und die Berlinale im Februar.
SZ: Und wenn Sie auf die Qualität schauen?
Holighaus: Den Zustand finde ich weniger besorgniserregend. Es gibt jetzt eine gewisse Kontinuität, wie lange nicht mehr in der Geschichte des deutschen Films. Endlich werden wieder regelmäßig Filme gemacht, über die geredet wird – im Inland und im Ausland. In den späten Neunzigern, als die Deutschen ohne Filme im Gepäck nach Cannes fuhren, um dort welche zu kaufen und ihren Börsenwert zu steigern, da sagte man immer: Die Deutschen haben in Cannes die Yachten und die anderen haben die Filme. Das hat sich ganz klar geändert.
SZ: Weil die Deutschen keine Yachten mehr haben?
Holighaus: Sie haben keine Yachten mehr – vor allem aber haben sie hin und wieder einen Film. Auf jeden Fall in einer guten Segelboot-Klasse. Früher haben die Leute, wenn man ihnen von einem deutschen Film erzählte, gefragt: Ach, ist der Fassbinder doch nicht tot?
SZ: Woran liegt es, dass sich das Niveau so verbessert hat?
Holighaus: Da kommt vieles zusammen. Die zunehmende Professionalisierung, die Nachwuchsförderung – und da sind wir auch schon bei First Steps. Die Filmausbildung hat sich konsolidiert. Immer mehr Leute aus der Branche unterrichten an den Filmhochschulen, das hat vieles verbessert. Und das Interesse an unterschiedlichen Stoffen und Genres ist auch größer geworden. In den vergangenen Jahren haben Themen und Formen zueinander gefunden. Wenn heute ein Filmemacher weiß, was er erzählen will, dann weiß er auch sehr genau wie.
SZ: First Steps wird zum elften Mal vergeben. Hat es der Nachwuchs heute leichter als vor 10 Jahren?
Holighaus: First Steps ist nicht „Jugend forscht“. Nachwuchs ist mittlerweile ein Label – etwas, wo man gerne dazugehört. Dafür hat First Steps mit gesorgt. Es ist so: First Steps setzt die jungen Leute auf einen hohen Berg und sagt: Genießt es! Und nutzt eure Chance!
SZ: Was bewegt denn die jungen Filmemacher heute?
Holighaus: Es ist schon sehr auffällig, welche Rolle da das Thema Gewalt in den Filmen spielt. Da gibt es etwa den nominierten Langfilm Film Picco , der in einem Jugendknast spielt und der sich ganz konkret auf die Geschichte des Foltermordes in Siegburg bezieht. Oder in Shahada – da geht es um multikulturelle Reibereien. Die Gewalt in den Filmen reagiert auf die Präsenz der Gewalt in der Gesellschaft.
SZ: Jedes Jahr werden 60 neue Regisseure von den Filmhochschulen mit Diplom auf den Markt geworfen. Wie viele schaffen es, tatsächlich als Regisseur zu arbeiten?
Holighaus: Das ist ein Problem, diese Menge an Ausbildungsplätzen und an Leuten, die ausgebildet werden. Ich würde mir wünschen, die Hochschulen würden stärker zusammenarbeiten, sich konstruktiver aufeinander abstimmen und mit ihren Studienplänen aufeinander aufbauen. Aber so werden ja auch Filme gemacht. Man hat zwanzig Stoffe und daraus wird ein Film. Und der ist möglicherweise erfolgreich.
SZ: Ziemlich darwinistisch.
Holighaus: Ja, das ist der cinematografische Darwinismus, das sage ich natürlich mit Bedauern. Denn ich kenne natürlich sehr, sehr viele an die ich fest geglaubt habe und bei denen es dann nicht geklappt hat. Ich meine nicht: Das ist richtig so, alle müssen durch den Trichter und unten kommt dann das Beste raus. Aber es kommt natürlich mehr raus, wenn man mehr oben rein steckt.
SZ: Ist es schwieriger, den ersten oder den zweiten Film zu machen?
Holighaus: Ganz sicher den zweiten. Beim ersten Film hat man in Deutschland einen wahnsinnigen Bonus. Die Leute sind heiß, und als Filmemacher kann man sich selbst ausbeuten bis zum Anschlag. Auch die Schauspieler, die gesamte Produktion ist genügsam und nachsichtig, aber höchst ambitioniert.
SZ: Ist First Steps der Preis, um den zweiten Film zu finanzieren?
Holighaus: First Steps ist begrenzt auf Abschlussfilme. Das ist ganz buchstäblich der erste wichtige Schritt für die jungen Filmemacher, und die Initiative hilft mit mehreren Maßnahmen, um den zweiten Schritt zu ermöglichen: Einmal ist da das Geld. Mit dem Preisgeld kann natürlich keiner einen zweiten Film machen, aber man kann darauf hinarbeiten und gewinnt so Zeit. Dann ist allein die First-Step-Party eine Chance: Man kann die Leute aus der Branche direkt treffen, ohne dass da abgesperrt oder abgeschirmt ist. Und am nächsten Tag haben wir in der Filmakademie immer noch eine Veranstaltung, die heißt „Am Tag danach“, wo die Nominierten, die ja in der Summe den Jahrgang ausmachen, die Juroren und Mitglieder der Filmakademie kennen lernen. Letztes Jahr wollte zum Beispiel eine junge Drehbuchautorin gar nicht einen Drehbuchautoren treffen, sondern sie wollte mit Senta Berger sprechen, weil sie wissen wollte: Wie schreibe ich als junge Autorin für eine erfahrene Schauspielerin. Solche Sachen werden durch First Steps ermöglicht.
Barbara Gärtner, in: Süddeutsche Zeitung, 13.08.2010
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